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Mord vor 42 Jahren? Das Schweigen der Erna F.

Schwedter Kindsmord-Prozess Mord vor 42 Jahren? Das Schweigen der Erna F.

Vor 42 Jahren soll Erna F. in Schwedt ihren achtjährigen Sohn Mario mit Gas vergiftet haben. Die 74-jährige Rentnerin bestreitet die Tat. Der Mordprozess vor dem Landgericht Neuruppin wurde zur Spurensuche in der Vergangenheit. Nun neigt sich der spektakuläre Prozess dem Ende zu – und das ist offen.

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Über das einstige Grab von Mario F. auf dem Neuen Friedhof in Schwedt (die freie Stelle in der Reihe) ist Gras gewachsen.

Quelle: Oliver Voigt

Schwedt/Neuruppin. Der Plattenbau in Schwedt ist nach der Wende saniert worden, ein Fünfgeschosser mit blauer Fassade und sauber geschnittenen Büschen im Vorgarten. Nichts erinnert an das Drama, das sich in der Nacht zum 5. November 1974 im letzten der vier Aufgänge an der Ernst-Thälmann-Straße, jetzt Berliner Straße, abspielte.

Anklage nach 42 Jahren

In einer Wohnung im zweiten Obergeschoss starb der achtjährige Mario F. an einer Kohlenmonoxidvergiftung. 42 Jahre später wirft die Staatsanwaltschaft der Mutter vor, ihren Sohn ermordet zu haben. Erna F. sei mit der Erziehung des verhaltensauffälligen Jungen überfordert gewesen, überdies habe er ihre Lebensplanung gestört. Die damals 33-jährige Mutter von drei Kindern habe Mario mit Schlaftabletten ruhiggestellt, ihn in die Küche gebracht, dort mit Gas vergiftet und zum Sterben zurück ins Bett gelegt.

Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung

Seit April muss sich Erna F. vor dem Landgericht Neuruppin verantworten. Am Dienstag geht der Prozess in die Schlussphase. Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung werden erwartet. Die 74-jährige Rentnerin, die im niedersächsischen Göttingen lebt, schweigt im Prozess. Gesprochen hatte sie nur in den Vernehmungen durch die Polizei. Die noch immer gut aussehende, elegant gekleidete Frau mit den hochgesteckten Haaren zeigt auf der Anklagebank kaum eine Regung. „Meine Mandantin bestreitet, die Tat begangen zu haben“, teilte ihr Verteidiger zu Beginn mit.

Hatte die Stasi ihre Hand im Spiel?

Seither ist die 1. Strafkammer des Landgerichts auf Spurensuche. Selten liegen Fälle so weit zurück. „Wir tasten uns durchs Dunkel der Vergangenheit“, beschreibt der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann die Situation treffend. Auch Staatsanwältin Anette Bargenda steht vor einem Indizienpuzzle. Viele Zeugen in der uckermärkischen Kleinstadt sind verstorben, die Lebenden haben Erinnerungslücken oder geben Gerüchte wider. Gemutmaßt wird auch, dass die Stasi ihre Hände im Spiel hatte, um ein Verbrechen zu vertuschen.

Marios Grab ist verschwunden

Sieben Tage nach seinem Tod war Mario in Schwedt beerdigt worden. Die Grabstelle auf dem Neuen Friedhof gibt es nicht mehr, der Platz wurde nicht neu belegt. Über das schmale Rechteck und auch über die Todesumstände des Kindes ist Gras gewachsen. Mario wäre jetzt 50 Jahre alt.

Anonyme Anzeige im August 2009

Dass der Fall überhaupt wieder aufgerollt wurde, geht auf eine anonyme Anzeige zurück. Im August 2009 – Erna F. lebt seit 1987 in Niedersachsen – meldete sich eine bislang unbekannte Person bei der Staatsanwaltschaft Hannover. „Erna F. hat ihren eigenen Sohn Mario mit Gas ermordet. Warum wurde die Frau für ihre grausame Tat nie zur Verantwortung gezogen?“, so der maschinengetippte Hinweis.

Die Tochter ist Hauptzeugin

Die Ermittler vermuten hinter dem Tippgeber Erna F.s Tochter Carmen W. Die 54-jährige Sachbearbeiterin, die in Königs Wusterhausen lebt, bestreitet das. Sie ist Hauptzeugin. Mit ihrer Mutter hat sie schon lange gebrochen. Sie nennt sie vor Gericht „Frau F.“. Die Mutter sei nie liebevoll gewesen, sie habe ihr die Kindheit gestohlen, erklärte Carmen W. voller Verachtung. Wegen Nichtigkeiten setzte es Schläge. Sie habe sich als Zwölfjährige um die Geschwister kümmern müssen, neben Mario auch um die vierjährige Martina, damit die Mutter ihr leichtes Leben führen konnte.

Mord verjährt nicht

Nach DDR-Recht wäre die Tat, die Erna F. vorgeworfen wird, nach 25 Jahren, also 1999, verjährt gewesen. Seit der Wiedervereinigung gilt aber: Auch DDR-Morde verjähren nicht. Erna F. müsste im Falle ihrer Verurteilung jedoch nach dem milderen DDR-Recht bestraft werden: für Mord zwischen zehn Jahren Haft und lebenslänglich.

Es ist nicht das erste Mal, dass Verbrechen aus der DDR-Zeit verhandelt werden. 2007 sprach das Landgericht Potsdam einen Mann des Mordes an der 17-jährigen Ann-Christin schuldig. Ihre Leiche war im Sommer 1986 am Rand einer Müllkippe bei Luckenwalde (Teltow-Fläming) entdeckt worden. Ein Gentest überführte den Täter. Ihm waren 1992 schon zwei andere Morde nachgewiesen worden.

2003 konnte ein Kraftfahrer überführt werden, 1988 ein Mädchen in Velten (Oberhavel) vergewaltigt zu haben. Experten des Landeskriminalamtes hatten Spermareste vom Rock des Opfers ausgewertet.

Klamotten aus dem „Exquisit“

Die wenigen Unterlagen, die es noch gibt, belegen, dass Erna F., Chefsekretärin im Bau- und Montagekombinat Ost, kein unbeschriebenes Blatt war. Um an Geld zu kommen, soll sie einer Bekannten das Scheckheft und einem jugoslawischen Gastarbeiter die Brieftasche gestohlen haben. Für schicke Klamotten aus dem „Exquisit“ habe Frau F. stets Geld gehabt, so Carmen W.

Eine Tochter hält zur Mutter

„Sissi“, wie sich Erna F. im Kollegenkreis gern nennen ließ, hatte zwei Ehen hinter sich und pflegte wechselnde Männerbekanntschaften – auch aus der Kombinatsspitze. Wenn Herrenbesuch kam, mussten die Kinder ins Bett. „Zu 99 Prozent“ geht Carmen W. davon aus, dass die Mutter den Bruder getötet hat – für die Schwester Martina F. eine böswillige Unterstellung: „Ich nehme das nicht für voll.“ Die 45-jährige Zahnärztin lebt wie die Mutter in Göttingen und hält zu ihr. Mit der Schwester ist sie verfeindet. Sie sagt: Carmen habe den Mordvorwurf wegen Erbstreitigkeiten konstruiert.

Psychogramm einer kaputten Familie

DDR-Kreisstaatsanwalt glaubte an Erna F.s Schuld

Carmen W. ist eine schwierige Zeugin. Experten nennen es „Belastungstendenz“, wenn jemand so viele Rechnungen offen hat wie die 54-Jährige mit ihrer Mutter. Für die Ermittler ist unklar, warum der Tod von Mario auffällig schnell als Unfall zu den Akten gelegt wurde. Der damals zuständige, aber verstorbene Schwedter DDR-Kreisstaatsanwalt Bruno Gromm soll in privater Runde überzeugt gewesen sein, dass Erna F. ihren Sohn getötet hat. Es sei aber nicht zu beweisen. Das gab eine Bekannte Gromms jetzt vor Gericht zu Protokoll.

Arzt hatte schon 1974 am Tatort Zweifel

Kein Gasgeruch in der Wohnung

Der in der Unglücksnacht verständigte Notarzt sagte aus, dass er an Marios Leiche zwar Symptome einer Gasvergiftung vorfand, seltsamerweise aber in der ganzen Wohnung kein Gasgeruch festzustellen war. Er sei deshalb nicht von einer natürlichen Todesursache ausgegangen, so der 71-Jährige.

Rechtsmediziner widerlegen Erna F.s Darstellung

Erhärtet wird diese These durch ein Gutachten von Wolfgang Mattig. Der Rechtsmediziner hält die Unfallversion der Angeklagten für abwegig. Danach soll Mario am Küchenherd gespielt und, nachdem er wieder ins Bett gegangen war, von ausströmendem Gas getötet worden sein. Dass nur Mario im Kinderzimmer betroffen war, hatte Erna F. so erklärt: Die Mädchen hätten jene Nacht ausnahmsweise im Elternschlafzimmer verbringen dürfen. Laut Mattig müssten nach Erna F.s Version alle drei Brenner des Herdes geöffnet gewesen sein. Das Gas müsse bei offenen Türen zwei Stunden ausgeströmt sein, um das Kinderzimmer zu erreichen und den bei der Obduktion festgestellten tödlichen Wert von 73 Prozent Kohlenmonoxid im Blut Marios herbeizuführen. „Er konnte nicht noch einmal aufstehen und die Hähne zudrehen“, so Mattig. Die Hähne waren, als der Junge gefunden wurde, aber geschlossen.

Pathologe schließt Unfall aus

DDR-Ermittlungsakte ist verschollen

Bizarrer Höhepunkt des Prozesses: Eine Oberstaatsanwältin der Generalstaatsanwaltschaft erklärte, sie habe die verschollene DDR-Ermittlungsakte zu Erna F. in der Hand gehabt und Kopien für „einen Verwandten der Angeklagten“ gezogen. Obwohl 25 Mitarbeiter die Archive durchforsteten, bleiben die Unterlagen, die für das Verfahren bedeutsam wären, verschwunden. Und es gibt auch keinen, der Kopien angefordert hat. Erklären kann das niemand.

Stasi-Gerüchte um eine rätselhafte Akte

Von Volkmar Krause

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