Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Einmal Griechenland und zurück
Brandenburg Einmal Griechenland und zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:48 07.08.2018
Die möglicherweise nicht mehr wirksamen Medikamente gingen an Apotheken in elf Bundesländern. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Potsdam

Der aktuelle Skandal in Brandenburg um möglicherweise verunreinigte und damit unwirksame Medikamente wirft auch ein Licht auf die oftmals verschlungenen Vertriebswege der Arzneien. Im Fall der brandenburgischen Firma Lunapharm, der jetzt vom Landesgesundheitsamt erneut die Betriebserlaubnis entzogen wurde, sollen Medikamente nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus Italien bezogen worden seien. Die Behörden vermuten auf fragwürdigen Wegen mit Beteiligung von organisierten Kriminellen und ihren Netzwerken. Oft werden Medikamente aus Kostengründen in Billiglohnländern produziert. Dort sind die Kontrollen meist nicht genau genug.

Mit der Öffnung des europäischen Marktes sei alles anders geworden, sagt Matthias Wilken vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Den klassischen Weg von früher gebe es nicht mehr, als die Ware vom lokalen Hersteller zunächst zum Großhändler und von dort direkt zu den Apotheken oder Kliniken ging. Die EU habe zwar einen gemeinsamen Binnenmarkt, aber die Märkte der einzelnen Länder hätten eine ganz unterschiedliche Leistungsfähigkeit. Nach Ansicht von Wilken führt das dazu, dass bestimmte Medikamente in „ärmeren“ Ländern billiger sind als in einem reichen Land wie Deutschland. So kämen Phänomene wie Reimporte oder Parallelimporte zustande, die auch beim Skandal rund um Lunapharm offenbar maßgeblich waren:

Beim Reimport kauft zum Beispiel ein Händler ein in Deutschland produziertes und in ein „ärmeres“ EU-Land exportiertes Medikament eben dort wieder günstig auf und führt es zurück nach Deutschland. Um es hier etwas günstiger zu verkaufen, als die direkt in Deutschland vermarkteten Anteile der heimischen Produktion.

Der sogenannte Parallelimport ist praktisch das Gleiche. Der Unterschied besteht nur darin, dass beim Parallelimport Händler Medikamente im europäischen Ausland einkaufen, die bereits eine gesamteuropäische Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) in London haben.

Beim Reimport muss die Zulassung dagegen immer wieder neu eingeholt werden. „In beiden Fällen entstehen komplexe Lieferwege und es steigt natürlich auch das Risiko illegaler Aktivitäten“, so Wilken.

Auch ohne kriminelle Vorgänge sei diese Art von Vertrieb oftmals problematisch, findet Wilken. Die Versorgungslage könne sich natürlich in jenen Gegenden verschlechtern, in denen die Medikamente aufgekauft würden. Andererseits sei die Industrie auch außerstande, die Preise etwa in Deutschland so geringzuhalten, dass sich die umständlichen Vertriebswege mit Rückkauf aus dem Ausland nicht mehr lohnten. Angesichts deutscher Gehälter, Produktionskosten und Steuern lasse sich ein so günstiger Verkauf im Inland „als Geschäftsmodell nicht fahren“.

Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf die Länder, die für die Sicherheit der Arzneimittel zuständig seien. Doch oft fehlt es dort an den nötigen Fachleuten und an ausreichendem Personal. In Deutschland und in der Europäischen Union müsse der überwiegende Teil verschreibungspflichtiger Arzneimittel Sicherheitsmerkmale tragen. Diese ermöglichten „die Überprüfung der Echtheit und die Identifizierung einer Einzelpackung eines Arzneimittels“, so eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums.

Die Pharmaindustrie schiebt den „Schwarzen Peter“ den Krankenkassen zu, die sich nicht an die mit der heimischen Industrie ausgehandelten Preise hielten, was eben zu den Risiken führten. Dem widerspricht die brandenburgische Landesgeschäftsführerin der Barmer, Gabriela Leyh, entschieden.

Reimporte in der Kritik

Dass die Pharmaindustrie sich so sehr gegen Reimporte wehre, habe mit Geschäftsmodellen zu tun und nicht mit Ethik. Auch nach dem Arzneimittelneuordnungsgesetz von 2010 hätten die Hersteller von Originalpräparaten in Deutschland enorme Marktmacht. Diese würde eingeschränkt, wenn sie nicht nur den Mehrwert eines patentgeschützten Arzneimittels belegen, sondern sofort mit den Kassen über die Preise verhandeln müssten. „Stattdessen können sie für alle Präparate praktisch ein Jahr lang jeden Preis verlangen.“ Ohne die Möglichkeit von Reimporten lägen die Preise für die Arzneimittel in Deutschland noch höher als jetzt schon, sagt die Barmer-Geschäftsführerin. Die Krankenkassen kämen erst ein Jahr nach dem ersten Vertrieb eines neuen Medikaments ins Spiel. „Dann werden auch Preise verhandelt, die nicht mehr auf dem Mond liegen“, so Leyh. Diese orientierten sich dann vielmehr an auch andernorts üblichen Preisen. „Internationale Großhändler existieren ja nur, weil ein Handel mit den viel geringeren Preisen der gleichen, im Ausland verpackten Arzneimittel, aus Kostengründen für den Versicherten sinnvoll ist“, sagt Leyh. Nötig für den Betrieb eines Großhandels seien lediglich Kenntnisse des Arzneimittelrechts und entsprechende Prüfungen.

Zumindest bei den Krankenhäusern selbst scheint die Welt auf den ersten Blick in Ordnung: „Wir beziehen unsere Medikamente fast ausschließlich direkt vom Hersteller“, sagt Joachim Odenbach, Sprecher der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft. Dabei spiele die Art der Medikamente überhaupt keine Rolle. Prozentzahlen kann Odenbach nicht nennen. Freilich schließe die Aussage mit ein, dass auch bei Kliniken die Vertriebswege „nicht zu 100 Prozent“ direkt seien. Tatsächlich hatte auch Lunapharm eine Berliner Klinik mit Arzneien beliefert.

Uneinheitliche Preise

„Das System ist komplex und sehr aufwendig“, räumt Kai Vogel vom Bundesverband der Verbraucherzentrale ein. Auch er sieht den zentralen Punkt bei Reimporten in den sehr unterschiedlichen gesetzlichen Voraussetzungen der einzelnen Staaten. „Es gibt in Europa keinen einheitlichen Preis für Medikamente.“ Ein einheitliches Preissystem sei kaum durchzusetzen. Insofern würde sich Reimporte preislich durchaus immer lohnen. Im Gegensatz zu den Krankenkassen ist Vogel sogar der Ansicht, dieses System funktioniere eigentlich ganz gut. Es scheitere bloß, wenn es Beteiligte mit hoher krimineller Energie gebe, wie es jetzt der Fall sei. „Grundsätzlich müssen Kontrollbehörden mit ausreichend Personal ausgestattet werden, das kostet eben auch Geld.“ Und daran hat es offenbar im Landesamt in Brandenburg gehapert. Die Arzneimittelaufsicht ist schon länger unterbesetzt. Mit dem fraglichen Vorgang waren nur zwei Mitarbeiter befasst.

Gegen die umstrittene Firma Lunapharm wurde vom Landesgesundheitsamt ein neues Handelsverbot erlassen. Dieser Bescheid enthält offenbar stichhaltigere Argumente – so Verbindungen der Firma auch zur italienischen Mafia – als der erste Bescheid, der unter großem Zeitdruck erlassen wurde. Lunapharm darf sechs Monate ihren Geschäften nicht nachgehen.

Das Verwaltungsgericht Potsdam sollte eigentlich in dieser Woche über den ersten Entzug der Betriebserlaubnis entscheiden. Lunapharm hatte in einem Eilverfahren Widerspruch eingelegt. Das Gericht hatte durchblicken lassen, dass es die Begründung der Behörde nicht für ausreichend halte. Da dieser Bescheid wieder zurückgenommen wurde, muss das Gericht nicht entscheiden. Ein Widerspruch war von Lunapharm gestern nicht eingegangen.

Der Gesundheitsausschuss des Landtags wird vermutlich in der kommenden Woche erneut zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Ende August soll die von Ministerin Diana Golze (Linke) eingesetzte Task Force mit Pharma-Experten einen Zwischenbericht zum Skandal vorlegen.

Von Rüdiger Braun und Igor Göldner

Ministerpräsident Woidke kritisiert den Berliner Senat für verkürzte Arbeit in den Verwaltungen. Doch auch das Finanzamt in Brandenburg an der Havel wollte früher schließen.

07.08.2018
Politik Sozialpolitik Brandenburg - Die Mark setzt auf Freiwilligkeit

Den sozialen Zusammenhalt stärken will CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Einführung eines verpflichtenden Dienstjahres. Das Gegenteil würde erreicht, finden märkische Politiker und viele Verbände.

07.08.2018

Beim Getränkekonzern Bad Liebenwerda stehen ehemalige Mitarbeiter unter Verdacht: Sie sollen Getränkekisten und Leergut unterschlagen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es geht um mehr als ein paar Pfand-Cents.

07.08.2018