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Malta und S-Klasse – das Selbstbild des Ex-IHK-Bosses

Untreue-Prozess ab dem 12. September Malta und S-Klasse – das Selbstbild des Ex-IHK-Bosses

Er sieht sich als Erfolgsmenschen und pflegte eine äußerst pompöse Amtsführung. Am 12. September beginnt der Untreue-Prozess gegen Victor Stimming, einst Chef der IHK Potsdam. Der MAZ liegen Anwaltsschreiben vor. Sie geben Einblick in das Selbstbild Stimmings.

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Victor Stimming sieht sich als Erfolgsmensch. Aktuell ist der Ex-Präsident der Potsdamer IHK wegen Untreue angeklagt.

Quelle: Michael Hübner

Potsdam. Knapp drei Jahre nach dem Rücktritt des wegen seiner pompösen Amtsführung ins Gerede geratenen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam, Victor Stimming, beginnt der Strafprozess gegen den 65-Jährigen. Wie will er sich verteidigen?

Dem ehemals jüngsten Kombinatschef der DDR, dem immer Ambitionen auf ein Ministeramt nachgesagt wurden, geht es offenbar um die Verteidigung seines Lebenswerks. Das geht aus Anwaltsschreiben hervor, die der MAZ vorliegen. Stimming rechnet darin wie ein Businessmann. Nur was unterm Strich steht, zählt – wer fragt da noch nach den Details? Die IHK, so schreiben seine Anwälte, sei in den 18,5 Jahren der Stimming’schen Amtszeit „extrem erfolgreich geführt worden“, sie habe ihr Eigenkapital verdoppelt, drei Millionen Euro Schulden abgetragen und ein Vermögen von mehr als 60 Millionen Euro angehäuft.

Sehr anstrengendes Ehrenamt – nahm es Überhand?

Trotzdem habe die IHK Potsdam die niedrigsten Beiträge aller Wirtschaftskammern im ganzen Land ihren Mitgliedsunternehmen genommen. Verdoppelt habe sich in der Ära Stimming die Zahl der Schulabgänger, die eine Lehre in den IHK-Betrieben machten. Stimming und die IHK – aus Sicht des Angeklagten war dies eine Win-win-Situation. Dass dies die Kritiker seiner Ansicht nach nicht begreifen, ärgert den ehemaligen Kammerkönig. „Der Beklagte nahm sein Ehrenamt sehr ernst und wendete für dieses in all den Jahren zunehmend deutlich mehr Zeit auf, als für seine eigenen Unternehmen“, lässt Stimming seinen Anwalt formulieren.

Auszug aus einem Anwaltsschreiben

Auszug aus einem Anwaltsschreiben

Quelle: MAZ

Dienst-S-Klasse? Langweilig!

Kleinlich findet der barocke Machtmensch mit den durchdringenden blauen Augen die Anwürfe. Sich den IHK-Dienst-Mercedes (S-Klasse) für unerlaubte Privatfahrten unter den Nagel zu reißen, habe er gar nicht nötig gehabt. „Meinem Mandanten standen stets private Pkw (…) zur Verfügung, die seinen privaten Vorlieben besser entsprachen“, schreibt ein Stim­ming-Anwalt. An anderer Stelle heißt es, Stimming habe durch Fahrten in dem Mercedes der Kammer geholfen, Fahrer einzusparen.

Die Weltgeltung der Potsdamer Kammer

Was die Kritiker auch nicht begreifen, so entnimmt man den Zeilen der Stimming-Anwälte, ist die Weltgeltung der Potsdamer Kammer. Wer wie Stimming selbstverständlich an einem weltweiten Kammertreffen in Doha teilnimmt, der deklariert eine von der Staatsanwaltschaft inkriminierte Malta-Reise des gesamten IHK-Präsidiums kurzerhand zu einer Art Staatsbesuch. Die Potsdamer Präsidiumsmitglieder seien im August 2013 auf die Insel geflogen, um sich einen Eindruck von der „gravierenden Euro-Finanzkrise, die von Griechenland aus Zypern und Malta erreichte“, zu verschaffen, berichten die Anwälte. Zu einem Meinungsaustausch mit einer maltesischen Wirtschaftsdelegation sei es nur deshalb nicht gekommen, weil nach dem Tod des Ex-Ministerpräsidenten Staatstrauer auf der Insel geherrscht habe. Von einer „Spaßreise“ könne nicht die Rede sein.

IHK-Sekretärin arbeitete in Stimmings Privatfirma

Neben der großen Geste setzt Stimming in seiner Verteidigung aufs Klein-Klein. Er rechnet auf: Die IHK-Sekretärin, die jahrelang zu 50 Prozent auf Kammerkosten für Stimmings Baufirma arbeitete, habe ihm gar keinen Vorteil verschafft. Schließlich habe die IHK für den Büroplatz der Assistentin in Stimmings Baufirma in Brandenburg/Havel keine Miete zahlen müssen.

Angeklagte will Ex-Hauptgeschäftsführer mit belasten

Was aber Stimmings Kernstrategie ist: Er will nicht allein vorm Richter stehen. Sein ehemaliger Hauptgeschäftsführer René Kohl soll seinen Kopf ebenfalls hinhalten – und mithaften. Kohl war unter Stimming für die laufenden Geschäfte der IHK zuständig. Das Verfahren gegen ihn war gegen Zahlung einer fünfstelligen Summe eingestellt worden. Es ist davon auszugehen, dass Kohl als Belastungszeuge gegen Stimming im Prozess auftreten wird.

Wiedersehen mit dem Belastungszeugen vor Gericht

Stimming hatte 2006 den damals 38 Jahre alten Büroleiter von ­Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) aus der gemeinsamen Heimatstadt Brandenburg/Havel in die IHK-Zentrale nach Potsdam geholt. In anderen Kammern haben Hauptamtler wie Kohl das Sagen, in Potsdam war es anders herum, bestätigen Weggefährten von einst. Stimming ist anderer ­Meinung. Kohl habe den IHK-­Sekretärinnen Arbeitsanweisungen erteilt, die Dienstwagen-­Zuteilung und die Malta-Reise organisiert, die Sitzungsgelder angepasst. Mit 100 Festangestellten sei Kohl der Herr der laufenden Verfahren gewesen. Kohl, der mittlerweile Geschäftsführer eines Sicherheitsunternehmens ist, schweigt in der Öffentlichkeit. Er wird wohl – im Zeugenstand – am zweiten Verhandlungstag, dem 19. September, seinen alten Chef wiedersehen.

Von Ulrich Wangemann

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