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Literatur - ein Weg aus geistigen Sackgassen

Romanist Ottmar Ette Literatur - ein Weg aus geistigen Sackgassen

Seit rund 30 Jahren beschäftigt sich der Romanist Ottmar Ette mit Literatur. In dieser Zeit hat er auch die Potsdamer wieder mit ihrem einstigen Mitbürger Alexander von Humboldt bekannt gemacht und viele Forschungsprojekte in die Landeshauptstadt geholt. Im Gespräch betont er aber vor allem den Wert des Lesens für geistige Unabhängigkeit und einen breiten Horizont.

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Wenn ein kleiner Eisbär das Laufen übt

Beigeistert sich für französische und iberische Literaturen: Ottmar Ette

Quelle: KARLA FRITZE

Potsdam. Im Oktober 1995 wurde Ottmar Ette Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Die Alma mater dankt ihm Forschung und Lehre mit einem Festakt zum Geburtstag.

Am Mittwoch, dem 14. Dezember, genau am Tag Ihres 60. Geburtstages, gibt es einen Festakt und eine romanistische Konferenz an der Universität Potsdam. Ist das ein schönes Geschenk?

Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Es ist eine sehr internationale Veranstaltung. Es kommen sehr viele Menschen, mit denen ich über die letzten Jahrzehnte sehr eng zusammengearbeitet habe. Die wissenschaftliche Gemeinschaft spielt in meiner Arbeit immer eine sehr große Rolle. Ich bin ein Teamworker, wechselseitiges Vertrauen und Zusammenarbeit sind mir wichtig. Insofern ist das ein wunderbares Geburtstagsgeschenk.

Seit 30 Jahren forschen und lehren Sie in der Romanistik. Was fällt Ihnen spontan als prägend ein?

Ich bin eigentlich weniger stolz auf das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, als vielmehr auf das, was mir die bisherige Arbeit in der Zukunft ermöglicht. Das ist ein sehr Humboldtscher Gedanke: Man hat die Möglichkeit, mit den wissenschaftlichen Freunden immer weiter zu kommen und Dinge zu erforschen, an die man vor 20 Jahren noch nicht gedacht hat.

Literaturen der Welt

Ottmar Ette wurde am 14. Dezember in Zell am Harmersbach geboren. 1990 wurde an der Universität Freiburg promoviert. Seit Oktober 1995 ist Ette Lehrstuhlinhaber für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Er ist einer der renommiertesten Experten für das Leben und Werk des Naturforschers Alexander von Humboldt. Zum Beispiel wertet er in einem Forschungsprojekt die Amerikanischen Reisetagebücher aus.

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Tag e , von Mittwoch, 14. 12. bis einschließlich Freitag, 16. 12., dauert die internationale Konferenz an der Universität Potsdam zu Ehren Ettes. Sie heißt „Übergänge – Theorien und Praktiken der Literaturen der Welt“. Diskutiert wird der Begriff der „Weltliteratur“ und die Bedeutung von Literatur für Politik und Gesellschaft. Die Tagung findet im Haus 8 auf dem Campus Am Neuen Palais statt und beginnt heute um 16 Uhr mit einem Festakt. bra

Welche Momente gab es denn, die Ihnen neue Wege geöffnet haben?

Wichtige Momente waren oft meine Begegnungen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Deswegen bin ich auch froh, dass zur Konferenz einige Schriftsteller da sein werden wie zum Beispiel Yoko Tawada oder Emine Sevgi Özdamar. Ich denke zum Beispiel aber auch an Begegnungen mit dem Spanier Jorge Semprún, dem die Universität Potsdam 2007 auf meine Initiative hin die Ehrendoktorwürde verleihen konnte. Ich weiß, dass diese Auszeichnung auch sehr produktiv für sein Werk wurde. Ich denke auch an den Peruaner Mario Vargas Llosa oder die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, die jetzt gerade den deutsch-französischen Prix de l’Académie de Berlin gewonnen hat. Das ist eigentlich eine der schönsten Dinge, die man sich als Literaturwissenschaftler vorstellen kann: Die intensive Zusammenarbeit mit Literaten selbst.

Die Amerikanischen Reisetagebücher kommen nach Hause

Gab es auch Höhepunkte in der Forschung selbst?

Eine meiner schönsten Erfahrungen ist es, zur Rückkehr der amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts beigetragen zu haben und die beiden Humboldt-Projekte, nämlich Alexander von Humboldt auf Reisen und die Forschungen zu seinen Amerikanischen Reisetagebüchern, in Berlin und in Potsdam haben. Natürlich freue ich mich auch darüber, dass schon drei Autoren in der von mir herausgegebenen Buchreihe „Mimesis“ über Romanische Literaturen der Welt mit Preisen ausgezeichnet worden sind. Das ist ganz ungewöhnlich. Es ist schon eine schöne Sache, diesen fähigen wissenschaftlichen Nachwuchs dazuhaben und mit diesen wunderbaren Menschen zusammenarbeiten zu können.

Es gibt doch aber so etwas wie eine große Liebe in Ihrem Forscherleben: Alexander von Humboldt, oder?

Ja, das ist schon der Fall. Aber ich habe zum Beispiel im Jahr 2014 auch ein Buch über Anton Wilhelm Amo geschrieben. Er ist im 18. Jahrhundert der erste schwarze Philosoph in Deutschland. Amo ist auch zu einer Liebe in meiner Forschung geworden. Ganz wunderbar war es, diesen vergessenen Schriftsteller zu entdecken und wieder bekannt zu machen.

Was war besonders faszinierend an Amo für Sie?

Er wurde im heutigen Ghana versklavt und schon als kleines Kind Anfang des 18. Jahrhunderts nach Amsterdam gebracht und dann nach Deutschland verschenkt. Er hat es trotz dieser im Grunde hoffnungslosen Ausgangslage geschafft, zu einer Persönlichkeit zu werden, die in ganz Europa bekannt war. Er ist dann sozusagen aus unserer Geschichte wieder ausgebürgert worden, weil man einen schwarzen, vielsprachigen, auf Latein schreibenden Preußen in Deutschland nicht mehr wollte. Man wollte in der deutschen Philosophiegeschichte keinen schwarzen Philosophen haben. Darum hat man ihn totgeschwiegen.

Ein Philosoph als Versuchs- und Ausstellungsobjekt

War Amo schon zu seinem Lebzeiten diesem Rassismus ausgesetzt?

Ja, und zwar zunehmend. Zunächst war er sozusagen Versuchsobjekt, dann war er eine Art Ausstellungsobjekt als er die großen Erfolge hatte. Später wollte man ihn nicht mehr als Autor und Teil der gelehrten Welt haben, weil er eben eine andere Hautfarbe hatte.

Wie ist Amo mit dieser Erfahrung in seiner Philosophie umgegangen?

Sehr raffiniert. Er hat sich mit der Situation von Schwarzen in Europa auseinandergesetzt, hat sich aber nicht darauf reduzieren lassen. Er hat es geschafft, sein philosophisches Denken aus dieser Erfahrung heraus weiterzuentwickeln. Es gibt bei ihm eine Lehre des gleich Gültigen. Das ist nicht Gleichgültigkeit, sondern die Anschauung, dass mehrere Dinge gleichzeitig gültig sein können, zum Beispiel unterschiedliche Denkweisen, Logiken, Perspektiven. Das hat er schon um 1730 herum sehr gut verstanden und dargestellt.

Wohl auch darum versuchen Sie, ihn jetzt wieder in Deutschland einzubürgern.

Ja, mein Buch „Philosophieren ohne festen Wohnsitz“ hat doch viele Reaktionen ausgelöst. Und damit ist Amo plötzlich wieder im Horizont der Forschung.

Humboldt wäre von unserer Lesekultur schockiert

Für Alexander von Humboldt setzen Sie sich schon länger ein. Hat sich das auch in Potsdam schon ausgewirkt?

Ich denke schon. Hat man früher den Namen „Humboldt“ erwähnt, dachte man immer sofort „Wilhelm“, heute ist es eher „Alexander“. Die Menschen lesen auch sehr viel über und von ihm. Von unsere Ausgaben von ihm wurden zum Beispiel schon etwa 80000 Exemplare verkauft. Da hat sich etwas ganz grundsätzlich verändert. Das brauchen wir gerade heute, wo es ganz wichtig ist, vielsprachig zu denken und zu leben, weil die Welt sich auf der einen Seite zunehmend pluralisiert, auf der anderen Seite aber zunehmend nationalistischer, manchmal sogar rassistischer wird. Gerade in dieser Welt sind Menschen wie Alexander von Humboldt und Anton Wilhelm Amo ganz wichtig.

Was würde der weit gereiste und kosmopolitische Alexander von Humboldt zu den heutigen Nationalismen sagen?

Am meisten würde ihn wohl schockieren, dass Literatur in unserer Gesellschaft nicht mehr die Rolle spielt, die sie bei ihm hatte. Humboldt sah sein Werk immer zugleich als literarisch und wissenschaftlich. Literatur ist eine Denkschule des Viellogischen. Sie macht mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Epochen bekannt. Damit gibt sie ein Wissen davon, wie wir in unterschiedlichen Logiken gleichzeitig denken können. Ich denke, dass die gegenwärtige politische Situation und auch die Einfallslosigkeit der Akteure etwas damit zu tun hat, dass die Leute die Schule, in verschiedenen Logiken gleichzeitig zu denken, nicht mehr haben. Das wäre, glaube ich, etwas gewesen, was Humboldt der heutigen Zeit sehr kritisch entgegengestellt hätte.

Ist diese Denkschule der Viellogiken aber nicht eher etwas für Leute vom Fach?

Nicht unbedingt. Manchmal ist es nur ein Roman oder sind es zwei Gedichtbände, die das Bewusstsein verändern können, indem sie einem klar machen, dass man Komplexität denken muss, um die Welt zu verstehen. Deshalb haben wir jetzt auch Mittel für ein Forschungsprojekt beantragt, in dem es um das Leseverhalten von Bundestagsabgeordneten geht. Es gibt durchaus noch Bundestagsabgeordnete, die sich mit Literatur beschäftigen. Aber es ist eine schwindende Zahl. Dabei erscheint es mir ganz wichtig, dieses Verhältnis von Literatur und politischer Wirklichkeit präsent zu halten.

Die Globalisierung kommt an ihr Ende

Sie haben jüngst sogar gesagt, Literatur könne einen Ausweg aus der Sackgasse der Globalisierung weisen. Ein sehr hoher Anspruch. Werden wir – und die Bundestagsabgeordneten – bessere Menschen durch Lesen?

Nun, Literatur ist auch ein Seismograph, ein Frühwarnsystem. Sie macht deutlich, was für Probleme auf uns zukommen. In der Literatur wird seit geraumer Zeit erkennbar, dass wir am Ende einer Globalisierung stehen. Es gab ja schon mehrere Globalisierungswellen in der Geschichte. Aber jede hat auch ein Ende. Auch im Augenblick erleben wir das Ende einer Globalisierung, die in einer immer stärkeren Vernetzung zwischen unterschiedlichen Wirtschaften, Kulturen und Lebensformen bestand. Die letzte Globalisierungsphase vor unserer eigenen ging mit dem Ersten Weltkrieg zuende. Viele Globalisierungsphasen endeten mit großen Kriegen. Das kann einem bedrücken. Die Literatur ist hier sehr wach und setzt auch Warnzeichen. Insofern ist Literatur für das Verständnis unserer Lage ungeheuer wichtig.

Welche Texte setzen derzeit solche Warnzeichen?

Wenn ich jetzt einen Text nenne, sind mir alle anderen Autoren zurecht böse.

Riskieren Sie die Empörung!

Gut, ich finde, dass zum Beispiel die Texte der in Berlin lebenden und auch auf Deutsch schreibenden Japanerin Yoko Tawada ganz viel hergeben, was das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und der sich daraus ergebenden Missverständnisse und Konflikte betrifft.

Trotzdem fragt man sich, was Menschen gegen eine Globalisierung haben können, wie Sie sie beschrieben haben.

Weil sich eben doch immer wieder Einzelinteressen und Nationalismen durchsetzen und Ausgrenzungsmechanismen beginnen, wenn man den Eindruck hat, man würde überfremdet. Deshalb wird Globalisierung von manchen oft auch als Unglückszusammenhang dargestellt. Dann wird Globalisierung zum Beispiel für die Ausbreitung von Krankheiten verantwortlich gemacht. Ende des 15. Jahrhunderts gab es das mit der Syphilis, im 20. Jahrhundert war es dann Aids. Genauso ist es auch mit Hass auf Arbeitern, die von woanders her kommen. Zum Beispiel gab es auch in Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts Wut auf Arbeiter aus Frankreich, heute sind es die Menschen aus Osteuropa oder Nahost, die angegriffen werden. Es werden dann zum Zwecke der Ausgrenzung Völkerschaften als feste historische Größe konstruiert, die es so nie gegeben hat. Diese Prozesse laufen immer nach ähnlichen Mustern ab – und das Konfliktpotenzial ist enorm hoch.

Wie können Sie als international orientierter Forscher gegen dieses Potenzial angehen?

Wir haben seit einem Jahr zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit Brasilien und Polen. In ihm versuchen wir historischen und aktuellen Migrationsprozessen nachzugehen. Davon versprechen wir uns ebenfalls Aufklärung in den beteiligten Ländern. Wir haben zum Beispiel in Polen eine Renationalisierungsprozess, obwohl das Land zweifellos sehr stark von der EU profitiert. In Brasilien haben wir die Situation, dass die Entwicklung des Landes in eine Krise geraten ist. Hier kann das Forschungsprojekt auch zeigen, wie wichtig es ist, anhand von Literaturen über solche Prozesse nachzudenken. Man kann den Menschen damit bewusst machen, dass solche Situationen nicht zum ersten Mal auftreten. Daraus kann man eine ganze Reihe an Einsichten gewinnen.

Von Rüdiger Braun

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