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Brandenburg Mahnmal stößt auf Ablehnung
Brandenburg Mahnmal stößt auf Ablehnung
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19:26 11.10.2017
Das frühere Durchgangsheim in Bad Freienwalde ist heute Polizeirevier. Quelle: MKG
Potsdam

„Es setzte Prügel und Tritte oder man bekam ein schweres Schlüsselbund ins Kreuz. Gewalt durch die Aufseher war an der Tagesordnung“, erinnert sich Roland Herrmann. Er musste ab Ende 1979 mit 14 Jahren sechs Monate im Kinderheim in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) verbringen. „Das war kein Heim, sondern ein Gefängnis“, sagt Herrmann. Er ist Vorsitzender des Vereins „Kindergefängnis Bad Freienwalde“, der seit Jahren um die Rehabilitierung der Insassen kämpft. Nur dann bestünde Anspruch auf eine Opferentschädigung. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung hat der Verein jetzt einen Erfolg errungen. Am 9. November soll vor der einstigen Leidensstätte – heute ist hier in sanierten Räumen das Polizeirevier untergebracht – ein Mahnmal aufgestellt werden. Es stammt vom Kunstschmied Axel Anklam. Auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat seine Teilnahme zugesagt.

Das einstige Amtsgericht und spätere Frauengefängnis wurde in der DDR ab 1968 von der Jugendhilfe als sogenanntes Durchgangsheim für Kinder und Jugendliche betrieben, die auf einen regulären Heimplatz warteten. Die Aufenthaltsdauer sollte 18 Tage nicht überschreiten, viele Insassen wurden aber länger als ein halbes Jahr festgehalten. „Zu viert in einer Gefängniszelle, keine Waschgelegenheit, als Toilette diente ein Eimer. Unter uns waren sogar dreijährige Kinder“, sagt Roland Herrmann. Der heute 52-jährige Fürstenwalder wurde nach Konflikten mit seinem Stiefvater, einem SED-Funktionär, und zwei Wochen Schulschwänzerei nach Bad Freienwalde gebracht.

Die genaue Zahl der tatsächlich Eingewiesenen ist unbekannt, da die Unterlagen vernichtet wurden. Herrmanns Verein schätzt, dass bis zur Schließung des Kindergefängnisses 1987 etwa 1000 Insassen gezählt wurden. Mit Zwangsarbeit für Betriebe mussten die Kinder und Jugendlichen in einer Baracke auf dem Hof jährlich 20 000 Mark für das Heim erwirtschaften, erläutert Petra Morawe, Mitarbeiterin der Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragten Maria Nooke.

Die Bedingungen in Bad Freienwalde seien mit denen im berüchtigten DDR-Jugendwerkhof im sächsischen Torgau vergleichbar, sagt Nooke. Auch der war in einem Gefängnis untergebracht worden. Bad Freienwalde sei vom DDR-Volksbildungsministerium als Fürsorgeeinrichtung geführt worden, aus der Perspektive der Betroffenen gab es aber keinen Unterschied.

Das Durchgangsheim ist in der Stadt ein Tabu-Thema. „Die meisten Bad Freienwalder lehnen eine Beschäftigung mit diesem Teil der Stadtgeschichte ab“, sagt die SPD-Landtagabgeordnete Jutta Lieske, die ihren Wahlkreis dort hat und bei der Stichwahl am Sonntag Bürgermeisterin werden will. Bislang habe sich auch kein Vertreter der Stadt bei Veranstaltungen des Vereins blicken lassen. Roland Herrmann werde vorgeworfen die Unwahrheit zu erzählen. Der Vereinschef hatte erst zweimal Gelegenheit, vor Schulklassen aufzutreten. „Aber die Auseinandersetzung ist dringend nötig“, so Lieske. Landrat Gernot Schmidt (SPD) berichtet von einer massiven Ablehnung des Denkmals. Selbst Lehrer wollten nicht, dass ans Kindergefängnis erinnert werde. „Das repressive System der DDR-Jugendhilfe wird nachträglich verteidigt. Für mich ist eine Lehre der Geschichte, dass wir auch mit denen menschlich umgehen, die aus der Norm gefallen sind“, sagt Schmidt, der in der DDR aufwuchs.

Die Grünen-Abgeordnete Heide Schinowsky hofft auf eine Signalwirkung: „Das Mahnmal wird das Leiden nicht ungeschehen machen, aber Anstoß geben für eine Auseinandersetzung.“ Vielen Heiminsassen seien die Zukunftschancen verbaut worden, ein Großteil leide noch immer unter den Folgen von Erniedrigung und seelischem Schmerz.

„Kinder gehören nicht in ein Gefängnis mit Gittern vor den Fenstern und Zellentüren“, betont Landtagsvizepräsident Dieter Dombrowski (CDU), der gleichzeitig Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft ist. Es gehe nicht darum die Heimbetreuung in der DDR insgesamt zu diskreditieren („Auch im Westen gab es schwere Verstöße und prügelnde Heimerzieher“) , aber die erschütternden Zustände in Bad Freienwalde erlauben aus Sicht von Dombrowski keine Rechtfertigung.

Roland Herrmann kritisiert, dass es bis heute keine Rehabilitierung für die für Ex-Insassen des Kindergefängnisses gibt. Auch er ist auf seinem Weg durch die Brandenburger Instanzen immer wieder gescheitert. Behörden und Gerichte weigerten sich, die genauen Umstände einer Heimeinweisung zu prüfen und verlangten Unterlagen.

„Aber die haben wir nicht“, sagt Herrmann verbittert. Er glaubt, dass noch immer DDR-Richter im Amt seien, die die Aufarbeitung verhindern wollten. Das Justizministerium weist das zurück. Keiner der Strafrichter, die vor der Wende an solchen Dingen beteiligt waren, sei in Brandenburg noch im Dienst. Es müsse eine bundesgesetzliche Regelung für die Heimopfer geben.

Laut Heimexpertin Petra Morawe liegt das Problem bereits darin, wie die Vorgänge aktuell betrachtet werden. Die Einweisung von Kindern und Jugendlichen in sogenannte Spezial- und Sonderheime wie Bad Freienwalde diente eben nicht dem Kindswohl. „Es ging dabei nicht um Fürsorge. Die Gerichte müssen das endlich erkennen.“

Von Volkmar Krause

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