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Nauen: Die Nazis und das schleichende Gift

MAZ-Leitartikel Nauen: Die Nazis und das schleichende Gift

In Nauen ist eine braune Terrorzelle aufgeflogen, die für mehrere Anschläge verantwortlich sein soll. Was ist eigentlich los bei uns und wie vergiftet ist das gesellschaftliche Klima, fragt MAZ-Chefredakteur Thoralf Cleven. Lange konnte sich Brandenburg gegen den braunen Spuk wehren. Jetzt ist die Lage alles andere als harmlos. Das lässt nur einen Schluss zu.

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MAZ-Chefredakteur Thoralf Cleven.

Quelle: Bungert

Potsdam. Ende vergangener Woche haben sie uns in Atem gehalten, die Nazis von Nauen. Erst ging es „nur“ um das abgefackelte Auto eines Polen und den Verdacht gegen NPD-Kreisfunktionär Maik Schneider, dann wurde die Sache größer: Zielfahnder jagten einen untergetauchten, mutmaßlichen Komplizen, der Kreis der Verdächtigen erweiterte sich personell und verdichtete sich zugleich auf die Bildung einer rechtsterroristischen Zelle. Nun scheint sicher, dass die Zerstörung der als zeitweilige Flüchtlingsunterkunft geplanten Sporthalle in Nauen auf das Konto der Gruppe geht. Und wohl noch mehr: Überprüft werden der Sprengstoffanschlag auf einen Supermarkt, Attacken auf Parteibüros der Linken, Krawalle bei einer Stadtverordnetenversammlung – insgesamt mindestens sieben Taten.

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Jeder, der noch nicht abgestumpft von kursierender rassistischen Hetze oder ziemlich deutlichen Aufrufen zur Gewalt in „sozialen“ Netzwerken ist, müsste sich spätestens nach den jetzt schon bekannt gewordenen Details der Ermittlungen fragen: Was ist eigentlich los bei uns? Und: Wie vergiftet ist unser gesellschaftliches Klima schon wieder?

Brandenburg war den rechtsextremistischen Bestrebungen, die es Anfang der 1990er-Jahre in allen ostdeutschen Ländern gab, am entschiedensten entgegengetreten. Parteien, Vereine und Bürgerinitiativen bildeten ein breites Bündnis, das zu überzeugen wusste. Rechte Extremisten gab es zwar weiter, sie fanden in der Mitte der Gesellschaft aber wenig Nährboden – und blieben dort, wo sie hingehören: am Rand. Dazu trug auch eine Polizei bei, die mit dem rechten Auge genau hinschaute.

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In Nauen ist es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Anschlägen gekommen, bei denen ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wird. Im Sommer ging eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Flammen auf, Autos wurden vorsätzlich demoliert und das Parteibüro der Linken ist immer wieder attackiert worden. Ein Überblick über eine unheimliche Anschlagsserie.

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Es hat sich etwas verändert bei uns, oder? Radikale – ob nun einzeln oder in Gruppen – wittern Morgenluft, nennen sich besorgte Bürger und organisieren an dunklen Abenden „Spaziergänge“, sie bedrohen Lokalpolitiker, die anderer Meinung sind als sie, vergiften schleichend das Klima in Kleinstädten und zünden mal eben eine Sporthalle an. Bei all dem treffen sie inzwischen (neben einer ausgedünnten Polizei) auf eine verunsicherte Mitte der Gesellschaft, die schwankende Politiker erlebt oder Politiker, die in Bündnis-Ritualen erstarrt sind. Eine Mitte aber auch, die sich überraschend schnell von rechter Hysterie („Das Boot ist voll“) anstecken lässt und bei beschämenden Vorgängen wie in Tröglitz, Heidenau, Clausnitz, Bautzen oder eben in Nauen emotional verarmt reagiert.

Die Lage ist also alles andere als harmlos. Eine Schlussfolgerung nach dem rechten Spuk von Nauen sollte sein, dass wir alle – verbal und praktisch – verantwortlicher mit unseren Herausforderungen umgehen, die übrigens über die Flüchtlingspolitik hinausgehen. Wer nur noch meckert oder nölt, wer keine Trennlinie zwischen sich und den Radikalen zieht, der dient denen als stille Legitimation ihrer Taten. Ob er das will oder nicht.

Von Thoralf Cleven

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