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Brandenburg Mit dem Digital Detox Camp nachts im Wald
Brandenburg Mit dem Digital Detox Camp nachts im Wald
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13:00 13.03.2019
Gelegentlich sollte das Handy mal außer Sicht- und Griffweite verschwinden. Quelle: Valery Voennyy/ stock.adobe.com
Baden-Baden

Was die digitale Überflutung mit einem machen kann, weiß eine der führenden Praktikerinnen der Digital-Detox-Bewegung aus eigener Erfahrung. Im Mai 2014 machte die Diplom-Betriebswirtin Ulrike Stöckle Urlaub in Portugal. Ihr Sohn und seine Freunde planschten im Meer, Stöckle schaute ständig auf ihr Smartphone. „Ich war damals gerade dabei, mit drei Kolleginnen ein IT-Startup zu gründen“, erzählt Stöckle. Sie wollte keine Entscheidung verpassen. Darum war sie stets online. Bis ihr damals 14-jähriger Sohn zu ihr sagte: „Mama, wenn du so weiter machst, dann bekommst du irgendwann einen Burnout.“ Ulrike Stöckle sah plötzlich: In den vergangenen Jahren war sie ständig erreichbar gewesen.

Stöckle wollte das ändern. Wieder zu Hause in Deutschland schaute sie, welche Angebote es für Menschen mit einem gewissen Hang zur Handysucht gab. Sie fand heraus, dass in den USA ausgerechnet große Internet-Firmen Mitarbeiter immer öfter in sogenannte Digital-Detox-Camps schickten, in eine Art digitalen Entgiftungsurlaub. Dort lernten die Nerds, was für eine Befreiung es sein kann, keine 130 Mails am Tag zu beantworten und ununterbrochen Whatsapp-Nachrichten zu verschicken.

Nach vielen Internetrecherchen, Gesprächen mit Psychologen und sogar Befragungen in Suchtkliniken hatte Stöckle ein eigenes Konzept entwickelt. Im September 2014 bot sie im pfälzischen Schweighofen ihr erstes Digital-Detox-Seminar an. Heute gehört ihr eingetragenes Unternehmen „The Digital Detox“ zu einem der führenden Anbieter von Seminaren und Camps.

Handys werden abgenommen

Bei einem mehrtägigen Digital-Detox-Camp machen Teilnehmer die Erfahrung, wie ein Leben ohne Handy sein kann. Folgerichtig werden die Handys zu Beginn abgenommen und in der Regel unter Verschluss gehalten. Manche Teilnehmer laufen dabei rot an und schwitzen: Sie zeigen Entzugserscheinungen.

„Es gibt dann so etwas wie das Phantomgreifen“, sagt Stöckle. „Die Teilnehmer greifen ständig unwillkürlich in die Tasche nach ihrem Handy, obwohl sie es abgegeben haben.“ Auch Phantomklingeln komme vor. Die Nutzer meinen, ein Handyklingeln gehört zu haben, obwohl das nicht der Fall sein kann. Die Symptome legen sich, sobald die Gruppengespräche über die Probleme mit den Handys beginnen.

Die Betriebswirtin Ulrike Stöckle ist geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur für nachhaltige Kommunikation. Gründerin und Geschäftsführerin von The Digital Detox. Quelle: privat

Genau diese Erfahrung machte im vergangenen Jahr auch Carole Marelus, eine Boutiqueinhaberin aus Baden-Baden. „Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich von den Worten der anderen gefesselt war“, sagt sie. Manche berichteten, dass sie sich fast vor einem Burnout fühlten oder sich von ihren Chefs unter Druck gesetzt sähen. „Man hat sich dort irgendwie wiedererkannt“, so Marelus. Sie selbst hatte sogar beim Ausreiten mit ihrem Islandpony Nachrichten gecheckt. Nun machte sie eine ganz neue Erfahrung: „Man hat das Handy gar nicht mehr vermisst.“

Die Auszeit im Camp ist vor allem dazu da, die Menschen wieder achtsam für ihre unmittelbare Umgebung zu machen. Zum Beispiel wurde in einem Detox-Camp auch schon mal auf einer freien Plattform mitten im Wald übernachtet. „Der Förster hat uns erklärt, welche Tiere man hört und wie die Bäume kommunizieren“, erzählt Leiterin Stöckle. Die Teilnehmer erleben wieder mit allen Sinnen.

„Die Teilnehmer sehen dadurch erst wieder, welche Freiheiten sie haben, wenn man nicht dauernd unterbrochen wird“, erklärt Stöckle. Auch gegenüber anderen sind sie viel präsenter. Am Ende der Tage ist der Stresslevel für alle messbar gesunken, wie Fragebögen beweisen. Wird das Handy nach einem solchen Aufenthalt dann ausgegeben, denken die Teilnehmer gar nicht daran, es gleich wieder einzuschalten.

Am Wochenende herrscht Ruhe

Während des Camps überlegen die Teilnehmer, wie sie privat und beruflich ihr Online-Leben ändern können. Sie nehmen sich handy- und mailfreie Wochenenden vor oder wollen den beruflichen Mailverkehr um 30 Prozent senken. Außerdem wollen viele Arbeitsphasen, in denen keine Anrufe oder Fragen von Kollegen stören.

„Definitiv hat es mir etwas gebracht“, findet die Geschäftsfrau Carole Marelus. „Mein Handy liegt jetzt nicht mehr im Schlafzimmer, sondern es ist nachts in der Küche weit weg“, sagt sie. „Ich habe meine Griffe zum Handy insgesamt sicher um 40 Prozent minimiert.“ Beim Reiten verwendet sie das Gerät nur noch zum Abspielen von Musik.

„70 Prozent unserer Teilnehmer setzen solche Strategien tatsächlich langfristig um“, sagt Stöckle. Das alles sei einfacher als viele meinten. „Die Menschen machen sich oftmals selbst Druck.“ Stöckle selbst hat bei ihrer eigenen PR-Agentur fast frohen Zuspruch erlebt, als sie Kunden klar und deutlich sagte, dass am Wochenende keine Anfragen mehr beantwortet würden.

Stöckle sieht Anzeichen, dass der Gipfel der Dauerverfügbarkeit schon überschritten ist. Noch vor einigen Jahren rief der damalige Chef des Burda-Verlages um fünf Uhr in der Frühe aus dem Ausland ihre PR-Agentur an – für Stöckle damals selbstverständlich. Heute hätte er Pech. Auf Stöckles Nachttisch liegt kein Handy mehr. Bislang hat sich noch niemand beschwert.

Von Rüdiger Braun

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