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Marode Supermacht

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak stellt am Mittwoch in Potsdam ein erschütterndes Buch über die Gegenwart in den USA vor Marode Supermacht

Auf dem Weg zum Ontariosee legt Geert Mak einen Halt in Potsdam ein. „Das Zentrum von Potsdam sieht aus, als wäre es original aus dem Preußen des Jahres 1900 nach hier verfrachtet worden, mit der mächtigen Highschool aus Ziegelsteinen, der Hallenkirche und dem Rathaus.

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Quelle: M.DOOMERNIK/LAIF

POTSDAM. “ Der niederländische Schriftsteller wird auch morgen in Potsdam aussteigen, dieses Mal aber diesseits des Atlantiks, um sein Mammutwerk „Amerika!“ erstmals einem deutschen Publikum vorzustellen.

Maks aufschlussreicher Bericht über die Instabilität der Weltmacht USA könnte brisanter und erschreckender, erhellender und profunder nicht ausfallen. Geert Mak hat sich im Jahr 2010 zehn Wochen mit einem silbermetallic-farbenen Jeep Liberty auf eine Inspektionsreise durch die USA begeben. Auf einer Route, die John Steinbeck 1960 – 60 Jahre vor ihm – eingeschlagen hatte, um noch einmal dem Altenteil im idyllischen Sag Harbor zu entkommen. Zwei Jahre bevor er für Romane wie „Früchte des Zorns“ und „Jenseits von Eden“ den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, wollte Steinbeck – ohne überfürsorgliche Frau, nur mit Hündchen Charley – seine Freiheit und Einsamkeit zelebrieren und wie ein richtiger Mann im Wohnmobil „in der Einöde“ kampieren. Dass der authentisch aufgemachte Reisebericht „Die Reise mit Charley“ auch viele Fiktionen enthält, dass der große linke Moralapostel der amerikanischen Literatur viele Begegnungen und Figuren wegließ oder dazu erfand, dass er sich auch mehrfach unterwegs mit seiner Frau in Luxushotels traf, stellt für Geert Mak keinen Realitätsschock dar. Denn Mak verdankt Steinbeck ausdrücklich die Anregung zu seinem fast 1000-seitigen Buch „In Europa“, für das er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt. Dieses Mal wollte er also Kultur und Gesellschaft der USA eingehend beleuchten. Denn: „Was wissen wir eigentlich über dieses Land? Und was wissen wir nicht?“

Im Gegensatz zu Steinbeck ist Mak kein Künstler, sondern ein äußerst beschlagener Bildungsbürger. Der ehemalige Dozent der Rechtswissenschaft vergleicht das, was er sieht, mit dem, was er weiß und scheinbar mühelos herbeirecherchiert. Vergleichendes Material für seinen großen erzählerischen Bogen liefern darüber hinaus weitere Reiseberichte, angefangen von Alexis de Tocqueville („Über die Demokratie in Amerika“, 1840), über John Gunter („Inside U.S.A.“, 1947), bis hin zu drei Journalisten, die sich just 2010 – unabhängig voneinander – ebenfalls auf den Weg machten, um Steinbeck die Ehre zu erweisen.

Geert Mak wird der Fülle der Fragen und Antworten Herr, indem er äußerst geschickt jeder Region, die er durchquert, Themen zuordnet. Beim Start in Neuengland kommt er auf die Werte der europäischen Einwanderer zu sprechen. Schon Steinbeck haderte damit, dass sich die „Überlebensgesellschaft“ zusehends in eine „Konsumsgesellschaft“ verwandelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 16 Millionen (!) heimkehrende US-Soldaten, die in Europa gekämpft hatten, ins bürgerliche Leben entlassen. Was wurde aber aus der grandiosen Konsumgesellschaft mit all ihren Segnungen und Verheißungen?

Was Mak in Detroit zu sehen bekommt, ist kaum zu fassen. Der einstige Sitz der „drei Giganten Ford, Chrysler und General Motors“ ist nur noch eine Geisterstadt. Die Aussage, dass es den meisten Amerikanern „heute deutlich schlechter geht als vor drei Jahrzehnten“, unterfüttert er mit vielen plastischen Zahlen. „Die Sozialdaten und Prognosen sind niederschmetternd“.

In seinen Realitäts-Check bezieht Mak auch die Medien ein. Ihrer Propaganda schreibt er es zu, dass die amerikanischen Wähler kaum noch in der Lage seien, ihre Interessen zu erkennen. „Die Recherche, der ständige Zweifel, das ewige Streben nach Objektivität, charakteristisch für die Aufklärung, scheinen immer mehr durch eine Welt der Hypnose, des Exhibitionismus und des kollektiven Wohlbehagens ersetzt zu werden.“ Kurz hinter Potsdam (USA) erfährt Mak aus der Zeitung, der US-Geheimdienst habe wegen Terrorgefahr eine „Reisewarnung für Europa“ ausgesprochen. Sein Kommentar: „Dieweil bin ich auf dem Weg nach Chicago (etwa 450 Morde pro Jahr), aber es gibt nicht eine Behörde, die mich warnt.“

Dieses Buch ist eine unermessliche Fundgrube für landeskundliches und historisches Wissen. Ob es um Indianer geht oder um die Schwarzen, um Politik, Kirchen oder Popkultur, der Erzähler Mak verknüpft mit dramaturgischem Geschick Fakten und Meinungen, Zitate und Erörterungen zu einem spannenden Text. Hinter dieses „Amerika!“ gehört wirklich ein Ausrufezeichen, zumal Europa ihm so gern folgt. (Von Karim Saab)

Geert Mak: Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Siedler, 624 Seiten, 34,99 Euro.

Buchpremiere: 15. Mai, 19 Uhr. Kleist-Schule, Friedrich-Ebert-Straße 17, Potsdam.

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