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Märkischer Milchbauer mobilisiert das Netz

Bauer sucht Crowd Märkischer Milchbauer mobilisiert das Netz

Crowdfunding? Ist doch nur was für Start ups! Stimmt nicht. Milchbauer Benjamin Meise will Milchzapfanlagen im Berliner Szenekiez aufstellen und sucht dafür Unterstützer im Internet. Als Dankeschön kann man Kälbchen taufen oder Trecker fahren. Nur mit einer Gruppe hat Meise nicht gerechnet: Mit den „Salatisten“.

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Milchbauer Benjamin Meise will zapfen lassen.

Quelle: Foto: Agrarfisch

Buchholz. Die Kälbchentaufe gibt’s für 40 Euro, die Treckerfahrstunde für 100 Euro, und den Crashkurs im Melken kann man sich für 150 Euro sichern: Mit ausgefallenen Gutscheinen wirbt Milchbauer Benjamin Meise aus Buchholz (Oder-Spree) im Internet um Unterstützung. Er ist einer der noch wenigen deutschen Landwirte, die auf das Prinzip des Crowd­fundings setzen – also auf die Finanzierung von Projekten über die Internetgemeinde.

Sein Ziel: Auch Berliner sollen in den Genuss melkfrischer Milch märkischer Kühe kommen. Fünf Kühlanlagen will er deshalb in Berliner Szenekiezen wie Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg aufstellen, an denen man sich gegen Bargeld selbst Milch zapfen kann.

Der 35-Jährige finanziert sein Projekt, indem er übers Internet Melkkurse, Kälbchentaufen oder Milchaktien anbietet. Wer letztere für 500 Euro erwirbt, darf drei Jahre lang jährlich 111 Liter zapfen. „Das wird in Berlin ein Alleinstellungsmerkmal, Milch komplett unverpackt. Wir tragen dazu bei, dass die Müllberge kleiner werden“, sagt der Landwirt mit Blick auf das umweltbewusste Berliner Publikum.

Zwei Euro kostet ein Liter Milch von der Zapfstelle. Melkfrischen Premiumservice will Meise dafür anbieten. Morgens werden die Zapfautomaten gereinigt und neu befüllt, die Milch vom Vortag wird zurück nach Buchholz auf den Hof gefahren und dort an Kälber verfüttert. Eine Woche hält sich die pasteurisierte Milch, wenn sie gezapft ist, sagt Meise. „Danach wird sie sauer, aber nicht schlecht. Es ist dann so eine Art Joghurt-Drink.“

Normalerweise ist Crowdfunding eher etwas für junge Softwarefirmen, weniger für Bauern. Meise findet das Prinzip auch für seine Branche überzeugend. „Ich habe davon gehört, dass ein Biobauer einen Pflug entwickelte und Unterstützer über das Internet gesucht hat“, erklärt er. „Crowdfunding kann für kleinere Projekte sinnvoll sein, vor allem, weil man ein Netzwerk knüpft und gleich ein Feedback bekommt.“ So könne man abschätzen, ob ein Angebot auf Interesse stößt, bevor es überhaupt am Markt ist.

Bis Ende November will Meise noch 15 000 Euro zusammenbekommen, rund 6300 Euro hat er derzeit sicher. „Erfahrungsgemäß steigt die Nachfrage noch kurz vor Ablauf der Funding-Phase“, sagt Meise.

Der netz-affine Landwirt hat aber noch Größeres vor. „Unser Ziel ist es, im Umkreis bis 100 Kilometer um unseren Standort 40 bis 50 Automaten aufzubauen“, sagt er. Sein Expansionsdrang mit modernen Marketing- und Finanzierungsmethoden hat einen ernsten Hintergrund: „Wir haben 740 Kühe, bekommen derzeit 25 Cent pro Liter Milch. Es ist ein Verlustgeschäft. Das Ende der Milchquote hat zu einem massiven Preisverfall geführt“, erklärt der Milchbauer. Wenn die Preise so bleiben, meint er, verbrennt jede Kuh pro Jahr 1000 Euro. Die Banken aber interessiert das nicht. Sie wollen, dass Meise seine Stallanlagen abbezahlt.

Der Buchholzer setzt auf den Boom regionaler Produkte, die vor allem in Berlin sehr gefragt sind. Aufstellen will er seine Milchtankstellen in Markthallen. Aber auch mit größeren Supermärkten ist er im Gespräch. Mit seinen Plänen macht er sich aber nicht nur Freunde. Überzeugte Veganer werfen ihm – und dem gesamten Berufsstand – vor, Tiere rücksichtslos auszubeuten. Meise nennt sie ironisch „Salatisten“. Er antwortet auf ihre Vorwürfe in seinem Blog. „Hätten unsere Vorfahren nicht den Ackerbau und die Domestizierung von Tieren entwickelt, würden wir immer noch auf den Bäumen sitzen und uns mit Bananen bewerfen“, schreibt er etwa.

Er räumt aber auch ein, dass ihn die Auseinandersetzung mit den oft missionarisch auftretenden Tierfreunden nachdenklich stimmt. „Ich bin überzeugt davon, dass wir ohne Tiere nicht auskommen“, sagt er. „Aber ich mache mir trotzdem Gedanken darüber, wie wir unsere Produktion so verändern können, dass sie den Tieren und den Menschen noch gerechter wird. Ich glaube nämlich, dass die Leute nicht einfach nur billig satt werden wollen.“

Von Torsten Gellner

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