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Nauen fürchtet um das Image der Stadt

Nach dem Brand einer Flüchtlingsunterkunft Nauen fürchtet um das Image der Stadt

Seit Monaten machen in Brandenburg Asylgegner Stimmung gegen Flüchtlinge. Die Stadt habe ein Problem mit Rechtsextremismus, sagt SPD-Bürgermeister Detlef Fleischmann. Aber auf eine Stufe mit dem sächsischen Heidenau will sich die Stadt nicht stellen lassen.

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Das Gebäude war durch die Feuerwehr nicht mehr zu retten.
 

Quelle: Fotos: Julian Stähle

Nauen.  „Das waren keine von hier“, sagt Heinz Göres mit Nachdruck. Und doch klingt es mehr wie ein Wunsch, wie die Hoffnung, dass die Gewalt gegen Asylbewerber nicht aus Nauens Mitte kommt. Der 83-Jährige sitzt beim Bäcker in der Innenstadt und trinkt Kaffee, während zwei Kilometer weiter im Industriegebiet die letzten Glutnester glimmen. Der mutmaßliche Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft am Oberstufenzentrum hat sich herumgesprochen, natürlich. „Das sind welche, die von Ort zu Ort ziehen“, meint Göres. Wandernde Neonazis. „Schön ist es nicht“, sagt der Rentner, und dass er fürchte, dass Nauen im Havelland nun stigmatisiert wird durch diese Tat.

Oder gar ein ganzes Bundesland.  Vor dem schwarzen Skelett mit den Glutnestern, das bis vor wenigen Stunden das vorübergehende Zuhause von 100 Flüchtlingen werden sollte, steht Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD). Er wirkt geschockt, besorgt, blass an diesem Dienstagmorgen obwohl er gerade erst aus dem Urlaub zurück ist. Schröter lässt wenig Zweifel daran, dass hier Rechtsextreme am Werk waren. Sollte es tatsächlich Brandstiftung sein, handle es sich um „das schlimmste fremdenfeindliche Vorkommnis in Brandenburg seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten“, sagt er. Schröter nennt den Namen nicht, aber womöglich denkt er an Dolgenbrodt. Jenes Dorf in Dahme-Spreewald, in dem am 1. November 1992 ein Flüchtlingsheim brannte. Am nächsten Tag sollten dort 86 Asylbewerber aus Afrika einziehen. Einwohner hatten den Brandstifter bezahlt, einen Neonazi. Schröter erwähnt Dolgenbrodt nicht, sondern erklärt: „Gottlob sind wir aber noch ein ganzes Stück von sächsischen Verhältnissen entfernt.“

Gegenüber dreht eine Mädchensportgruppe ihre Runde

Tatsächlich: Die Bilder aus dem sächsischen Heidenau sehen anders aus als jene aus Nauen. Beide Kleinstädte haben rund 16 000 Einwohner und „ein Problem mit Rechtsextremismus“, wie Nauens Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD) einräumt. Doch während in Heidenau vor einer bewohnten Flüchtlingsunterkunft ein rechtsextremer Mob rassistische Sprüche skandiert, ist es im Nauener Industriegebiet ruhig. Fast unbeteiligt geht das Leben rund um die mit Flatterband abgesperrte Brandstelle weiter. Auf dem Gelände gegenüber dreht eine Mädchensportgruppe auf der Tartanbahn ihre Runden. Ein Lkw-Fahrer regt sich auf, weil er nicht durchkommt, saugt an seiner Zigarette und fragt dann, wann es hier endlich mal weitergeht.

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In der Nacht zu Dienstag, 25. August 2015, ist in Nauen (Havelland) ein Brandanschlag auf eine geplante Notunterkunft für Asylbewerber verübt worden. Die Turnhalle ist komplett niedergebrannt.

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Es riecht nicht einmal nach Rauch, wie man es erwarten würde nach einem „Vollbrand“, wie Stadtbrandmeister Jörg Meyer erklärt. Er sei jetzt 30 Jahre bei der Feuerwehr, „aber mit welcher Geschwindigkeit sich der Brand ausgebreitet hat, das hat mich schockiert.“ Um 2.28 Uhr wurde die Feuerwehr alarmiert. Um 2.34 Uhr war sie vor Ort. Das komplette Gebäude stand da schon in Flammen. Nun, am Morgen, sitzen Feuerwehrleute auf der Rampe eines Einsatzfahrzeugs. Erschöpft. Das Feuer hatte man schnell unter Kontrolle, kein Nachbargebäude war gefährdet. Und dennoch: 61 Mann waren im Einsatz, alles freiwillige Helfer, wie sie betonen, keine Berufsfeuerwehr.

Eine Hundestaffel aus Berlin sucht nach Brandbeschleunigern

Noch weiß man nicht, wer dahinter steckt. Organisierte Rechtsextreme? Ein Einzeltäter? Die Polizei hält sich noch bedeckt. Noch in der Nacht soll ein Mann in Gewahrsam gekommen sein, der in der Nähe der Brandstelle aufgegriffen wurde. Ob er etwas mit der Tat zu tun haben könnte, will man von offizieller Seite noch nicht sagen. Aber aus den Worten von Brandmeister Meyer wird zumindest klar: Jemand hat mit Plan gehandelt, fast schon professionell.

Die umzäunte, mit Brandmelder ausgestattete Halle war bewacht, aber nicht rund um die Uhr. Die Polizei fährt auf ihrer Streife vorbei. Unregelmäßig. Auch einen Wachschutz gibt es, aber auch er ist nicht 24 Stunden vor Ort. Am Mittwoch, wenn die Glutnester ausgegangen sind, soll eine Hundestaffel aus Berlin zum Einsatz kommen, die auf das Aufspüren von Brandbeschleunigern spezialisiert ist.

Kommende Woche hätten in die Turnhalle, die zum benachbarten Oberstufenzentrum gehört, 100 Flüchtlinge einziehen sollen. Lediglich die Feldbetten fehlten noch. Auf dem Hof stehen schon weiße Sanitär-Container, die einen gespenstischen Kontrast bilden zu der verrußten, gänzlich unnutzbaren Halle. Die war erst vor acht Jahren neu gebaut worden, für knapp vier Millionen Euro. Wenn am Montag die Schule beginnt, wären die Schüler ins nahe Friesack gefahren worden zum Sportunterricht. Die Halle war als Provisorium gedacht. Am Waldemardamm, einige hundert Meter entfernt, entsteht bis zum kommenden Jahr eine feste Flüchtlingsunterkunft für 250 Menschen. Wohin die Asylbewerber, die momentan noch in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) sind, nun gebracht werden, ist unklar. „Wir werden unserer Aufnahmeverpflichtung nachkommen“, sagt der Vize-Landrat des Havellands, Roger Lewandowski (CDU).

Auf Facebook wird der Brand kommentiert

„Sie werden nun die ’Flüchtlinge’ dennoch unterbringen irgendwo im Havelland und mehr Geld bereitstellen“, wird der Brand auf der Facebook-Seite der Gruppe „Nein zum Heim in Nauen“ kommentiert. Das Wort Flüchtlinge ist in Anführungszeichen gesetzt. Die Gruppe macht seit Monaten in Nauen gegen Asylbewerber Stimmung. Es gab Demos gegen das geplante Heim und Rücktrittsforderungen an Bürgermeister Fleischmann. Im Februar kam es bei einer Stadtverordnetenversammlung zu Tumulten.

„Das ist brauner Terror“, sagt die Landtagsabgeordnete der Linken, Andrea Johlige. Sie sitzt im Gras und schaut auf die Spuren des nächtlichen Brands. Die Fensterscheiben sind durch die Hitze geborsten. „Dafür braucht es schon ganz schön viel Hass“, meint die Politikerin, deren Wahlkreisbüro im Stadtzentrum seit dem Frühjahr immer wieder von Rechtsextremisten attackiert worden ist.

Auf ihrer Homepage versucht die Stadt, die Asylgegner mit Informationen auszubremsen. „Stadt Nauen. Die Funkstadt mit Herz. Statt Hass“, steht da. „Es werden in unserer Bevölkerung immer wieder Vorbehalte und Ängste deutlich, die oftmals auf fehlenden Informationen beruhen“, schreibt Bürgermeister Fleischmann.

„Die Stimmung ist sehr angespannt“, sagt Nadine Böhlicke. Ihr Mittlerer, Conner, kommt am Samstag in die Schule. Nicht nur das Oberstufenzentrum, auch der Da-Vinci-Campus mit sechs Bildungseinrichtungen liegt unweit der Brandstelle. Ihre drei Kinder seinen wach geworden als die Feuerwehrsirenen losgingen. „Es ist Angst mit bei“, sagt die 31-Jährige. Keine Angst vor den Flüchtlingen, schiebt sie schnell hinterher, sondern vor denen, die gegen Flüchtlinge sind. Was, fragt sie, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, Kinder dazwischen geraten? In Nauen steht viel Ratlosigkeit am Absperrband.

Von Marion Kaufmann

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