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Brandenburg Mythen und Fakten zum Alkoholkonsum
Brandenburg Mythen und Fakten zum Alkoholkonsum
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12:39 22.02.2017
Quelle: dpa
Potsdam

Im Karneval herrscht Narrenfreiheit - oft auch beim Alkohol. Der Psychiater und Suchtexperte Darius Chahmoradi Tabatabai will keine Spaßbremse sein. „Es wäre verkehrt, den kontrollierten Rausch, den wir uns zu Karneval genehmigen, generell zu moralisieren“, sagt der Chefarzt am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. Doch andererseits dürften Risiken nicht verharmlost werden. Und längst nicht jede Volksweisheit ist wahr.

Frage: Bier auf Wein, das lass’ sein - ist da was dran?

Antwort: Was man zuerst trinkt, spielt überhaupt keine Rolle. Es geht immer um die Menge. Wein reizt den Magen mehr durch die höhere Alkoholkonzentration. Von Schnaps ganz zu schweigen. Und die Kombination aus allem kann Übelkeit beschleunigen.

Frage: Wie viele Gläser Wein, Bier oder Schnaps muss ein Erwachsener trinken, um sich auszuhebeln?

Antwort: Die Verträglichkeit ist sehr individuell. Das liegt an den Genen. Die Leber und Enzymsysteme spielen dabei eine große Rolle. Es gibt Menschen, die nach zwei Gläsern Wein richtig einen im Tee haben. Andere merken da subjektiv noch gar nichts. Viele sind aber überrascht, wie niedrig risikoarme Mengen angesetzt sind. Bei Frauen ist das ein Glas Weißwein, bei Männern sind es zwei - bei mindestens zwei alkoholfreien Tagen in der Woche.

Frage: Im Rheinland heißen Babys, die exakt neun Monate nach dem närrischen Ausnahmezustand geboren werden, scherzhaft Karnevalskinder. Sind sie gefährdeter, wenn sie von einem stark betrunkenen Paar gezeugt wurden?

Antwort: Ja, da ist die Studienlage recht klar. Das Risiko für Fehlgeburten und Schädigungen dieser Kinder ist erhöht. Auch während der Schwangerschaft erhöhen bereits geringe Mengen von Alkohol Fehlbildungsrisiken. Deshalb sollten auch Schwangere im Karneval keine Ausnahme machen.

Frage: Der totale Absturz - wie viele Gehirnzellen kostet das?

Antwort: Es gibt keine Formel, auch das ist sehr individuell. Alkohol ist letztlich ein Nervengift, das einzelne Zellen negativ beeinflussen kann. Bis hin zur Zerstörung. Es ist ebenfalls genetisch bedingt, wie viele nervenschützende Faktoren ein Mensch hat. Es spielt auch eine Rolle, ob Erkrankungen angelegt sind. Wer zum Beispiel familiär belastet ist, später eine Demenz zu entwickeln, für den können wiederholte Alkoholexzesse mehr ins Gewicht fallen als für andere. Ein Vollrausch ist trotzdem immer eine arge Belastung für das Gehirn.

Frage: Was passiert dann genau da im Oberstübchen?

Antwort: Im Grunde ist das wie eine Narkose. Auch häufige Operationen sind ja nicht günstig, weil jede Narkose Stress für das Gehirn darstellt. Der Rausch an Karneval hat eine gesellschaftliche Akzeptanz. Wenn Menschen es schaffen, danach wieder zum Tagesalltag zurückzufinden, ist ein einzelner Rausch in der Summe des Lebens sicher nicht gefährlich. Doch da hängt ja noch mehr dran.

Frage: Was?

Antwort: Viele Menschen machen sich die Risiken des Kontrollverlusts nicht klar. Da geht es nicht nur um gestohlene Brieftaschen. Es geht um Verkehrsunfälle. Und auch der Anteil schwerer Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss ist erschreckend hoch. Da geht es nicht allein um Schlägereien, auch Vergewaltigungen kommen vor. Es gibt auch Alkoholvergiftungen, die tödlich enden. Nicht nur bei Teenagern, die bei diesem Thema unsere besondere Aufmerksamkeit brauchen. Auch Erwachsene verschätzen sich. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht mehr reinweg Alkohol konsumiert. Die Schwelle zu illegalen Drogen ist dabei zu sinken. Die Mischung mit Alkohol potenziert die Wirkung und kann zum Beispiel zur Atemlähmung führen.

Frage: Ist der Kater am Morgen danach bereits ein Anzeichen einer kleinen Alkoholvergiftung?

Antwort: Im Grunde ja. Das ist eine Warnung des Körpers: Mach das bitte nicht mehr, das vertrag ich nicht. Dieses Katergefühl wird durch Abbauprodukte des Alkohols hervorgerufen. Man fühlt sich krank - Übelkeit, Mattigkeit, Kopfschmerzen. Die Enzyme, die Zwischenprodukte abbauen, sind wiederum sehr individuell ausgeprägt. Es gibt Menschen, die kriegen einfach keinen Kater. Statistisch gesehen haben sie ein höheres Risiko, Probleme mit Alkohol zu bekommen, weil ihnen eine natürliche Bremse fehlt.

Nicht alle Tipps gegen den Kater sind ratsam

Der Schädel brummt, man fühlt sich matt, und der Gaumen brennt vor Trockenheit: Wer abends viel Alkohol trinkt, muss morgens mit einem Kater rechnen - so wie viele Jecken zum anstehenden Karneval. Gut, dass fast jeder ein paar Tipps gegen Kater kennt. Doch nicht jeder Ratschlag hilft, wie Tom Nebe und Ulrike von Leszczynski erfahren haben.

Kann helfen. Es sei möglich, dass durch den Ölfilm etwas weniger Alkohol ins Blut gelangt, erklärt Internist Ivo Grebe, Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Internisten. Der Mediziner sagt das bewusst zurückhaltend. „Es fehlt der wissenschaftliche Beweis.“ Sein Resümee: Schaden könne es nicht. Es sei sogar eher gut.

Hilft. Mineralwasser versorgt den Körper mit Flüssigkeit. Und es hilft dabei, das Magen-Darm-System gewissermaßen zu spülen. Denn von dort gelangt der Alkohol in die Blutbahn. Zwar wird der Alkohol im Blut so auch nicht schneller abgebaut, aber immerhin kommt weniger neuer Alkohol ins Blut. Auch nach dem Aufwachen sollte man weiter genügend Wasser trinken. Saft ist nicht zu empfehlen. Grebe: „Der könnte die Magenschleimhaut weiter reizen.“

Hilft bedingt, sagt der Psychiater und Suchtexperte Darius Chahmoradi Tabatabai vom Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. Bei Nüchternheit habe der Magen ja nichts anderes zu tun als Flüssigkeiten schnell zu resorbieren, beim Essen verzögere und „verteile“ es sich besser. „Wenn ich aber Unmengen Alkohol in mich hineinschütte, hilft Essen auch nicht mehr.“

Scheint zu helfen. Hilft aber nicht wirklich. „Es gibt einen kurzfristigen Kick“, sagt Grebe. Das Katergefühl verschwindet für kurze Zeit. Doch es kommt wieder. „Sonst müsste man ja immer weiter trinken“, sagt der Mediziner, der Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI) ist. Darius Chahmoradi Tabatabai ist noch pessimistischer: „Bier hilft gar nichts“, sagt er.

Hilft in der Regel. Entscheidend sei, dass der Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthalten ist. Dieser bekämpft laut Grebe die Symptome des Katers wie Kopfschmerzen und das Gefühl körperlicher Abgeschlagenheit. „Wenn man sie aus ärztlicher Sicht einnehmen darf, spricht nichts dagegen“, sagt er. Er rät dazu, zu Brausetabletten zu greifen, die man in Wasser auflöst. Die seien besser verträglich und wirken auch schneller. Zu Paracetamol sollten Verkaterte dagegen besser nicht greifen. Es wird nämlich in der Leber über das gleiche Enzym abgebaut wie Alkohol, so dass man das Organ doppelt belasten würde. Darauf weist die Stiftung Kopfschmerz aus Marburg hin.

Wahrscheinlich der Kater-Tipp schlechthin. Grebe hält davon aber wenig. Allerdings rät er, nach dem Aufstehen etwas zu essen - auch wenn man eher wenig Appetit hat. „So bekommt der Magen etwas zu tun.“ Wer dann Rollmops essen mag, könne das gerne tun, sagt Grebe. „Das dürften allerdings die wenigsten sein“, schätzt er. Darius Chahmoradi Tabatabai würde auf Salziges setzen: „Alkohol bewirkt im Körper eine erhöhte Wasserausscheidung. Dabei gehen auch Blutsalze verloren.“ Salzige Lebensmittel helfen, den Haushalt schneller wieder aufzufüllen. Ihm zufolge reicht dafür aber eigentlich die normale Ernährung. „Salzstangen kommen ins Spiel, wenn der Magen noch gereizt ist.“ Auch ein Durstgefühl sei ganz natürlich, weil der Körper Wasser verloren hat.

Von Ulrike von Leszczynski

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