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Brandenburg Nach 41 Jahren – Rätselraten um Gasvergiftung
Brandenburg Nach 41 Jahren – Rätselraten um Gasvergiftung
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19:56 28.04.2016
Erna F. mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek. Quelle: dpa
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Neuruppin

Es war eine Schlüsselszene für den Prozess, bei dem die Beweislage dünn und die Spurensuche schwierig ist. Als ein Sachverständiger für Gasanlagen seufzend darauf verwies, er sei bei den 41 Jahre zurückliegenden Untersuchungen zu diesem DDR-Fall nicht dabei gewesen und könne deshalb nur wenig zur Aufklärung beitragen, sagte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann – auch ein wenig seufzend – dass es den meisten Zeugen in diesem Verfahren wohl ebenso gehe.

Am zweiten Verhandlungstag gegen die 74-jährige Erna F. vor dem Landgericht Neuruppin lagen am Donnerstag alle Hoffnungen der Staatsanwaltschaft zunächst auf dem Notarzt, der am 5. November 1974 früh in die Parterrewohnung eines Plattenbaus in Schwedt gerufen worden war. Dort hatte er den achtjährigen Sohn der Angeklagten leblos im Bett vorgefunden. Erna F. wird vorgeworfen, den schlafenden Mario in der Nacht in die Küche gebracht, ihn dort mit Gas aus dem Herd vergiftet und zum Sterbenzurück ins Bett gelegt zu haben. Sie sei mit der Erziehung des verhaltensauffälligen Jungen überfordert gewesen, zudem habe er ihre weitere Lebensplanung gestört. Staatsanwältin Anette Bargenda geht deshalb von Mord aus. Erna F., die in Göttingen lebt, bestreitet die Tat. Im Prozess schweigt sie.

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Das Verfahren gegen Erna F. geht auf eine anonyme Anzeige zurück. Der Tippgeber wurde nie ermittelt.

Nach DDR-Recht wäre die Tat verjährt. Seit der Wiedervereinigung gilt: Auch DDR-Morde verjähren nicht.

Erna F. müsste im Falle ihrer Verurteilung aber nach dem milderen DDR-Recht bestraft werden: für Mord zwischen zehn Jahren und lebenslänglich.

Der Junge habe die typischen Merkmale einer Kohlenmonoxid-Vergiftung aufgewiesen, so der jetzt 71-jährige Notarzt, der bis 2010 als Mediziner am Schwedter Krankenhaus tätig war. Das Kind habe sich erbrochen, seine Haut sei rosa verfärbt gewesen. Seltsam sei jedoch gewesen, dass es nicht einmal einen schwachen Gasgeruch in der Wohnung gegeben habe. Stadtgas sei zu DDR-Zeit mit äußerst übel riechenden Zusatzstoffen vermischt gewesen, um im Havariefall rechtzeitig reagieren zu können. Deshalb sei er von vornherein nicht von einer natürlichen Todesursache ausgegangen, sagte der Arzt. Die kurz darauf erfolgte Obduktion in der Berliner Charité hatte bei Mario eine Kohlenmonoxid-Konzentration im Blut von 73 Prozent festgestellt – eine absolut tödliche Dosis.

Trotz dieser Verdachtsmomente war nie gegen Erna F. ermittelt worden. „Das hat mich gewundert“, sagte der damalige Notarzt im Rückblick. Wenig später habe er erfahren, dass der zuständige Schwedter Staatsanwalt entschieden haben soll, dass es keinen Sinn mache, den Kindern – es gab noch zwei Mädchen (12 und 4 Jahre) – die Mutter wegzunehmen. Der Staatsanwalt kann nicht mehr befragt werden, er ist verstorben.

Ein früherer Prüfingenieur (76) vom Energieversorgungsbetrieb, der Herd und Wohnung einige Tage später untersucht hatte, hält es theoretisch für denkbar, dass über Stunden ausströmendes Gas – begünstigt durch eine offene Tür – das Zimmer mit dem schlafenden Junge erreicht haben könnte. Was für den Fachmann aber nicht ins Bild passt, ist der hohe Kohlenmonoxid-Wert im Blut. „73 Prozent sind nur zu erreichen, wenn der Betroffene direkt an der Gasquelle ist oder mit dem Kopf in der Backröhre steckt. Dann genügen wenige Atemzüge bis zum Tod.“ Bereits 60 Prozent hätten eine tödliche Wirkung. Und: Schon 3,5 bis 4 Prozent Stadtgas in der Raumluft bedeuteten ein explosives Gemisch. „Dann reichen ein Funke oder das Anspringen des Kühlschranks.“ Aber es gab keine Explosion in der Nacht, als Mario ums Leben kam.

Der Prozess wird am 10. Mai fortgesetzt.

Von Volkmar Krause

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