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Brandenburg Mancher Job geht richtig ins Kreuz
Brandenburg Mancher Job geht richtig ins Kreuz
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05:05 08.03.2018
Olga Kobilacki arbeitet im Potsdamer Einzelhandel.. Dabei steht sie sechs Stunden lang. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Brandenburg

Rückenprobleme gibt es in sehr vielen Berufssparten – vom Bauarbeiter bis zur Pflegekraft.

Der Bauarbeiter

Man könnte sagen, Enrico Gleisberg macht seit seiner Jugend einen Knochenjob. Nach seiner Ausbildung ging er schon als 16-Jähriger zu den Stadtwerken Potsdam und arbeitete dort in der Abteilung Wassernetze. Gruben ausschippen, in Baugruben kauern, schwere Gegenstände heben und an Ort und Stelle tragen, das gehörte damals zur Tagesordnung. „Früher haben wir meistens alles mit der Hand gemacht“, erinnert sich der heute 44-Jährige. Das blieb nicht ohne Folgen. Schon Mitte der 90er-Jahre spürte der junge Mann die Schmerzen im Kreuz.

„Ich war da auch schon öfter krank geschrieben und ich hatte eine Zeit lang, in der ich richtig starke Tabletten nahm“, berichtet Gleisberg. Über sehr lange Zeit habe er unter enormen Rückenschmerzen gelitten. Mit „sehr langer Zeit“ meint Gleisberg: über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Ärzte rieten ihm damals, er solle zum Ausgleich Schwimmen gehen, das täte ihm gut. Und sie mahnten ihn, beim Heben schwerer Gegenstände den Rücken zu entlasten.

Das geht zum Beispiel, indem man in die Hocke geht, statt sich zu bücken und die Last mit gestrecken Beinen nach oben zu hieven. Gleisberg beherzigte manches, manches aber auch nicht. Die Schmerzen blieben.

Empfindliche Bandscheiben

Bandscheibenvorwölbung und Bandscheibenvorfall sind die häufigsten Schädigungen in der Wirbelsäule. Bei der Vorwölbung wird der härterer Faserknorpelring der Bandscheibe nur vorgewölbt, beim Bandscheibenvorfall wird er ganz oder teilweise durchgerissen.

„Solche Schädigungen sind eigentlich sehr häufig, aber sie müssen gar nicht unbedingt zu Schmerzen führen“, sagt der Leiter der Unfallchirurgie des Ernst-von-Bergmann-Klinikums Potsdam, Gerrit Matthes. Schmerzen entstehen, wenn die Bandscheibe mit Nervengewebe in Berührung kommt.

Bauarbeiter in ungefederten Baumaschinen haben oft Probleme in der Lendenwirbelsäule, da die Stöße ungefiltert auf die Wirbel auftreffen. Als sprichwörtliche Berufskranker gilt der Fleischträger, der durch Verrenkung des Kopfes beim Tragen schwerer Lasten die Halswirbel enorm belastet.

Kurse zur richtigen Arbeitsbelastung können eine gute Prophylaxe gegen Berufserkrankungen sein. Hinzu kommt eine ergonomische Ausstattung mit den richtigen Arbeitsgeräten. „Sport der die Rückenmuskulatur stärkt, schützt sicher auch vor Problemen“, so der Chirurg Matthes. „Außerdem sollte man wissen, was man sich zutrauen kann.“ Falsch sei die Einstellung beim Heben schwerer Lasten: Es wird schon irgendwie gehen.

Bei Beschwerden rät Gerrit Matthes auf jeden Fall ärztlichen Rat einzuholen. „Man sollte immer klären, was die Ursache der Beschwerden ist.“ Wahlweise können kurzfristig Schmerzmittel verabreicht oder eine Physiotherapie verschrieben werden. Die Operation sollte das letzte Mittel sein, wenn andere Therapieformen nicht weiter helfen.

Geholfen hat Gleisberg letztlich Veränderung der Arbeit selbst. „Der Hauptgrund, dass es besser geworden ist, ist, dass meine Arbeit leichter wurde“, sagt er. Er sitzt mehr im Bagger statt selbst zu schaufeln. Er tut aber auch mehr für seinen Rücken. Vor einem Jahr hat ihm der Betriebsarzt wieder empfohlen, doch Schwimmen zu gehen. Die Stadtwerke stellen ihren Mitarbeitern sogar einen Ausweis zur Verfügung, mit dem sie einmal in der Woche ins „blu“ gehen können. „Ich habe gemerkt, dass es bei der Ausdauer hilft“, sagt Gleisberg. Stärkt es den Rücken? Er weiß es nicht. „Aber auf jeden Fall fühlt man sich nach dem Sport wie neugeboren.“

Beschwerden hat Gleisberg derzeit keine, einige dauernde Schäden sehr wohl. Bei seinen Lendenwirbeln haben sich einige Scheiben abgenutzt. „Das ist halt eine Berufskrankheit“, sagt er. Jeder Kollege könne ähnliche Geschichten erzählen. „Im Tiefbau sind alle den selben Belastungen ausgesetzt.“

Die Krankenschwester

Mehr als 25 Jahre arbeitet Katrin Mamerow schon am Klinikum Brandenburg. Sie ist gerne Krankenschwester, das hört man ihr an, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Mamerow fühlt sich mit ihren 44 Jahren auch insgesamt ausgesprochen fit und den Anforderungen ihres Jobs gewachsen. Das könnte jedoch ganz anders sein, wäre Mamerow nicht von so guter Konstitution und zusätzlich sehr gesundheitsbewusst.

Schon vor rund 20 Jahren musste sie als junge Krankenschwester wegen aufkommender Rückenschmerzen zum Arzt. „Er hat ein Röntgenbild gemacht und mir auch Schmerzmittel gegeben“, sagt sie. „Die Schmerztabletten konnte ich relativ zügig in die Schublade legen.“ Geholfen hatten ihr damals vor allem bestimmte Kniffe, schwere Lasten rückenschonender zu heben, so wie der Arzt ihr das empfohlen hatte. Denn das ist ein gesundheitlicher Knackpunkt aller Pflegejobs: Das Heben von Patienten.

Viele Menschen haben im Beruf mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Quelle: Fotolia

„Das Patientenheben ist für uns wirklich sehr anstrengend“, sagt Mamerow. „Die Patienten werden im Schnitt immer schwerer – und zumeist auch immer kränker und hilfloser.“ Sie können kaum noch mithelfen, wenn sie zum Beispiel auf ein anderes Bett verladen werden. Entsprechend bekommen die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen nach einiger Zeit die gleichen Beschwerden.

„Ich habe sehr viele Kollegen, die über Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen klagen und über Schulterschmerzen natürlich.“ Die Symptome seien dieselben wie die, die man von Bauarbeitern kenne, erläutert Katrin Mamerow.

Dass sie selbst seit Jahrzehnten von diesen Problemen weitgehend verschont bleibt, liege wohl vor allem an ihrem recht außergewöhnlichen Gesundheitsprogramm. „Ich mache seit zehn Jahren dreimal in der Woche Fitness-Training“, sagt sie. Unterstützung bekommt sie dabei von einem persönlichen Trainer. Der Mann ist Diplom-Sportmediziner.

Dank seiner gezielten Trainingsprogramme hat Mamerow erreicht, was ihr half: Mehr Muskulatur zum Schutz ihres Rückens aufzubauen. Rückenschmerzen hat sie seitdem keine gehabt. Katrin Mamerow weiß, dass nicht jede Kollegin oder Kollege mit einem persönlichen Fitness-Trainer gesegnet ist. Sie glaubt aber, dass betrieblich sehr wohl noch einiges drin wäre.

So gibt es am Klinikum schon ab und zu kleine Schulungen, wie man Lasten richtig heben sollte. „Aber nicht so viele.“ Hilfreich wäre schon, findet Mamerow, wenn diese Kenntnisse aus der Ausbildungszeit regelmäßig erfrischt würden. Entsprechendes Fachwissen könnten prinzipiell ja auch die hauseigenen Physiotherapeuten dem Kollegium weitergeben.

Und noch etwas würde freilich helfen: Mehr technische Hilfsmittel und vor allem mehr Personal, so dass die Lasten nicht buchstäblich an so wenigen Schultern und Rücken hängen blieben. Denn leichter werde angesichts des demografischen Wandels der Job im Krankenhaus bestimmt nicht.

Die Verkäuferin

Die Verkäuferinnen in der Potsdamer Filiale des Feinkosthändlers „Wajos“ wirken gut gelaunt. Sie dekorieren, gehen auf Kundenwünsche ein und sind freundlich. Die 32-jährige Olga Kobilacki ist noch nicht sehr lange hier. In dem Laden in den Potsdamer Bahnhofspassagen arbeitet sie erst seit August 2016.

Fünf Tage in der Woche ist sie sechs Stunden lang für die Kunden da. Rückenbeschwerden haben bei solch einer Arbeit normalerweise viele, aber Kobilacki beugt vor. Früher hat sie Fitnesstraining gemacht, jetzt geht sie spazieren und bei gutem Wetter zwei- bis dreimal in der Woche Joggen oder Fahrradfahren.

„Mit Bewegung kann man vieles ausgleichen. Ich habe es eher im Rücken, wenn ich mich nicht bewege.“ Früher im Büro, wo sie viel saß, hatte sie auch einmal wegen Rückenschmerzen zur Physiotherapie gehen müssen. Das sei ihr in den zwei Jahren als Verkäuferin nicht passiert. Auch in diesem Job, wo es keine Stühle gibt und die Verkäuferinnen ständig stehen müssen, sei Bewegung viel angenehmer als nur herumzustehen. „Aber ich muss ja die ganze Zeit was machen.“ Kunden bedienen, angekommene Ware einpflegen, dekorieren. Es gibt immer zu tun.

„Vielleicht ist es auch Gewöhnung“, meint Kobilacki. „Die ersten zwei, drei Tage waren schon schwer.“ Jetzt gehe es. Aber Kobilacki sieht auch, dass das bei anderen Verkäuferinnen vielleicht nicht immer so gut läuft. „Wenn man erst mit 40 in diesen Beruf einsteigt, ist es sicher schwieriger.“

Der Betriebsrat

Den Gewerkschaften ist das Problem großer Rückenbelastung der Arbeitnehmer bewusst. So setzen sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) gemeinsam für Prävention gegen Erkrankungen im Muskel-Skelett-Bereich ein. Unter www.dgabewegt.de schneidet die Arbeitsschutzstrategie ganz verschiedene Themenfelder und Angebote an.

Auf Angebote, ob die der Krankenkassen oder von privaten Studiobetreibern wie etwa dem Kieser-Training weist zum Beispiel auch der Betriebsrat des Klinikums in Brandenburg (Havel) hin. Solche Kursangebote können auch finanziell unterstützt werden. Für den stellvertretenden Betriebsrat Andreas Kutsche ist das aber nur die eine Seite der Medaille.

„Wir bräuchten eigentlich mehr Kräfte, damit die Arbeit besser verteilt werden kann“, sagt Kutsche. Wenn sich zwei Pflegekräfte zugleich um einen Adipositaspatienten kümmern könnten, wäre das schon eine enorme Entlastung – auch für den Rücken der Arbeitenden.

Freilich gebe es auch moderne Hilfsmittel. Aber nicht jede Station des Brandenburgischen Klinikums verfüge über einen Personenlift. Man könne auch von den modernsten und aufwendigsten Kippbetten träumen – aber diese würden in der Masse das Budget der Klinik schließlich sprengen.

Die Budgetgrenzen haben schon dazu geführt, dass die Klinikangehörigen nicht mehr so häufig die Angebote der hauseigenen Physiotherapie wahrnehmen können. Wenn es weniger Personal als früher gibt, können die Kräfte nicht auch noch ihre Arbeitszeit in der Physiotherapie verbringen.

Doch genau hier müsste man laut Kutsche ansetzen. Mehr Geld für Physiotherapie wäre nach seiner Ansicht eine gute Investition in die Mitarbeitergesundheit. Auch die hauseigene Rückenschule, die höchstens einmal im Quartal stattfinde, könne gestärkt werden.

Der wirtschaftliche Druck, der auf der Arbeit der Klinik laste sorgt in den Augen des Betriebsrats nicht nur unmittelbar für Rückenprobleme. „Psychische Belastungen wirken sich auch wieder auf das Skelettsystem aus“, sagt er. So belastet nicht nur rein physische Masse den Rücken von Berufstätigen – es sind hohe Leistungsanforderungen insgesamt, die alles andere als ideal für das komplexe Muskel-Skelettsystem sind.

Von Rüdiger Braun

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