Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Mobbing in der Mordkommission
Brandenburg Mobbing in der Mordkommission
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:31 10.05.2014
Mit dieser Täterbeschreibung wurde nach dem "Maskenmann" gesucht. Quelle: Polizei
Potsdam

In einem der größten Brandenburger Kriminalfälle soll es bei den polizeilichen Ermittlungen deutlich mehr Ungereimtheiten und Versäumnisse gegeben haben als bislang bekannt. Beamten der Sonderkommission „Imker“ (Soko), die den seit Montag vor Gericht stehenden mutmaßlichen Entführer von Storkow (Oder-Spree) aufspürte, soll durch Polizeiführer unter Androhung von Konsequenzen untersagt worden sein, in alle Richtungen zu ermitteln. Nach MAZ-Informationen gingen die Konflikte in der Soko in Frankfurt (Oder) so weit, dass die Landespolizeispitze eine Kommission einsetzte. Sie unterzog Beamte, die sich von der Ermittlungsleitung gemobbt fühlten, peinlichen Befragungen. Auch externe Schlichter sollten die Wogen glätten.

„Man hat versucht zu schlichten, aber das ist nicht vollständig gelungen“, bestätigt Andreas Schuster, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), den Vorgang. „Ich kenne viele Kollegen aus der Soko, die sagen: So etwas möchte ich nie wieder erleben.“

Kein leichter Fall: Die Soko um Chef-Ermittler Falk Küchler ging auf der Suche nach dem Maskenmann 530 Hinweisen nach. Quelle: Polizei Brandenburg

Staatsanwalt Jochen Westphal hatte beim Prozessauftakt die Vorwürfe noch als „einzelne Meinung eines Polizeibeamten ohne Relevanz“ abgetan. Wie berichtet, hat ein Oberkommissar, der für die Befragung des Entführten Stefan T. zuständig war, eine Selbstanzeige wegen Strafvereitelung im Amt gestellt. Er beklagt, dass Widersprüche in den Aussagen des Opfers durch Soko-Chef Falk Küchler (40) bewusst übergangen worden seien. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren jedoch ein. Darüber, wie zu ermitteln sei, werde „nicht demokratisch abgestimmt“, so Westphal.

Aus Sicht mehrerer Mitglieder der 60-köpfigen Soko hat man in dem Fall oft falsch entschieden und die Ermittlungen einseitig gegen den Verdächtigen Mario K. geführt. So sei versäumt worden, das Entführungsopfer nach dessen Flucht gerichtsmedizinisch zu untersuchen, um etwa eine Unterkühlung oder Fesselspuren festzustellen, die belegen könnten, dass der Banker zwei Tage auf einer Schilfinsel gefangen gehalten wurde.

Weiteres Beispiel: Auf einer Blümchendecke, die auf der Insel gefunden wurde, befanden sich Hundehaare. Ein Ermittler sollte die Decke von einem DNA-Spezialisten in Innsbruck untersuchen lassen. Der Beamte soll vorgeschlagen haben, dafür auch bei einem anderen Verdächtigen eine Probe zu nehmen, weil dieser einen Hund besitzt. Das sei ihm untersagt worden. Zu diesem Zeitpunkt war schon der nun angeklagte Mario K. im Visier der Fahnder. Auf ihn war man gekommen, weil er 1997 mit einer Pistole vom Typ Ceska einen Menschen angeschossen hatte. So eine Waffe war auch bei der Entführung und bei zwei Überfällen auf eine andere Unternehmerfamilie in Bad Saarow (Oder-Spree) benutzt worden.

Auf dieser Decke wurden DNA-Spuren gefunden, aber angeblich nicht ordentlich untersucht. Quelle: Polizei Brandenburg

Der Beamte, der sich selbst angezeigt hat, will Soko-Chef Küchler nahegelegt haben, ein unabhängiges Gutachten anzufordern, das die Version des Opfers kritisch prüft. „Er wollte es nicht hören. Er hat mir verboten, in diese Richtung zu ermitteln.“ Später habe sich herausgestellt, dass bereits ein Gutachten einer Magdeburger Kriminologin vorlag, die ebenfalls auf Widersprüche hinweist. Dieses habe die Soko-Spitze zurückgehalten. „Wurde es, weil der Inhalt nicht den Wünschen der Auftraggeber entsprach, unter den Teppich gekehrt?“, fragt der Oberkommissar laut Selbstanzeige.

Staatsanwalt Westphal widerspricht. Das Gutachten sei der Staatsanwaltschaft vorgelegt worden. Er zweifelt die Seriosität der Gutachterin an. Es handele sich nur um eine „Studentin“. Laut Internet hat die Frau promoviert und schon mehrere Gutachten erstellt.

Die Soko hatte nach außen früh betont, dass sie eine erfundene Entführung ausschließt. „Es gibt genügend Fakten, die das widerlegen“, sagte Küchler im November 2012. Im September 2013 wurde Mario K. als möglicher Täter präsentiert. „Wir haben den Richtigen“, verkündete Polizeipräsident Arne Feuring, ohne den klassischen Beweis zu haben. „Der Druck, zu einem Fahndungserfolg zu kommen, war riesig“, sagt Gewerkschaftschef Schuster. „Viele Hinweise und noch kein Täter“ oder „Polizei tappt im Dunkeln“ lauteten die Schlagzeilen nach fast zwei Jahren Fahndung. „Anstatt davon unbeeindruckt zu bleiben, stieg die Anspannung in der Soko.“ Der Oberkommissar wurde nach eigenen Angaben zu einem „sehr laut“ geführten Gespräch mit Küchler und dem Kommissariatschef zitiert. Dabei sei ihm nahegelegt worden, sich Gedanken über seine Zukunft zu machen. Er wurde krank. Seit März 2013 gehört er nicht mehr zur Soko. Auch anderen kritischen Soko-Mitgliedern sollen neue Aufgaben zugewiesen oder negative Beurteilungen ausgestellt worden sein.

Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt

  • Der Prozess gegen den mutmaßlichen Maskenmann, Mario K., wird am Donnerstag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) fortgesetzt. Dem 46-Jährigen droht wegen versuchten Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe.
  • Die Millionärsgattin Petra P., die im August 2011 von einem Maskierten vor ihrem Haus in Bad Saarow (Oder-Spree) brutal zusammengeschlagen wurde und das erste Opfer des „Maskenmannes“ ist, wird ihre Zeugenaussage vom Montag fortsetzen. Sie hatte beim Prozessauftakt erklärt, dass der Angeklagte als Täter infrage kommen könnte.
  • Die Haushälterin, die die Schwerverletzte Petra P. gefunden und den Angreifer vertrieben hat, soll ebenfalls am Donnerstag ihre Beobachtungen schildern. Weitere Zeugen für den zweiten Prozesstag sind Bürger aus Bad Saarow sowie drei Polizeibeamte.
  • 200 Zeugen sind für den Mammutprozess geladen, für den 31 Prozesstage angesetzt sind. Darunter sind viele Polizisten und Gutachter.
  • Der Oberkommissar, der Selbstanzeige wegen Ermittlungsversäumnissen gestellt hat, soll am 4. September als Zeuge aussagen, Ermittlungsleiter Falk Küchler, gegen den sich die Vorwürfe richten, vier Tage später. mak

Gewerkschaftschef Schuster hält die Selbsanzeige des Beamten dennoch für richtig. Stelle sich heraus, dass es tatsächlich Versäumnisse gab und er nicht darauf aufmerksam gemacht habe, mache er sich strafbar. Riccardo Nemitz, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, sagt: „Sämtliche Versionen gründlich abzuklopfen, ist Handwerks-zeug in einer Mordkommission.“ Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, sei das „sehr kritisch“.

Soko-Chef Küchler will sich nicht zu den Konflikten äußern. „Wir kennen das und haben es intensiv geprüft“, so der Sprecher des Polizeipräsidiums, Rudi Sonntag. Während des laufenden Prozesses dürfe die Polizei sich nicht äußern. Wohl auch deshalb, weil die Querelen der Verteidigung in die Hände spielen. Sie beteuert K.s Unschuld und zweifelt die Objektivität der Ermittlungen an.

Erst im September – kurz vor Prozessende – sollen Ermittlungschef Küchler und der Oberkommissar als Zeugen gehört werden. Auch die Gutachterin aus Magdeburg wird dann vor Gericht erwartet.

Von Marion Kaufmann

Brandenburg Wowereit lässt Woidke abblitzen - Fragen & Antworten zum BER-Nachtflug

Die Landesregierung ist im Ringen um mehr Nachtruhe am BER gescheitert. Hätte Brandenburg die Betriebszeiten im Alleingang ändern können? Wird es weitere Initiativen geben? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

22.04.2018
Brandenburg CDU fordert mehr Geld für Straßen und Radwege - Jede dritte Landesstraße ist marode

Die CDU-Landtagsfraktion verlangt mehr Geld für Brandenburgs Straßen und Radwege. Das Land fahre seit Jahren auf Verschleiß, jede dritte Landesstraße sei deshalb in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand. Seit 2009 seien die Ausgaben von 120 auf 53,5 Millionen Euro reduziert worden. Deshalb müssten 50 Millionen Euro nachgeschossen werden.

07.05.2014
Brandenburg Nabu Brandenburg erzielt Teilerfolg vor Gericht - Naturschutz geht vor Schädlingsbekämpfung

Das Verwaltungsgericht Potsdam hat Sprühaktionen in Fauna-Flora-Habitat-Gebieten (FFH) gegen den Eichenprozessionsspinner in Brandenburg gestoppt. Ein generelles Einsatzverbot für die Insektizide „Dipel Es”, Dimilin” und „Karate” sprachen die Richter, wie vom Naturschutzbund (Nabu) gefordert, aber nicht aus.

07.05.2014