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Letzter Wunsch: Eine Reise an die Ostsee

Wünschewagen in Brandenburg Letzter Wunsch: Eine Reise an die Ostsee

Noch ein einziges Mal das Meer sehen – wer könnte einer sterbenskranken Frau diesen letzten Wunsch abschlagen? Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes macht solche Reisen möglich. Dabei sind die Ausflüge selten traurig, obwohl alle Beteiligten wissen, wie es um die Patienten steht. Ingrid Pott aus Falkensee war kurz vor ihrem Tod Passagierin des Busses.

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Angekommen: Ingrid Pott mit ihrer Familie vor dem Kreuzfahrtschiff in Warnemünde: Urenkelin Kimberly Mokosch, Tochter Peggy Mokosch, Enkelin Paola Mokosch, Enkel Daniel Mokosch und Urenkel Dustin (v.l.).

Quelle: Diana Bade

Falkensee. Die Sonne glitzert durch die verdunkelten Panoramafenster, kleine Lichter funkeln an der Wagendecke und als der Mercedes Sprinter losrollt, huscht ein Lächeln über Ingrid Potts Gesicht. Die 83 Jahre alte Brandenburgerin aus Falkensee (Havelland) ist aufgeregt an diesem sommerlichen Morgen: Denn es wird ihre letzte Reise sein.

Ingrid Pott ist unheilbar an Krebs erkrankt, wie viele Tage oder Wochen sie noch leben wird, weiß niemand. Doch heute zählt nur eines: „Ich fahre noch einmal an die Ostsee.“ In Warnemünde soll ihr letzter Wunsch wahr werden: Sie will gemeinsam mit ihrer Familie auf ein Kreuzfahrtschiff.

Möglich macht die Tour das Projekt „Wünschewagen“ des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Brandenburg, das vor einem Jahr im Land startete. „Wir wollen todkranken Menschen eine letzte Chance geben, ihre Träume zu erfüllen“, sagt Jürgen Haase, ASB-Landesgeschäftsführer.

Die meisten wollen noch einmal das Meer sehen

Im umgebauten Krankentransportwagen werden die Fahrgäste an ihre Wunschorte gebracht, kostenlos und über Ländergrenzen hinweg. Das Projekt ist ausschließlich durch Spenden finanziert, aber eine Wünschefahrt ist an Bedingungen geknüpft: Bevor ein Schwerstkranker auf Tour gehen kann, muss der behandelnde Arzt sein Okay geben, die Krankheit muss unheilbar sein und es muss eine Patientenverfügung vorliegen.

Der umgebaute Krankentransporter erfüllt letzte Wünsche

Der umgebaute Krankentransporter erfüllt letzte Wünsche.

Quelle: Diana Bade

Die Ziele der Brandenburger Touren sind unterschiedlich. Ein Patient hatte sich gewünscht, Hamburg und die Elbphilharmonie zu sehen, ein anderer wollte ein Musical in Hamburg besuchen und viele Touren gingen an die Ostsee. „Die meisten“, so Haase, „wollen noch einmal das Meer sehen.“ Mit dem Meer verbinden die Fahrgäste ihre liebsten Erinnerungen. „Es sind Sehnsuchtsorte, an denen sie mit dem Mann und den Kindern in den vergangenen 20 bis 30 Jahren ihren Urlaub verbracht haben“, erklärt Haase.

Vom Hospiz in Berlin-Spandau aus startet die Tour von Ingrid Pott. Wälder, Felder und ein Fluss rauschen am Fenster vorbei. Ab und an fallen ihr die Augen zu. Wenn sie aufwacht, erzählt sie von ihrem Mann, der in Rostock aufgewachsen ist, von Sommertagen mit den beiden Töchtern am Ostseestrand und vom gemeinsamen Traum, eines Tages eine Kreuzfahrt nach Sankt Petersburg zu unternehmen. Als ihr Mann starb, kam es nicht dazu.

Medizinisches Personal ist immer dabei

Unterwegs hat Ingrid Pott Durst, Daniela Hoffmann reicht ihr Wasser. Die medizinische Fachangestellte und der Anästhesiepfleger Manuel Möller begleiten die Tour ehrenamtlich. Auch Marco Roscher, Koordinator des Brandenburger Projekts, ist als ausgebildeter Rettungssanitäter mit an Bord. Immer müssen mindestens zwei Leute vom Wünschewagenteam dabei sein, darunter ein ausgebildeter Rettungsassistent und ein Helfer mit medizinischem Beruf.

Das medizinische Personal passt gut auf die Todkranke auf

Das medizinische Personal passt gut auf die Todkranke auf. Wenige Tage nach ihrem letzten Ausflug stirbt Ingrid Pott.

Quelle: Diana Bade

Touren, die Manuel Möller als Helfer begleitet hat, seien keine traurigen Fahrten gewesen, erzählt er: „Das Sterben steht für die Fahrgäste an diesem Tag nicht im Vordergrund, sondern der Ausflug.“ Für ihn ist die Tagesreise mit Ingrid Pott bereits die fünfte Wünschewagetour, die er ehrenamtlich begleitet. Die Atmosphäre auf den Fahrten habe er als entspannt erlebt. „Es gab aber Momente, wo die Stimmung kurz kippte.“

Und zwar dann, wenn den Fahrgästen, ihren Ehepartnern und Kindern wieder bewusst wurde, dass sie bald Abschied voneinander nehmen müssen. Momente, die auch die ehrenamtlichen Wünschewagen-Begleiter bewegen. „So etwas lässt Dich nicht kalt“, erzählt Möller. Der Brandenburger aus Trebbin fährt ehrenamtlich im Wünschewagen mit, weil es eine schöne Sache sei, den Menschen ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Und er mag es, mit den Fahrgästen Zeit zu verbringen – weit ab von der täglichen Krankenhausroutine in seinem Job als Anästhesiepfleger.

Ein Lächeln zum Schluss

Das Fahrtempo wird langsamer. Das Wünsche-Mobil rollt in den Hafen von Warnemünde ein. Als sich die Türen des Sprinters öffnen, sieht Ingrid Pott ihre Familie wieder. Tochter Peggy Mokosch nimmt ihre Mutter in die Arme, dann geht es weiter mit den Enkeln und Urenkeln zum Kreuzfahrtschiff. AIDA-Kapitän Falk Bleckert begrüßt seinen Tagesgast persönlich. Ingrid Pott schwärmt: „So ein großes Schiff habe ich noch nie aus der Nähe gesehen.“

Nach einer Führung und dem Mittagessen ist es Zeit für die Rückfahrt. „Wenn unsere Fahrgäste am Ende des Tages mit einem Lächeln ,tschüss‘ sagen, haben wir alles richtiggemacht“, sagt Koordinator Marco Roscher. Als der Wünschewagen losfährt, lächelt Ingrid Pott. Ihr letzter Wunsch hat sich erfüllt.

Ingrid Pott starb neun Tage nach ihrer Fahrt mit dem Wünschewagen. Bis zuletzt sprach sie über ihre letzte Reise.

Von Diana Bade

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