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Brandenburg Von Honecker abgewatscht, später abgetaucht
Brandenburg Von Honecker abgewatscht, später abgetaucht
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11:55 15.12.2015
Mai-Kundgebung: SED-Chef Günther Jahn – im Volksmund „Jubel-Jahn“ – (vorn Mitte). Quelle: Fotos: Michael Hübner
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Potsdam

„Ein Interview? Ich bin an Publikationen überhaupt nicht interessiert.“ Günther Jahn wehrte die Frage eines Journalisten am Telefon entschieden ab. Das war im Herbst 1991, kurz zuvor war der Potsdamer SED-Bezirkschef aus der Nachfolgepartei PDS ausgetreten. Ein Interview gab er auch später nicht, etwa über seine Rolle in der Wendezeit, über mögliche Fehler oder zerstörte Hoffnungen. Von 1976 bis zu seinem Rücktritt im November 1989 stand Jahn als 1. Sekretär an der Spitze der SED im damaligen Bezirk Potsdam. Am 29. Oktober ist er 85-jährig in Fichtenwalde (Potsdam-Mittelmark) gestorben, wie erst jetzt bekannt wurde. Die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt.

Vor 8 Jahren zum letzten Mal öffentlich aufgetreten

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Jahn im September 2007 zum 60. Geburtstag seines Nachfolgers Heinz Vietze. Der langjährige Landtagsabgeordnete und Strippenzieher der Linken hatte nur zwei Monate bis Anfang 1990 als Bezirkschef fungiert, dann implodierten die SED-Strukturen auch in Potsdam vollends. Vietze will sich zu den letzen Jahren der DDR und zu Jahns Rolle nicht äußern. „Da ist alles gesagt. Ich respektiere, dass die Familie um Zurückhaltung bittet.“ Auch Vietze war nicht bei der Beisetzung.

Karrierestart in der FDJ

Günther Jahn wurde am 9. Januar 1930 in Erfurt geboren. Er studierte in Jena und Berlin Ökonomie und promovierte 1961 zur „sozialistischen Rekonstruktion in der DDR-Industrie“.

Der Aufstieg zum Funktionär begann 1967, als Jahn zum Chef der DDR-Jugendorganisation FDJ bestimmt wurde. Als Potsdamer SED-Bezirkschef löste er 1976 Werner Wittig ab.

Verheiratet war Jahn mit der Ärztin Esther Jahn, die im Oktober 2011 verstarb. Das Paar hinterlässt zwei erwachsene Kinder.

Bevor Jahn nach Potsdam kam, hatte er bereits eine steile politische Karriere hinter sich. Der Wirtschaftswissenschaftler war an der Entwicklung des „Neuen Ökonomischen Systems“ beteiligt, mit dem der damalige SED-Chef Walter Ulbricht die lahmende DDR-Wirtschaft reformieren wollte.

Jahn setzte Parteibeschlüsse ohne Wenn und Aber um

In der Runde der vom Politbüro nach strengen Maßstäben ausgesuchten 15 Bezirkssekretäre gehörte Jahn, der auch im SED-Zentralkomitee saß, nicht zu den herausragenden Figuren, wie etwa der Dresdner SED-Chef Hans Modrow, heute Ehrenvorsitzender der Linken. „Jahn war eher im Mittelfeld“, sagt der Historiker Christian Booß von der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde, der das Agieren der Potsdamer SED-Spitze zur Wendezeit untersucht hat.

Gleichwohl habe auch Jahn die Parteibeschlüsse ohne Wenn und Aber umgesetzt. So habe er es im Herbst 1889, als die Menschen auf die Straße gingen, abgelehnt, den Dialog zu führen, so Booß. Jahn habe klar gesagt, dass die „Demonstrationen wieder aus der politischen Landschaft verschwinden müssten“. Aber zur Geschichte gehöre eben auch, dass es SED-Spitzenfunktionäre waren, die für die Entmachtung von SED-Chef Erich Honecker sorgten, so Booß. „Ob das Reformstrategie war oder Rettungsstrategie für die eigene Macht, sei dahin gestellt. Die haben aber was gemacht.“

Im Oktober 89 warf Jahn Honecker Führungsschwäche vor

Jahn gehörte schon wegen seines Amtes als Bezirkschef nicht zu den Palastputschisten um die Politbüromitglieder Günter Schabowski und Egon Krenz. Sitzungsprotokolle, die Brandenburgs Linke verwahren, zeigen dennoch einen Jahn, der schließlich ebenfalls auf den Kurswechsel drängte. Gemeinsam mit Krenz und Modrow warf er Honecker auf einer ZK-Sitzung am 12. Oktober 1989 Führungsschwäche vor und forderte ihn zum Rücktritt auf. Honecker belehrte Jahn, dass er sich nicht um die politische Gesamtlage, sondern um die Gemüseversorgung in Stahnsdorf sorgen solle. Sechs Tage später trat Honecker zurück.

Rolf Kutzmutz (68), letzter Potsdamer SED-Kreischef und zuletzt Politiker der Linken, hat an Jahn geschätzt, dass der seine Rolle in der Wendezeit nicht zur eigenen Heldendarstellung nutzte, wie es andere aus der SED getan hätten. „Er hat die Rolle des geschichtlichen Verlierers angenommen, seine Überzeugung aber behalten.“

Von Volkmar Krause

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