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Nach dem Feuer: „Wir standen vor dem Nichts“

Altstadtbrand in Brandenburg/Havel Nach dem Feuer: „Wir standen vor dem Nichts“

An einem Samstag, den 14. zerstört ein verheerender Brand in der altstädtischen Fischerstraße in Brandenburg/Havel vier Wohnhäuser und damit auch das Zuhause der Stresows. Anderthalb Jahre später baut die Familie ihr Haus wieder auf und verarbeitet damit die Erinnerung an die Unglücksnacht.

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Das Feuer in der Altstadt zerstörte in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 2016 vier Häuser.

Potsdam. Es ist 3.11 Uhr, als es an der Tür Sturm klingelt und Simone Stresow auf ihren Wecker schaut. Ihr Mann ruft: „Es brennt! Es brennt!“ Simone Stresow rennt barfuß nach draußen, sie trägt nur ihre Pyjamahose und ein T-Shirt. Auf der anderen Straßenseite muss sie in den nächsten Stunden mitansehen, wie ihr eigenes Haus niederbrennt.

Anderthalb Jahre später, an einem verregneten Herbsttag, sitzt Simone Stresow, 52, in ihrem Büro. Es fällt ihr noch immer schwer, über das Erlebte zu sprechen. Das Feuer hat sich bis heute tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie riecht den beißenden Ruß, spürt die Hitze dieser Nacht vom Mai 2016 und die Angst in ihr hochkriechen. „Noch immer kann ich kein Lagerfeuer ertragen und jeder Freitag ist komisch.“

„Es ist meine Therapie, das Haus wiederaufzubauen“, sagt die Brandenburgerin Simone Stresow

„Es ist meine Therapie, das Haus wiederaufzubauen“, sagt die Brandenburgerin Simone Stresow

Quelle: Julian Stähle

Als technische Leiterin arbeitet Simone Stresow bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobra in Brandenburg/Havel. Dort, in ihrem Büro, saß sie auch an jenem Freitag, den 13. Mai, wenige Stunden, bevor der verheerende Brand in der altstädtischen Fischerstraße vier Wohnhäuser und das Zuhause der Familie Stresow zerstörte.

„Wir haben nicht realisiert, was das für ein Ausmaß nimmt.“

Gegen 13.30 Uhr macht sie Feierabend, geht nach Hause, um den Rasen zu mähen. Zwei Häuser weiter, in der Fischerstraße 11, sieht und hört sie Bauarbeiter unter dem Dach arbeiten. Das Haus wird gerade saniert. Die Baufirma verabschiedet sich, Simone Stresow „schnackt“ noch mit den Nachbarn. Abends sitzt sie noch lange im Hof und schaut auf die Havel, bevor sie spät schlafen geht.

Durch die Rufe ihres Mannes wird sie wach, geht auf die Straße und sieht, dass das Feuer zunächst im Dachstuhl des leerstehenden Hauses mit der Nummer 11 lodern. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, dass das Feuer innerhalb einer Dreiviertelstunde auch auf ihr Haus übergehen wird. „Wir haben nicht realisiert, was das für ein Ausmaß nehmen würde.“ Sie geht noch zweimal ins Haus zurück, holt ihr Handy, Portemonnaie und ein Paar Flip Flops, auch den Autoschlüssel, um ihren Wagen umzuparken. „Damit die Löschfahrzeuge durchkommen“, erklärt sie. Auch ihr Mann kehrt noch einmal ins Haus zurück, um nach „Fräulein Kowalski“, der Katze, zu schauen, findet das Haustier aber nicht.

„Wir sehen in dem Feuer eine Chance für den Neuanfang“

Seine Frau schaut auf ihr Handy: Es ist 3.36 Uhr, als der erste Löschwagen mit zwei Feuerwehrleuten eintrifft. „Die Minuten bis die Löschfahrzeuge da waren, sind uns wie eine Ewigkeit vorgekommen“, erzählt sie. Der zweite Wagen der Berufsfeuerwehr mit zwei Feuerwehrleuten, schafft es zunächst nicht, in die enge Straße einzufahren. Ohnmächtig fühlt sich die Brandenburgerin in diesem Moment. „Es wird etwas, was wir nicht in den Griff bekommen“, spürt sie. Denn der Dachstuhl der vier denkmalgeschützten Reihenhäuser ist miteinander verbunden. „Das war wie im Mittelalter, wenn die Altstadt brennt“, erzählt die Brandenburgerin. „Wann kommt das Wasser?“, ruft ihr Mann immer wieder verzweifelt.

Bis in die Morgenstunden löschten Feuerwehrleute im Mai 2016 den Großbrand in der Altstadt von Brandenburg Havel

Bis in die Morgenstunden löschten Feuerwehrleute im Mai 2016 den Großbrand in der Altstadt von Brandenburg Havel.

Quelle: Julian stähle

Um 3:49 Uhr hat das Feuer das Haus der Stresows erreicht. Simone Stresow kann nicht fassen, dass sie selbst diejenige ist, die das erlebt. Inzwischen sind alle Freiwilligen Feuerwehren aus der Umgebung da. „Erst als sie die Freiwillige Feuerwehr vor Ort war, hatte ich das Gefühl, jetzt weiß jemand, was er tut.“

Einiges ist damals aus ihrer Sicht schiefgelaufen. Es gibt Fragen, die sie bis heute quälen: Hat die Leitstelle den Altstadtbrand zunächst falsch eingeschätzt und zu wenige Rettungsfahrzeuge geschickt? Warum mussten die Bauarbeiter auf dem Dachboden des Nachbarhauses rauchen, was laut polizeilichem Ermittlungsbericht die Ursache für den Brand war. „Das alles hilft uns nicht weiter. Wir wollen nicht zurückschauen und sehen in dem Feuer eine Chance für einen Neuanfang.“

„Es ist meine Therapie, das Haus wiederaufzubauen“

Und dieser beginnt in der Fischerstraße 13. Simone Stresow schließt jetzt die Tür ihres neuen alten Zuhauses auf, drinnen wummert ein Popsong aus dem Radio, ein Bauarbeiter läuft vorbei. Nach der Sanierung, soll es anders werden als früher, erzählt Stresow. Ihr Mann habe sich schon immer ein Loft gewünscht und einen Balkon mit Blick auf die Havel. „Es ist meine Therapie, das Haus wiederaufzubauen.“

Die Brandspuren sollen in der Fassade des sanierten Hauses sichtbar bleiben

Die Brandspuren sollen in der Fassade des sanierten Hauses sichtbar bleiben.

Quelle: Julian Stähle

Vor dem Feuer lebten in dem denkmalgeschützten Haus drei Generationen unter einem Dach: Die Eltern von Simone Stresow, sie und ihr Mann und bis ein Jahr vor dem Brand auch der erwachsene Sohn mit seiner Freundin. In der Fischerstraße 13 stand die Tür für die Freunde aus dem Wasserballverein des Sohnes immer offen.

„Viele haben gesagt, so stellen sie sich Krieg vor.“

An dieser Stelle beginnt der gute Teil dieser Geschichte. Denn ihre eigene Warmherzigkeit erfährt die Familie in den nächsten Monaten zurück durch die große Hilfsbereitschaft der Brandenburger. Bereits am Tag nach dem Brand kommen Freunde und Bekannte in den frühen Morgenstunden, holen den Schutt und den Müll aus dem Haus und transportieren ihn ab. Auch die Freunde sind schockiert über das Ausmaß. Sachen, die vom Feuer verschont wurden, sind durch das Löschwasser aufgeweicht. „Viele haben gesagt, so stellen sie sich Krieg vor.“ Einem Helfer bleiben die am Schlafzimmerboden festgeschmorten Hausschuhe von Simone Stresow in Erinnerung.

„Es hat ein halbes Jahr gedauert bis die Tonnen an Schutt entsorgt waren“, erzählt Simone Stresow. Nach dem Brand kommt das Ehepaar in der Wohnung ihres Sohnes unter, später überlässt ihnen eine Brandenburgerin, eine möblierte Wohnung. Hier treffen die Stresows den Entschluss, ihr Haus wieder aufzubauen.

„Weihnachten steht unser Baum wieder in der Fischerstraße 13“

Das ist nicht immer leicht, denn ein Hausbau kostet Kraft. Was für die Stresows erschwerend hinzu kam, war der „Katastrophentourismus“, den die Familie bei den Aufräumarbeiten erlebte. Nach dem Feuer gab es immer wieder Leute, die am Haus der Familie vorbeispazierten, um das Unglück zu begaffen. „Es gab sogar welche, die Fotos machen wollten. Zu einem der Schaulustigen hat mein Mann gesagt: „Kommen Sie ruhig herein, dann wissen Sie ist, wie es ist, wenn man nächsten Morgen aufsteht und vor dem Nichts steht.“

Weihnachten soll der Tannenbaum wieder in der Fischerstraße 13 stehen, wünscht sich Hausbesitzerin Simone Stresow

Weihnachten soll der Tannenbaum wieder in der Fischerstraße 13 stehen, wünscht sich Hausbesitzerin Simone Stresow.

Quelle: Julian Stähle

Heute hat die Familie ihren Frieden gemacht mit all dem. Vielleicht, weil es in all dem Unglück auch Glücksmomente gab: Simone Stresow geht jetzt wie zum Beweis ein paar Schritte durch den Flur ihres Zuhauses. Sie öffnet die Tür zum Haushaltsraum, dem einzigen Zimmer im Haus, das durch das Feuer nicht zerstört wurde, und zeigt auf eine Ecke. „Hier unter der Spüle hatte sich Fräulein Kowalski während des Feuers verkrochen.“ Die Katze hat das Feuer wie durch ein Wunder überlebt – und das an einem Freitag, den 13. im Mai 2016. Bald wird Fräulein Kowalski umziehen. „Weihnachten“, sagt Simone Stresow, „steht unser Baum wieder in der Fischerstraße 13.“

Von Diana Bade

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