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Brandenburg Ein konservativer Streiter
Brandenburg Ein konservativer Streiter
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18:55 08.02.2019
Jörg Schönbohm (CDU) war von 1999 bis 2009 Innenminister in Brandenburg. Er starb mit 81 Jahren. Quelle: dpa
Potsdam

Jörg Schönbohm war ein Typ, der sich nie unterkriegen ließ. Verzagen kam für den Generalleutnant mit den markanten Augenbrauen einfach nicht in Betracht. Von seiner Krankheit gezeichnet, nahm er im November vergangenen Jahres am Parteitag seiner Brandenburger CDU auf dem Spargelhof in Klaistow teil. Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt sein. Der Ehrenvorsitzende genoss in der ersten Saalreihe noch einmal die warmherzige Begrüßung von allen Seiten. Das Sprechen fiel ihm seit dem Schlaganfall vor sieben Jahren schwer. Tapfer und gebannt verfolgte Schönbohm den Auftritt der damaligen Kandidatin für den Vorsitz, Annegret Kramp-Karrenbauer, die ihn zuvor mit einer Umarmung begrüßt hatte.

Neben Schönbohm saß die meiste Zeit sein früherer Parteisprecher und heutige Potsdamer Unternehmer, Stephan Goericke. „Schönbohm nahm großen Anteil, kommentierte das Geschehen und hatte zwischendurch glänzende Augen.“ Er habe zwar angeschlagen gewirkt, sei aber im Kopf voll da gewesen, erinnert sich Goericke. Und ungewöhnlich lange sei Schönbohm an diesem Abend vor Ort geblieben.

Die Nachricht vom Tod Jörg Schönbohms, der in der Nacht zum Freitag im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb, sorgte vor allem in seiner Partei für Bestürzung. Damit hatten viele zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet.

Ingo Senftleben, der heute die CDU führt, hatte ihn im November in dessen Haus in Kleinmachnow zu einem längeren Gespräch „über Gott und die Welt“ getroffen. „Er hat sich viele Gedanken gemacht und ich habe gemerkt, wie sehr er sich auf den Wahlkampf freute und so gern mitgemacht hätte“, erzählt Senftleben, der zu einem Kreis Jüngerer in der CDU gehört, die durch Schönbohm gefördert wurden.

Das Leben als Geschichtsbuch

Seit geraumer Zeit war es still geworden um Schönbohm, der nur noch selten öffentlich zu sehen war. Gesundheitlich erlebte er seit 2012 ein Auf und Ab. Erst der Schlaganfall, dann ein Gehirntumor – Schönbohm war auf Hilfe angewiesen. Zumal es seiner zwei Jahre älteren Ehefrau Evelin, beide sind seit gut 60 Jahren ein Paar, gesundheitlich auch nicht gut geht. Das alles machte dem einst kantigen, ruhelosen Politiker mit dem großen Aktionsradius, der keine Auseinandersetzung scheute und erst bei Gegenwehr zu Hochform auflief, zu schaffen.

Schönbohms Lebensstationen gleichen einem Geschichtsbuch: Als Achtjähriger war er mit seiner Familie aus Neu Golm bei Beeskow in den Westen in die Lüneburger Heide geflohen. Er wurde Offizier, absolvierte eine Generalstabsausbildung, wurde Kommandeur eines Panzerartilleriebataillons und stieg immer weiter auf. Der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) schickte Schönbohm 1990 in den Osten. Der Generalleutnant übernahm das Bundeswehrkommando Ost in Strausberg. Er sollte die 90 000 Mann starke Nationalen Volksarmee (NVA) auflösen. „Das war die spannendste Zeit, ein Spiel mit Unbekannten“, hatte er mal gesagt. Denn noch stand die hochgerüstete Sowjetarmee im Land.

Später wurde er Staatssekretär im Verteidigungsministerium, blieb das bis 1995, stieg dann in die Politik ein. Er wechselte aus dem beschaulichen Bonn in die brodelnde Ost-West-Stadt Berlin. Unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen wurde Schönbohm Innensenator und erfüllte dort alle Erwartungen eines Law-and-Order-Politikers. So ließ er unter massivem Polizeieinsatz besetzte Häuser räumen und wurde zum Lieblingsfeind von Linken und Grünen in Berlin. Er erfand in dieser Zeit den Begriff der „deutschen Leitkultur“, den fortan viele andere Politiker für sich beanspruchten.

Als es für ihn in Berlin nicht weiter nach oben ging, folgte er dem Ruf der Brandenburger CDU. Das kam angesichts des heillos zerstrittenen Landesverbands einem Himmelfahrtskommando gleich. Denn die Halbwertzeit von Vorsitzenden war in Brandenburgs CDU stets gering. Doch Schönbohm reizte der Job. „Wenn es einfach wäre, könnten es auch die anderen machen“ – war einer seiner Lieblingssätze.

Zehn Jahre SPD-Juniorpartner

Schönbohm hielt es acht Jahre an der Spitze der CDU aus und schaffte, was man dem knorrigen „General aus dem Westen“ in Brandenburg nicht zugetraut hätte. Er entriss bei der Landtagswahl 1999 der SPD unter Manfred Stolpe die absolute Mehrheit und führte seine Partei erstmals in Regierungsverantwortung. Zehn Jahre war die CDU Juniorpartner der SPD – zuerst unter Stolpe bis 2002 und ab dann unter Platzeck. Bis dieser 2009 die CDU durch die Linke austauschte und eine rot-rote Koalition schmiedete. Schönbohm, der 2007 den Parteivorsitz abgab und dann nicht wieder zur Landtagswahl antrat, hat das persönlich verletzt und diesen Schritt der SPD nie verwunden.

Schönbohms Markenzeichen war das Konservativsein, das er bei jeder Gelegenheit auch vertrat und damit oft aneckte – in der Koalition mit der SPD, beim politischen Gegner wie in der eigenen Partei gleichermaßen. Mit Gleichgesinnten auf der Bundesebene fühlte er sich in der Partei zunehmend unwohl. Frühzeitig gehörte er zu den Kritikern von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der er vorhielt, das „konservative Tafelsilber zu verscherbeln“.

Bundesweit sorgte er immer wieder für Schlagzeilen. Wie 2005, als er in einem Interview erklärt, dass Gewaltbereitschaft und Werteverlust in Ostdeutschland maßgeblich auf die „Proletarisierung“ und „Zwangskollektivierung“ der Menschen durch das SED-Regime zurückzuführen seien. Auslöser war der Fund von neun toten Babys unweit von Frankfurt (Oder), die eine Mutter in Blumenkübel versteckte. Selbst die eigene Partei schüttelt den Kopf, er musste sich harscher Rücktrittsforderungen erwehren. Aber auch diese Phase überstand Schönbohm, allerdings nicht ganz unbeschadet.

Einen Höhepunkt war für ihn sein 80. Geburtstag im August 2017, der mit einer Feierstunde im Potsdamer Landtagsschloss begangen wurde. Dass die Festrede ausgerechnet der von ihm so hoch verehrte CDU-Politiker Wolfgang Schäuble hielt, hatte ihn sehr gerührt.

Wie er es sich zu Lebzeiten gewünscht hatte, soll es ein Begräbnis mit militärischen Ehren geben, das, wie es hieß, im Berliner Dom stattfinden soll.

Von Igor Göldner

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