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Brandenburg Marx, ein „Weltversteher“ und „Augenöffner“
Brandenburg Marx, ein „Weltversteher“ und „Augenöffner“
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08:16 17.09.2017
Viele Jahre war es still um ihnt: Karl Marx.   Quelle: dpa
Potsdam

 Jürgen Neffe, der in der Gemeinde Am Mellensee (Teltow-Fläming) lebt, ist von Hause aus promovierter Biochemiker. Mit seiner Albert-Einstein-Biografie 2005 gelang ihm auch als Sachbuchautor der Durchbruch. Gerde erschein seine Karl-Marx-Biografie.

Herr Neffe, es gibt nicht wenige intelligente Menschen, die „Das Kapital“ von Karl Marx für ein unlesbares Buch halten. Haben Sie sich durch die drei Bände gern und mit Gewinn durchgekämpft?

Jürgen Neffe: Nicht immer gerne, aber stets mit Gewinn. Besonders Band 1, denn der ist grandios geschrieben und komponiert. Allerdings sind die ersten 80 Seiten schon harter Tobak. Um dem Buch den Schrecken zu nehmen, empfehle ich, später einzusteigen, dann wird es gut lesbar, richtig spannend sogar. Was mich dann eher gestört hat, sind die vielen Rechenbeispiele und Berechnungen, die eigentlich in einen Anhang am Schluss gehörten.

War das Wirtschaftssystem des Kapitalismus damals wirklich schon so komplex, dass Karl Marx so umständlich formulieren musste?

Natürlich waren Wirtschaft und Welthandel auch schon damals ziemlich komplex, wenn auch nur in Grenzen mit heute vergleichbar. Ich würde Marx Formulierungen aber nicht umständlich nennen, vielleicht: unverständlich, zumindest für den Normalleser. Das liegt vor allem daran, dass „Das Kapital“ auch ein philosophisches Buch ist und Marx, in der Manier seines Lehrmeisters Hegel, zuerst die Kategorien bestimmt.

Können Sie sich erklären, warum diese wirtschaftstheoretische Fachbuch ein Weltbestseller wurde?

Nun ja, das gilt heute, und zwar auch nur deshalb, weil es das Werk eines Weltverstehers ist, vergleichbar etwa Einstein, Darwin und Freud, weil es uns noch viel zu sagen hat – wenn man so will nach wie vor ein Augenöffner. Aber zu Marx Zeiten war es vom Bestseller weit entfernt. Die ersten tausend Exemplare von Darwins „Entstehung der Art“ von 1859 waren in einem Tag ausverkauft, die ersten tausend des „Kapital“ nach fünf Jahren.

Im Gegensatz zum Staatssozialismus hat sich das kapitalistische System als erstaunlich lernfähig und reformierbar erwiesen. Warum ist der Kapitalismus, laut Marx, dennoch zum Untergang verurteilt?

Vielleicht hat Marx die Lernfähigkeit des Kapitalismus tatsächlich unterschätzt – und auch seine Überlebenskraft. Aber dass das System keinen Ewigkeitsanspruch hat, vor allem, wenn es sich so entwickelt wie in unserer globalisierten Welt unter dem Vorzeichen des Neoliberalismus und der dominanten Finanzwirtschaft, sehen heute wieder viele so. Was mir eher Sorgen macht, und deshalb thematisiere ich es in einem eigenen Kapitel über den Postkapitalismus, dass wir keinen Plan B für den Fall besitzen, dass das System tatsächlich kollabiert. 2007/08 während der Finanzkrise waren wir so nahe daran wie noch nie. Die größte Gefahr sehe ich in dem, was Marx „Bereicherungswirtschaft“ nennt.

Hat Karl Marx die Globalisierung vorausgesehen?

Ja, und zwar in einer Art, dass man sich heute die Augen reibt: Die totale Kommerzialisierung, die alles zu Waren macht, inzwischen sogar unsere sozialen Verhältnisse, hat Marx kommen sehen. Man kann sogar sagen, dass der Kapitalismus, wie wir ihn heute erleben, erst der geworden ist, den Marx vor 150 Jahren beschrieben hat.

Welche anderen Prophezeiungen von ihm muss man heute ernst nehmen?

Ich würde nicht von Prophezeiungen sprechen, auch wenn wir es heute so empfinden mögen. Das setzt eine Absicht voraus, die man Marx nicht unterstellen sollte. Aber seine Analysen sind vielfach noch zutreffend, das ist umso erstaunlicher. Mich hat besonders das „Maschinenfragment“ aus seinen zu Marx’ Lebzeiten unveröffentlichten „Grundrissen“ von 1857 fasziniert, in dem er sich Gedanken über eine Welt macht, in der alle Produkte und schließlich auch Dienstleistungen von Maschinen erledigt werden. Solch einer Welt nähern wir uns gerade, Stichwort Industrie 4.0 mit Robotern und Künstlicher Intelligenz, mit großen Schritten. Wenn uns die Arbeit ausgeht, fragt sich Marx, wer hätte dann noch Geld, die Dinge zu kaufen? Steckt in ihnen – heute etwa in den Daten, die wir freiwillig zur Verfügung stellen – nicht die „Leistung“ aller, fragt er weiter, auch früherer Generationen, ohne die es die heutigen Fortschritt der Technik nicht geben könnte. Ein besseres Argument für ein Grundeinkommen habe ich nie gelesen.

Was würde er zu einer Welt sagen, in der es kaum noch Arbeiter, sondern nur noch Angestellte und prekär Beschäftigte gibt?

Vermutlich würde er darin die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts wiedererkennen, die Bourgeoisie wäre heute die gut ausgebildete und bezahlte Angestelltenschaft, das neue Proletariat heißt Prekariat. Aber ausgebeutet im Marxschen Sinne, nämlich durch „arbeitendes Geld“, wie er das als Erster genannt hat, werden beide. Man darf dabei nicht vergessen, dass Marx nicht Reichtum kritisiert, sondern Armut.

Was sind die größten Missverständnisse, die man den selbst ernannten Marxisten anlasten muss?

Vielleicht der Zeitpunkt des Umbruchs. Marx hat davor gewarnt, eine Revolution zu starten, bevor die Zeit reif ist, oder sagen wir besser: die Produktionsverhältnisse. Insofern war die Oktoberrevolution, deren 100. Geburtstag wir dieses Jahr auch begehen, vielleicht der größte Irrtum.

Ist Ihnen der Mensch Karl Marx während der Auseinandersetzung mit Leben und Werk sympathischer geworden oder unsympathischer?

Beides. Das Werk hat mich begeistert, ich bin ein regelrechter Marxianer geworden, aber sicher kein Marxist, wie es üblicherweise verstanden wird. Aber was seine oft gnadenlose Art mit seinen politischen Feinden angeht, ist er mir eher unsympathischer geworden. Immer wieder habe ich mich gefragt: War das jetzt nötig? Aber insgesamt kann ich sagen, dass er mir näher gekommen ist, und eines hat mich tief bewegt: die Liebesgeschichte von Jenny und Karl.

Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete. C. Bertelsmann, 656 Seiten, 28 Euro.

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Von Karim Saab

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