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Nette Toilette für jedermann

Drängende Bedürfnisse Nette Toilette für jedermann

Man kennt das: Der Stadtbummel ist wunderschön, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da sich ein dringendes Bedürfnis meldet. Öffentliche Toiletten sind rar, und meist ist es peinlich, am Kellner vorbei eine Restaurant-Toilette anzusteuern. Jetzt gibt es eine Lösung.

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Glienicke.

Die Kommunen wollen den Bau öffentlicher Toiletten überflüssig machen

„Die Gemeinde kam auf mich zu und fragte, wie sieht das aus, mit Ihrer Toilette?“, sagt Kupfer. Würde das WC des Cafés nämlich ganz offiziell zur öffentlichen Toilette des kleinen Ortes am Nordrand Berlins, würde man den kostspieligen Bau eines eigenen öffentlichen Örtchens sparen und überdies verhindern, dass ein Dorfteich, neben dem es stehen sollte, verunziert würde. „Ich habe gleich Ja gesagt“, so Café-Betreiberin Kupfer. Und ihr öffentliches Örtchen deckt tatsächlich einen dringenden Bedarf. Laut Kupfer gehen vor allem ältere Leute bei ihr einem dringenden Bedürfnis nach. Glienicke ist der erste Ort in Brandenburg mit „Netten Toiletten“. Neben dem Kaffeehaus bieten dort auch die „Käseglocke“ und das „Family Keramik & Café“ den Service an. Inzwischen interessiert sich aber auch Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) für das Modell.

Erste Bedürfnisanstalten

1852 gilt als Geburtsjahr der öffentlichen Toilette – zumindest in Europa. Damals gelangte die Londoner Stadtverwaltung zur Erkenntnis, dass Hygiene mit Volksgesundheit zusammenhängt. So wurde eine Bedürfnisanstalt in die Fleet Street, die Zeitungsmeile, gesetzt.

Toiletten an sich gab es schon lange, bevor England entstand. Bereits im Jahr 2400 v. Chr. gab es im Nordpalast von Mesopotamien sieben neben­einander liegende, in Stein gemeißelte Löcher, die aus Sicht der Archäologen nur einem sehr menschlichen Bedürfnis gedient haben können.

600 vor Christus verfügten auch die alten Griechen auf Kreta über ein Etablissement, das Platz für 44 Notdürftige bot.


Das erste Wasserklosett wiederum geht auf die Römer zurück. Um 400 n. Chr. gab es in Rom 144 Latrinen und 254 Necessaires, die größtenteils von einem Wassergraben unterspült waren.

Die „Nette Toilette“ gibt es bundesweit schon in 220 Kommunen. Das Epizentrum der Bewegung liegt im schwäbischen Aalen und in der Werbeagentur „Studioo“. Wie die Jungfrau zum Kind kam das auf coole Firmenlogos und Kataloge spezialisierte Team zu dem Projekt, als die Stadt 2001 eine Lösung für grundlegende Bedürfnisse suchte. Auch Aalen wollte sich kein eigenes öffentliches Örtchen für 150 000 Euro leisten. Stattdessen gab es die Idee, Klos in Gaststätten zu nutzen. „Das Konzept entstand hier unter dem damaligen Leiter, Sam Kohn, aber dann haben die Partnerstädte Aalens angefragt“, sagt der heute für die „Nette Toilette“ zuständige Grafik-Designer Martin Kallenbach. Von Aalen breitete sich das Konzept in benachbarte Städte, dann in benachbarte Bundesländer, inzwischen in benachbarte Staaten aus. Im schweizerischen Biel gibt es eine „Nette Toilette“ auch mit französischen Schildern. Kallenbach schätzt, dass er inzwischen 40 Prozent seiner Arbeitszeit in der Agentur dem Projekt „Nette Toilette“ widmet. Es gibt eine Webseite und eine App dafür. „Wir machen keine große Werbung“, sagt Kallenbach. „Es ist ein Selbstläufer.“

In der Mark ist der Trend noch nicht richtig angekommen

In Brandenburg aber offenbar noch nicht. Die Landesvorsitzende des Seniorenverbands, Hertha thor Straten, reagiert eher belustigt auf die Idee der „Netten Toilette“. „Bisher haben wir so etwas noch nicht vordergründig als Thema gesehen“, sagt sie. „Wir beschäftigen uns eher mit Freizeitgestaltung und Gesundheitsvorsorge.“ Die Diskussionen im Verband drehten sich um kulturelle und politische Veranstaltungen und ums Reisen. Andererseits kann sich auch thor Straten „nichts Schlimmeres vorstellen“, als mit heftigen Druck durch ein entlegenes Dorf zu eilen und nicht fündig zu werden. Insofern findet sie die Idee doch nicht ganz abwegig, zumal für Senioren.

„Das ist eine nette Idee“, findet auch die Vize-Chefin des Städte- und Gemeindebundes, Monika Gordes. Allerdings sieht auch sie es nicht als dringliches Bedürfnis an, die Kommunen zu entsprechenden Aktionen zu animieren. „Ich weiß nicht, ob es vor Ort überhaupt Bedarf gibt.“ In Städten gäbe es sowieso öffentliche Toiletten. Darüber, was kleinere Gemeinden bieten, gibt es keine Erhebungen.

„Noch schöner fände ich es, wenn es die Gewerbetreibenden von sich aus machen würden“, sagt Gordes. Der Nutzer sollte einfach 50 Cent zahlen. Damit werde das Prinzip der „Netten Toilette“ genauso erfüllt.

www .die-nette-toilette.de

Von Rüdiger Braun

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