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Letzter Kaffee mit Margot Honecker

Literatur Letzter Kaffee mit Margot Honecker

Fast ein Vierteljahrhundert hatte Margot Honecker im chilenischen Exil verbracht, als sie im Mai 2016 starb. Nils Ole Oermann ist vermutlich der letzte Besucher, den sie dort kurz vor ihrem Tod empfangen hat. Im Buch „Zum Westkaffee bei Margot Honecker“ lässt der Autor seine Begegnungen mit der ewigen Volksbildungsministerin der DDR nun Revue passieren.

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Margot Honecker

Quelle: DPA

Potsdam. Blaubeertorte ist es diesmal. Nils Ole Oermann kauft sie in La Reina, dem schmucken Vorort der chilenischen Hauptstadt Santiago. Das Backwerk soll ihn abrunden, den „Westkaffee bei Margot Honecker“. Es ist der 5. April, und beide wissen, dass ihr viertes politisches Kaffeekränzchen das letzte sein wird: „Ich liege im Sterben“, sagt die 88-Jährige mit der gewohnten Härte gegen sich und jene Generationen von DDR-Bürgern, die von den 1960er Jahren an die sozialistische Schule der ewigen Volksbildungsministerin besuchten.

Genosse Nummer 7 kommt zum Gespräch

Sie gab keine Interviews. Und Oermann gelingen nur Vermutungen darüber, warum ausgerechnet er von der „meistgehassten Frau der DDR“ („Die Welt“) vorgelassen wird. Als „Genosse Nummer 7“, wie er feststellt, denn außer ihm wissen nur drei deutsche und drei chilenische Mitstreiter, dass der Brustkrebs mittlerweile aggressiv streut. Es geht ihr wohl wie ihrem Mann Erich, der 1987 in Bonn beim Empfang durch Helmut Kohl mit allen militärischen Ehren mehr strahlt als auf allen Winktribünenfotos: Echte Bestätigung – und vielleicht ein faires Vermächtnis – kann man sich nur beim Klassenfeind holen. Nach den Maßstäben der Honeckers ist der junge Historiker, Ethikprofessor und Theologe Oermann, Jahrgang 73, ein Feind: Er arbeitete für Bundespräsident Horst Köhler und für Finanzminister Wolfgang Schäuble, seine Habilitation betreute ausgerechnet Richard Schröder, Fraktionschef der SPD in der ersten frei gewählten Volkskammer.

Zuhörer voller Neugier, ohne offene Rechnungen

Der Mann ist eine gute Wahl. Nicht die Häme des Boulevards oder der Hass für die „lila Hexe“ lenken seinen Blick, sondern Neugier. Er hat keine persönliche Rechnung mit ihr offen, sagt er. Ihn interessiert die „irritierende Mischung aus Bescheidenheit und unerbittlicher Gewissheit“. Und ihn interessiert, warum Diktatoren nicht irre werden an dem, was sie taten. Denn auch Oermann weiß, dass die Sterbende einst von der Kita bis zur Universität die Spielregeln und die Grausamkeiten vorgab, nach denen man eine sozialistische Persönlichkeit zu werden hatte. Die Alternative hieß Nichtzulassung für Abitur und Uni - oder Karriereknick, millionenfach.

Eine Frau im letzten Stadium ihrer Krankheit

Der Besucher muss trotzdem ankämpfen gegen ein Gefühl der Bewunderung angesichts eines Sterbezimmers, in dem es, wie er schreibt, vier Wochen vor dem Ende keinerlei Geruch nach Alter und Tod gibt, und angesichts einer Frau, die im letzten Stadium ihrer Krankheit kerzengerade in den Kissen sitzt, frischer Teint, die Bluse gestärkt, strenger Blick auf die Armbanduhr, nicht die leisesten Anzeichen von Altersdemenz.

Der Feldzug gegen die DDR ist noch im Gange

Was Oermann zu hören bekommt, nennt er eine Mischung aus Geisterbahn und Revolutionstribunal, aus Fasching und Fallbeil. Gorbatschow? Ein Konterrevolutionär. Krenz? Ein Weichei. Biermann? Nicht ganz dicht. Von Schabowski ganz zu schweigen. Margot Honeckers Blick auf ihr verflossenes kleines Land erinnert ihn an verwunschene Reiche, von denen man Kindern erzählt – voller guter Feen und, nun ja, Hexen. Bis zuletzt saugt sie Kraft und Gewissheit aus den Problemen in der Heimat: Ob Hartz IV oder die Flüchtlingskrise, alles untermauert, dass der „Feldzug gegen die DDR“ zum Scheitern verurteilt ist. Weil die Hälfte der Ostdeutschen sage, es gehe ihnen schlechter im Vergleich zur „Schönen Zeit ...in unserer DDR“.

Oermann fragt nicht, wie die hübsche Jungkommunistin 1949 den Erich seiner Frau Edith Baumann ausspannte und ob der aufstrebenden Funktionär tatsächlich aus Angst vor dem Parteitribunal drei Jahre in Bigamie lebte. Er will auch nicht wissen, ob sich der misstrauische Generalsekretär nach Tschernobyl tatsächlich einen Geigerzähler für das Pilze suchen besorgte.

Widerspruch oder Kritik wird erstickt

Es gibt keine neuen Fakten, und so wird das Buch für die Schüler der Honecker-Ära erst gewinnbringend in den Fragen, die sich der Autors selbst zur „Miss Bildung“ stellt. Die mächtige Volkserzieherin hatte es zu ein paar Stunden im Neulehrerkurs gebracht, dann gab es nur noch die Parteikarriere. War es dieses formale Bildungsdefizit, das Gefühl der eigenen Angreifbarkeit, das man durch Dogmatismus kompensiert und das jeglichen Widerspruch oder gar Kritik unerträglich macht? Galt der verhinderten Pädagogin alles an humanistischer Bildung, was nicht dem politischen Ziel diente, als zweckfrei, als überflüssige Horizonterweiterung um ihrer selbst willen. Gar als schädlicher Blick über den Tellerrand in einem eingemauerten Land? Eher brauchte man wohl den 1978 eingeführten Wehrkundeunterricht, um, wie es Oermann schreibt, „Schießautomaten zu erziehen“, die ihre Mitbürger gegen ihren Willen festhalten.

Die Grausamkeit wohnt gleich nebenan

Der Besucher zieht ein frühes Resümee, das in die Zeit des ideologisch begründeten Terrors und des Erstarkens der extremen Ränder eine Warnung streut: Wenn jemand einer Ideologie – und die muss nicht Sozialismus heißen – anhängt, wenn er die absolute Wahrheit gepachtet zu haben glaubt, Fakten ausblendet, die nicht ins eigene Weltbild passen, Andersdenkende verachtet, wegen des großen Ganzen gleichgültig ist gegenüber dem Einzelnen dann „können Grausamkeit und Kälte plötzlich direkt um die Ecke von Liebenswürdigkeit und Solidarität wohnen.“

info: Nils Ole Oermann: Zum Westkaffee bei Margot Honecker – letzte Begegnung mit einer Unbeirrten. Hoffmann und Campe, 176 Seiten, Hardcover, 16 Euro.

Von Volkmar Klein

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