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Muttersöhnchen mit tyrannischem Vater

Mordprozess in Potsdam gegen Silvio S. Muttersöhnchen mit tyrannischem Vater

Das Verhältnis zu seinem Vater sei sehr schlecht gewesen, schildern Zeugen im Prozess gegen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. Der 33-Jährige sei bei Kindern beliebt gewesen, habe gerne mit ihnen gespielt. Umso makaberer der Spitzname, den der Angeklagte in seinem Heimatdorf Kaltenborn (Teltow-Fläming) hatte.

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 Silvio S. wurde 2015 in seinem Wohnhaus festgenommen.
 

Quelle: Foto: Julian Stähle

Potsdam.  Sie nannten ihn Schmökel. In Kaltenborn (Teltow-Fläming) war Silvio S. „der Berti“ oder „Schmökel“. Woher ausgerechnet dieser makabere Spitzname kam – keiner weiß es. Vielleicht liegt es an der Brille mit dem dünnen Gestell, wie man sie von den Bildern des Frank Schmökel kennt, die vor 16 Jahren bundesweit durch die Medien gingen. Der echte Schmökel wurde wegen Mordes und mehrfacher Vergewaltigung verurteilt. Er verging sich an jungen Mädchen, acht, elf und 13 Jahre alt. Ein gestörtes Verhältnis zur strengen Mutter wurde ihm nachgesagt.

Weitere Berichterstattung vom 3. Prozesstag:

Silvio S. gesteht in Brief an seine Familie

Liveticker vom 3. Tag im Elias-Prozess

Silvio S., der die beiden Jungen Elias (6) und Mohamed (4) missbraucht und getötet haben soll, hatte ein gutes Verhältnis zur Mutter. „Sie war sein Liebstes“, sagt Manuela G. (39), eine frühere Bekannte und ehemalige Dorfbewohnerin. Als „Muttikind“ beschreibt ihn ein anderer Zeuge. Aber – und das kommt am dritten Prozesstag vor dem Landgericht Potsdam immer wieder zur Sprache – mit dem Vater kam er nicht klar. „Ein Tyrann“ sei Silvios Vater gewesen, sagt der Ex-Schwager. „Keine Liebe, keine netten Worte, da kam nichts rüber.“ Selbst im Erwachsenenalter sei der Sohn ständig „vom Alten“ getriezt und angebrüllt worden, erzählen Zeugen, darunter zwei Ex-Partner und der aktuelle Lebensgefährte der Schwester von Silvios S.

Der Vater wird als Tyrann beschrieben

 Diese Schwester, meint Erntehelferin Hannelore B. aus Kaltenborn, sei von den Eltern bevorzugt worden, auch finanziell. Der Sohn, der in einer Wohnung im Elternhaus lebte, habe Kostgeld abgegeben und sich trotzdem selbst versorgen müssen. Oft sei er zu ihr gekommen, wenn zu Hause wieder dicke Luft war. So Anfang 20 sei er da gewesen. „Manchmal hat er sogar geheult“, sagt die 59-Jährige, „da saß ihm schon was auf der Seele fest.“ Aber wirklich darüber geredet, was ihn belaste, habe er nicht – nur „ein Gelbet“, ein Bier, habe er getrunken und die Gesellschaft genossen. „Der Vater war nicht gut zu ihm“, sagt die Saisonkraft, die seit 1981 in Kaltenborn lebt und sich mit Familie S. anfreundete, die ein Jahr später ins Dorf zog. „Der kommt nur nach Hause, frisst und pennt“, soll der Vater gesagt haben. Auch an seinem Äußeren – Dreitagbart und Schlabberlook – habe der Vater oft etwas auszusetzen gehabt. „So kriegt du nie eine Freundin“, habe er den Sohn aufgezogen.

 Silvio hätte besser ausziehen, sich eine eigene Wohnung nehmen sollen, meint die Dorfbewohnerin. Silvio S. kämpft bei diesen Worten mit den Tränen und nickt. Das fehlende Geld habe ihn wohl abgehalten, meint Hannelore B. Auf die Frage, warum er sich denn nicht eine Freundin suche, habe er ihr geantwortet: „Was soll ich denn damit noch? Mein Geld kriege ich auch alleine alle.“

Er wurde auch als Babysitter eingesetzt

Ein Boulevardblatt hatte nach der Festnahme von Silvio S. ein Foto des Vaters gezeigt. Dieter S. ist ein Mann Anfang 70 mit langem, grauem Bart und einer Brille, ähnlich wie sie der Sohn trägt. Die Mutter Astrid ist 20 Jahre jünger. Sie soll bei der Polizei angerufen und ihren Jungen gemeldet haben, als sie ihn auf dem Fahndungsfoto erkannte. Es war aber offenbar nicht der erste Hinweis: Ein Ex-Freund der Schwester erzählt, dass er schon am Tag zuvor die Berliner Polizei angerufen habe. Mehrmals. Von einem ist der 36-Jährige, der mit der Schwester eine neunjährige Tochter hat, überzeugt: Silvio S. konnte gut mit Kindern. Er habe mit ihnen gespielt, auf sie aufgepasst. „Ich kann Silvio da nichts Schlechtes nachsagen“, sagt auch der geschiedene Mann der Schwester, der eine Tochter mit in die Kurzzeitehe brachte. Unter Silvios Sofa habe er einmal Pornoheftchen entdeckt: „Nichts Pädophiles, ganz normal.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sowas gemacht hat“, sagt auch die frühere Bekannte Manuela G. über die Taten, die Silvio S. zur Last gelegt werden. Er habe sich viel um ihre beiden Töchtern gekümmert. „Kinder hatten Vertrauen zu ihm. “ Einmal habe sie gesehen, wie Silvio mit einem Nachbarsmädchen, keine 10, händchenhaltend auf der Hollywoodschaukel saß. Die Kleine habe für Silvio geschwärmt und sogar behauptet, ihn geküsst zu haben. Komisch sei ihr das nicht vorgekommen. Auch Sebastian B., der Ex der Schwester, der die Polizei anrief, sagt: „Kinder lieben ihn eigentlich. Sie hatten keine Angst vor ihm.“

Ein Dorf als Tatort

84  Einwohner hat das Dorf Kaltenborn in der Gemeinde Niedergörsdorf (Teltow-Fläming).

Silvio S. lebte dort in einer Wohnung im Haus seiner Eltern. Dorthin soll er auch den Flüchtlingsjungen Mohamed (4) verschleppt haben, um ihn in seiner Wohnung zu missbrauchen.

Als der Junge weinte und nach seiner Mutter schrie, soll Silvio S. ihn erdrosselt haben – aus Angst, sein Vater könne etwas bemerken.

Von Marion Kaufmann

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