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Brandenburg Mutter sticht ihrem Säugling ins Herz
Brandenburg Mutter sticht ihrem Säugling ins Herz
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20:16 24.10.2013
Zwei Ermittler der Kriminalpolizei vor dem Mehrfamilienhaus im Oderbruchort Golzow (Brandenburg), wo das tote Baby gefunden wurde. Quelle: dpa
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„Kinder von Golzow“, diesen Beinamen will sich die Gemeinde im Kreis Märkisch-Oderland demnächst offiziell geben – benannt nach der gleichnamigen Langzeitdokumentation über eine Gruppe Erstklässler aus dem Ort. Der Titel bekommt nun einen tragischen Beiklang: Ausgerechnet hier hat eine junge Mutter ihr Neugeborenes getötet. Es ist der zweite Fall einer Kindstötung in Brandenburg innerhalb einer Woche. Erst am Dienstag war ein totes Baby in Glindow (Potsdam-Mittelmark) in einem Kompostierer gefunden worden. Die Mutter hat die Tat gestanden.

Auch in Golzow scheint der Fall klar. Polizisten fanden das tote Baby am Mittwoch im Keller des Mehrfamilienhauses an der Golzower Hauptstraße. Nachbarn hatten Schreie gehört und die Beamten alarmiert. Die 21 Jahre alte Mutter wurde verhaftet. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft hat sie inzwischen zugegeben, ihren Sohn erstochen zu haben. Das Kind sei wohl verblutet, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es habe Stichverletzungen in der Brust und im Herz gehabt. Bei der Vernehmung habe die Mutter angegeben, überfordert gewesen zu sein. Gegen sie wird nun wegen Totschlags ermittelt.

Interview: Wie ein Gegenstand

Günter Esser ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Potsdam.
 

MAZ: Was geht in Müttern vor, die ihre Kinder töten?
Günter Esser: Es handelt sich meist um Frauen, die mit der Mutterrolle überfordert sind und wenig Unterstützung von außen haben. Oft verdrängen sie vollkommen, dass sie schwanger sind und bauen deshalb auch keine Bindung zum Kind auf, sie betrachten es wie einen Gegenstand.

Dabei könnten diese Frauen ihr Kind auch abtreiben oder abgeben. Warum tun sie das nicht?
Esser: Das ist in der Tat schwer zu erklären, sie handeln irrational.

Heißt das auch, dass diese Frauen nicht schuldfähig sind?
Esser: Oft ist das der Fall, aber nicht immer. Viele dieser Frauen bringen ihr Kind ja allein zur Welt, dazu gehört viel klares Handeln.

Wieviel Schuld trifft das Umfeld?
Esser: Natürlich gibt es Mütter, die ihre Schwangerschaft besser als andere verheimlichen können, aber spätestens in den letzten zwei Monaten sieht man doch etwas. Das Umfeld lässt sich trotzdem oft mit banalen Erklärungen abspeisen wie „Ich hab’ in letzter Zeit zu viel Bier getrunken“.
 

Müssen wir akzeptieren, dass es immer Kindstötungen geben wird?
Esser: Fakt ist, dass es sie schon immer gab, früher noch häufiger als heute, weil es als Schande empfunden wurde, uneheliche Kinder zu haben. Aber ich denke, man könnte einige Fälle verhindern, wenn es mehr niedrigschwellige Möglichkeiten gebe, ein Kind abzugeben.

Interview: Angelika Pentsi

Am Donnerstag verbreitete sich die schreckliche Nachricht wie ein Lauffeuer im Dorf. Golzows Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann kann das Verhalten der jungen Frau nicht verstehen. „Gerade für Kinder haben wir im Ort eine tolle Infrastruktur mit Krippe, Kita und Grundschule. Da wird niemand allein gelassen“, sagt er. Das bestätigt Kita-Leiterin Kerstin Wilke. „Wir betreuen in unserer Integrationseinrichtung auch Kinder unter einem Jahr. Da haben wir sogar noch Kapazitäten frei.“ Die Kita-Leiterin kennt die Mutter, denn die 21-Jährige hat bereits eine vierjährige Tochter, die ins Golzower „Schwalbennest“ geht.

Viel mehr wissen die Golzower nicht über die Frau, wie der Bürgermeister erzählt. Sie sei vor Jahren zugezogen, arbeite in einem Supermarkt in der Nähe von Fürstenwalde (Oder-Spree) und lebe mit ihrer Tochter allein in der Dreizimmerwohnung. Dort hängen gebastelte Blumen und kleine Feenfiguren in den Fenstern. Dass die junge Frau schwanger war, will niemand bemerkt haben, selbst die unmittelbaren Nachbarn im Plattenbau nicht. Die Rentnerin Edith Elsholz hat noch gar nichts von der Tragödie in unmittelbarer Nachbarschaft gehört. „Jemanden, der sein eigenes Baby umbringt, sollte man gar nicht mehr aus dem Gefängnis lassen“, sagt sie. Bürgermeister Lehmann zeigt sich verständnisvoller. „Was ist nur in der jungen Frau vorgegangen?“

Erst einen Tag zuvor war ein toter Junge in Glindow (Potsdam-Mittelmark) gefunden worden. Laut Medienberichten soll dieses Baby erstickt worden sein. Die 34-jährige Mutter hat die Tat laut Staatsanwaltschaft gestanden. Der Säugling war in einem Kompostierer gefunden worden.

Grausige Babyleichen-Funde

Es ist ein grausiger Anblick, wenn die Polizei die Leichen von Babys findet. Die Fälle erschüttern die Bevölkerung und fordern die Ermittler – auch in Brandenburg 

Oktober 2013: Auf einem Privatgrundstück in Glindow (Potsdam-Mittelmark) ist am Dienstag ein toter Säugling entdeckt worden.

Februar 2012: In Brandenburg wird ein Neugeborenes vermutlich von seiner Mutter erstickt. Das tote Mädchen wird in einer Plastiktüte auf dem Grundstück in Hohen Neuendorf gefunden.

Dezember 2011: Ein totes Baby wird einen Tag vor Heiligabend in einem Garagenkomplex in Potsdam gefunden.

Februar 2011: Polizisten finden die Überreste eines toten Babys in einem Garten in Jüterbog in Brandenburg.

Juli 2005: In einer Garage im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd werden bei einer Entrümpelung neun Babyleichen entdeckt.

Von Jeanette Bederke

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