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Mordfall Lohagen: Eltern vermuten dritten Täter

Nach Tatverdächtigen-Suizid Mordfall Lohagen: Eltern vermuten dritten Täter

23 Jahre nach dem Mord an der Bad Belziger Schülerin Andrea Lohagen scheint der Fall geklärt – zwei Teenager sollen die Täter gewesen sein. Beide sind mittlerweile tot. Die Eltern der Ermordeten glauben aber: Das war nicht die ganze Wahrheit.

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Das Staunen soll zurückkehren

Das Grab von Andrea Lohagen auf dem Waldfriedhof am Bad Belziger Stadtrand. Die Schülerin wurde nur 16 Jahre alt.

Quelle: Julian Stähle

Bad Belzig. In einer Vitrine im Arbeitszimmer sind Andenken an die tote Tochter aufbewahrt. Kerzenständer aus Porzellan, Glaspüppchen, ein Harlekin und zwei Engel erinnern an Andrea Lohagen, die 1993 im Alter von 16 Jahren in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) auf dem Weg zwischen elterlicher Wohnung und Jugendclub Pogo ermordet wurde. Ein Foto der Schülerin – die Haare in der Stirn ein bisschen nach oben gegelt, wie man das eben hatte Anfang der Neunzigerjahre – ist zu sehen. Daneben hängt das Bild eines properen Kleinkinds: Urenkel von Rosemarie und Ferdy Lohagen (beide 68). Der Vierjährige – Enkel von Andreas älterer Schwester – hat Freude zurück gebracht ins Leben der Lohagens.

Polizeipannen bei der Suche

Fehler bei der Fahndung hat die Polizei gemacht. Kurz nach dem Verschwinden suchten Trupps fast genau an der Stelle, wo sieben Jahre später der Leichnam gefunden wurde.

Die Ermittlungen wurden 2012 wieder aufgenommen, als sich Spezialisten für ungelöste Fälle die Akten erneut ansahen. Erst ein posthum bekannt gewordenes Geständnis brachte aber den Durchbruch.

„Für uns ist Andrea immer gegenwärtig, aber mit Verwandten und Bekannten kann man nicht immer über das eine Thema sprechen“, sagt Rosemarie Lohagen. Doch jetzt kommt alles wieder hoch, denn die Polizei hat – wie berichtet – zwei zur Tatzeit 13 und 14 Jahre alte Jungs aus Bad Belzig als wahrscheinliche Täter ausgemacht. „Eigentlich wollten wir keinem Reporter mehr aufmachen“, sagt Mutter Rosemarie. 1993 standen sie vor der Tür, 2000 erneut, als man die Leiche des Mädchens in einem Schuppen unter einem Holzstoß entdeckte. Und nun erneut – 23 Jahre nach der Tat. David S. – der ältere der beiden mutmaßlichen Täter – starb vor einem halben Jahr eines natürlichen Todes, er soll eine heftige Drogenkarriere hinter sich gehabt haben. Zuvor hatte er sich Angehörigen anvertraut. Nach einem Polizeiverhör stürzte sich vor zwei Wochen sein zur Tatzeit bester Freund Robin U. im Kaisergebirge von einem Felsen – er arbeitete in Österreich, hinterlässt zwei Kinder. Die Ermittler sind sicher: Beide Tote waren Tatbeteiligte.

Tat-Anspielungen auf Facebook?

Die Facebook-Seite von David S. zeigt einen Kinnbartträger mit Kind auf dem Arm – er hat ein T-Shirt an mit dem Aufdruck „Wanted“ – polizeilich gesucht. Im Januar hatte S. seinem Profilbild einen seltsamen Spruch hinzu gefügt: „Die Menschen sind undankbar. Du kannst tausende Dinge richtig machen, doch machst du nur eine Sache falsch, bist du nichts mehr wert.“

Das letzte Foto von Andrea Lohagen, aufgenommen drei Tage vor ihrem Tod

Das letzte Foto von Andrea Lohagen, aufgenommen drei Tage vor ihrem Tod.

Quelle: Julian Stähle

Eltern vermuten: Die beiden Teens handelten nicht allein

„Das war keine Sache, es war Mord“, sagt Ferdy Lohagen, Vater des toten Mädchens. Aufgeklärt ist der Fall in den Augen von Andreas Eltern trotz des Durchbruchs bei den Ermittlungen noch lange nicht. „Wir können es uns nicht vorstellen, dass Jungs in dem Alter eine solche Tat ohne Hilfe oder Anleitung begangen haben“, sagt Vater Lohagen, ehemaliger Mitarbeiter der Forstverwaltung. Das Ehepaar vermutet, dass ein dritter, älterer Mann in den Fall verwickelt sein könnte. Bei der Polizei heißt es jedoch: Keine laufenden Ermittlungen in dieser Sache.

Staatsanwältin schlug Aussage eines Verdächtigen aus

Was die Eltern ebenfalls noch beschäftigt: Einer der beiden mutmaßlichen Mörder – David S. – hatte den Lohagens zufolge kurz nach der Tat gegenüber der Staatsanwaltschaft Aussagen zu dem Fall machen wollen. Die zuständige Staatsanwältin habe die Aussage aber nicht entgegen nehmen wollen, weil der damals Minderjährige seine Einlassungen an die Forderung nach einem Strafrabatt in einem anderen Verfahren gekoppelt hatte. Das heißt: Unter Umständen hätte die Tote schon deutlich früher gefunden werden können. Der Potsdamer Staatsanwaltschaftssprecher Christoph Lange erläuterte auf MAZ-Nachfrage jedoch, einen solchen „Handel“ dürfe die Behörde gar nicht annehmen. Ein Geständnis könne nur innerhalb des selben Verfahrens strafmildernd gewertet werden.

Von Erleichterung ist bei den Lohagens nichts zu spüren. „Bad Belzig ist klein“, sagt der Vater. „Und viele sind hier verwandt. Deshalb schweigen sie.“ Die Angehörigen der anderen Toten wohnen noch in der Nachbarschaft. „Man wechselt die Straßenseite, wenn man sich trifft“, sagt Lohagen.

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Von Ulrich Wangemann

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