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Mutter von 9 toten Babys bald wieder frei?

Vorzeitige Haftentlassung Mutter von 9 toten Babys bald wieder frei?

Der Fall schockierte ganz Deutschland: Vor zehn Jahren wurden auf einem Grundstück in Brieskow-Finkenheerd die sterblichen Überreste von neun Babys gefunden. Die Mutter, Sabine H., soll sich nach den Geburten nicht um die Säuglinge gekümmert haben. Sie wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im September könnte sie vorzeitig entlassen werden.

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Sabine H. mit ihrem Anwalt Matthias Schöneburg.
 

Quelle: Fotos: dpa

Potsdam.  Sabine H. ist vorbereitet. Auf die Freiheit, das Leben nach der Tragödie, die vor zehn Jahren ganz Deutschland erschüttert hat. Sie hat eine Wohnung in Aussicht, Kontakte nach draußen. Ihre vier Kinder haben sie regelmäßig im Gefängnis besucht. Auch die Jüngste, Elisabeth, die bei der Verhaftung ihrer Mutter erst zwei Jahre alt war. Das Mädchen, das bei Sabine H.s Schwester aufwächst, weiß, wer seine leibliche Mutter ist. Von den neun toten Halbgeschwistern weiß es nichts.

 Im September könnte die heute 49 Jahre alte Sabine H., Mutter der neun toten Babys aus Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree), vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Ihr Potsdamer Anwalt Matthias Schöneburg hat einen entsprechenden Antrag gestellt. Kommende Woche soll eine Anhörung stattfinden, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) am Donnerstag auf Anfrage bestätigte. Ob die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, entscheidet dann das Cottbuser Landgericht.

Ein Fall war nach DDR-Recht verjährt

„Es geht ihr gut. Sie hofft natürlich, dass es klappt“, sagt Schöneburg, als er gerade von einem Besuch in der JVA Luckau-Duben kommt. Dort verbüßt Sabine H. ihre Haftstrafe: 15 Jahre wegen achtfachen Totschlags. Das Landgericht Frankfurt (Oder) sah es 2006 als erwiesen an, dass die Zahnarzthelferin zwischen 1988 und 1998 ihre neun Babys durch Unterlassen getötet hat. In einem Revisionsverfahren 2008 wurde das Urteil bestätigt: Sie habe die Kinder allein im Alkoholrausch geboren, sterben lassen und anschließend in Behältnissen begraben, die im Juli 2005 bei Aufräumarbeiten auf dem Grundstück ihrer Eltern gefunden wurden: Eimer, Blumenkübel, ein Aquarium. Der Fall von 1988 war laut DDR-Recht aber bereits verjährt.

Sabine H. hat ein Malereistudium abgeschlossen

Heute kann Sabine H. keine Kinder mehr bekommen. Eine Therapie, um das Geschehene zu verarbeiten, gab es in der JVA nicht. Trotzdem sagt ihr Anwalt: „Sabine H. ist nicht haftgeschädigt.“ Sie habe versucht, geistig fit zu bleiben. Gutachter hatten der zierlichen Zahnarzthelferin 2006 überdurchschnittliche Intelligenz attestiert. Ein Malerei-Fernstudium hat sie hinter Gitter abgeschlossen. Einige ihrer Werke wurden verkauft, beim Weihnachtsbasar des Justizministeriums. In der JVA übernahm sie den Warenverkauf an die Mithäftlinge, kümmerte sich um die Bibliothek. Auch Chinesisch lernte sie eine Zeit lang.

Anfeindungen habe sie im Gefängnis nicht erlebt. Um auch draußen unbehelligt leben zu können, werde sie nicht zurück in die Frankfurter Gegend ziehen. Von Berlin war die Rede, aber dazu will sich Schöneburg aus Schutzgründen nicht äußern. Alkohol habe sie seit ihre Verhaftung nicht mehr angerührt, ein Entzug sei nicht nötig gewesen. „Ein Vorzeigehäftling“, sagt Anwalt Schöneburg über die stille Frau, die im Boulevard zur „Monstermutter“ gemacht wurde.

Eine Ärztin zweifelt an den Tathergängen

Der Fall schlug vor zehn Jahren riesige Wellen. Der damalige Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hatte die Tötung der Babys mit der „erzwungenen Proletarisierung“ Ostdeutschlands durch die SED zu erklären versucht – und einen Proteststurm ausgelöst. Am Ende blieben alle Erklärungsversuche stecken: Neunmal eine Schwangerschaft verheimlichen, allein sturzbetrunken entbinden und die Babys verscharren? Unvorstellbar. So unvorstellbar, dass Annemarie Wiegand nicht daran glaubt. Die pensionierte Berliner Ärztin hat jeden Prozesstag im zweiten Verfahren gegen Sabine H. verfolgt und ein Buch darüber geschrieben. Sie glaubt nicht, dass es tatsächlich neun tote Babys gab. Unter anderem, weil der Geburtenabstand zu gering gewesen sei. Sabine H. hätte alle elf Monate ein Kind bekommen müssen. Zudem seien in den Behältnissen nicht neun vollständige Leichname entdeckt worden. Sabine H. selbst gab an, sich nur an zwei Geburten zu erinnern.„Je mehr ich recherchierte, um so mehr Widersprüche tauchten auf“, erklärt Annemarie Wiegand.

Anwalt Schöneburg zweifelt nicht an der Zahl. Ein Gutachten habe klar ergeben, dass es sich um die Überreste von neun Kindern handelte. Aber: Ob alle lebend zur Welt kamen oder Totgeburten darunter waren, konnten die Gutachter nicht klären. Noch ein anderer Umstand beschäftigt den Juristen genauso wie die Ärztin: „Ich verstehe bis heute nicht, warum der Ehemann nicht auch auf die Anklagebank kam“, sagt Schöneburg. Das Gericht hatte als Motiv die Angst Sabine H.s vor ihrem drei Jahre älteren Ehemann Oliver gesehen, der keine weiteren Kinder wollte. Sie habe befürchtet, ihr Mann könne sich von ihr trennen und die drei gemeinsamen Kinder zugesprochen bekommen, weil er bei der Stasi war und so gute Kontakte hatte. Aber eine Mitwisser- oder gar Mittäterschaft schloss das Gericht aus – obwohl Sabine H. angab, ihr Mann müsse die Schwangerschaften bemerkt haben.

Zu ihm hat Sabine H. keinen Kontakt mehr. Auch nicht zu ihrem späteren Partner, mit dem sie die heute zwölfjährige Elisabeth bekam. Wenn sie das Gefängnis verlassen darf, werde sie den Kontakt zur Tochter weiter intensivieren. Aus ihrer neuen Familie wolle sie das Mädchen aber nicht herausreißen. Vor Gericht hatten Nachbarn und Verwandte stets betont: Ihren lebenden Kindern sei sie eine gute Mutter gewesen.

Säuglingstötungen in Brandenburg

Im August 2014 verurteilt das Landgericht Potsdam eine 35-Jährige aus Glindow (Potsdam-Mittelmark) zu vier Jahren Haft. Die Frau hatte ihr Baby heimlich entbunden und mit Toilettenpapier erstickt.

Im Mai 2014 wird bei Mäharbeiten in Friedrichsthal (Uckermark) die Leiche eines Neugeborenen gefunden.

Im April 2014 verurteilt das Landgericht Frankfurt (Oder) eine 22-Jährige aus Golzow (Märkisch-Oderland) zu drei Jahren und zehn Monaten Haft. Sie brachte auf der Toilette einen Jungen zur Welt und erstach ihn.

Februar 2012: In Hohen Neuendorf (Oberhavel) wird ein totes Mädchen in einer Plastiktüte gefunden. Die 28-jährige Mutter soll es erstickt haben.

Im Dezember 2011 wird in einem Garagenkomplex in Potsdam ein getötetes Baby gefunden. Bis heute fehlt von den Eltern jede Spur.

Februar 2011: Polizisten finden eine Babyleiche in Jüterbog (Teltow-Fläming). Mutter und Ex-Partner sollen es nach der Geburt vergraben haben.

November 2009: Eine Studentin aus Bernau (Barnim) muss für drei Jahre und zwei Monate in Haft. Sie tötete ihre Zwillinge. Ein Kind erstickte sie nach der Geburt, das andere tötete sie noch im Mutterleib durch Schläge.

Februar 2008: In Nauen (Havelland) wird eine Säuglingsleiche gefunden. Die 22 Jahre alte Mutter hatte das Kind heimlich geboren und sterben lassen.

Februar 2008: Eine Mutter in Lübben (Dahme-Spreewald) ertränkt ihr Neugeborenes in der Badewanne.

März 2006: In Premnitz (Havelland) erdrosselt eine 16-Jährige ihr Baby mit der Nabelschnur.

Von Marion Kaufmann

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