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Neuer König fürs Havelland gesucht

Landratswahl am Sonntag Neuer König fürs Havelland gesucht

Nach 26 Jahren ist im Havelland eine Ära zu Ende gegangen: Burkhard Schröder (SPD), dienstältester Landrat in Brandenburg, ist zum 1. April abgetreten. Am Sonntag wird sein Nachfolger gewählt. Wir stellen die Kandidaten vor und analysieren, warum der Landkreis so gut da steht.

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Theodor Fontane hat die Ribbeckschen Birnen mit seinem Gedicht berühmt gemacht.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Potsdam. Falls Könige in den Ruhestand gehen, wird ihnen in Schlössern die finale Aufwartung gemacht. Nicht anders war es bei Burkhard Schröder. Vor einer Woche war der 66-jährige Landrat und ungekrönte König des Havellandes mit einem Empfang auf Schloss Ribbeck verabschiedet worden, am Sonntag können die Bürger seinen Nachfolger wählen. Mit einer Dienstzeit von 26 Jahren war der SPD-Politiker dienstältester Landrat in Brandenburg, erst im Altkreis Nauen und danach im Havelland – manches Mal mit majestätischem Gehabe, wie Andrea Johlige, Fraktionschefin der Linken im Kreistag, witzelte.

Sorgenkind Schloss Ribbeck

Im Grunde ist das Ribbecker Gemäuer Sinnbild für Schröders Politik. Weil die Nachfahren der Gutsbesitzerfamilie die Restaurierung nicht stemmen konnten, übernahm der Landkreis die risikobehaftete Immobilie und investierte 5,6 Millionen Euro – zu einer Zeit, als Geld woanders nötiger war. ­Herausgeputzt zum Kulturzentrum hängt das Schloss weiter am Tropf des Kreises. 350.000 Euro fließen jährlich in die GmbH. Bei einem Etat von 320 Millionen Euro sei das „keine Summe, die uns erschüttert“, so Schröder. Solche Sätze haben dem Pragmatiker gleichermaßen Anerkennung und Kritik eingebracht. Dabei hat der studierte Mathematiker das Rechnen offenbar nie verlernt, denn er hinterlässt einen ausgeglichenen Kreishaushalt.

Burkhard Schröder ist vergangene Woche aus seinem Amt verabschiedet worden

Burkhard Schröder ist vergangene Woche aus seinem Amt verabschiedet worden.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Fünf Geschäftsführer hat die Schloss GmbH seit 2009 verschlissen, erste Herausforderung für den Sechsten war Schröders Abschied. Aber davon wird Frank Wasser nicht zehren können. Der Landrat selbst hat dem bisherigen Leiter der Havelländischen Musikfestspiele die Hausaufgaben formuliert. Mit der Kultur im Schloss müsse verstärkt eigenes Geld eingespielt und dafür auch das Berliner Publikum gewonnen werden.

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Selten war das Gerangel bei einer Landratswahl so groß: Acht Kandidaten bewerben sich um den Chefposten im Havelland. Gewählt wurde am 10. April. Wir stellen die Kandidaten in der Bildergalerie vor.

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Sorgenkind MAFZ Paaren/Glien

Ein weiteres Sorgenkind ist das Märkische Ausstellungs- und Freizeitzentrum in Paaren/Glien. Das Gelände lockt nur zur jährlichen Brandenburger Landwirtschaftsschau eine Gästeschar an. Ansonsten dümpelt es – vom Kreis subventioniert – vor sich hin. „Was fehlt, ist die Direktvermarktung von ­Agrarprodukten, etwa mit Schaumolkerei und Schlachthof. Dazu sind die Landwirte aber nicht bereit“, beklagt Dieter Dombrowski, CDU-Kreischef im Havelland.

Zahlen und Fakten

155.000 Einwohner leben im Landkreis Havelland, er entstand 1993 aus den Altkreisen Nauen und Rathenow.

26 Kommunen, darunter sieben Städte, gehören zum 1727,3 Quadratkilometer großen Kreisgebiet.

42.000 Einwohner zählt Falkensee und ist damit die größte Stadt des Kreises, der Kreissitz Rathenow folgt dahinter mit 24.000 Einwohnern. Nauen auf Platz drei hat 16.700 Bewohner.

56 Sitze hat der Kreistag. 15 entfallen auf die SPD, 15 auf die CDU und zehn auf die Linke. Grüne: fünf, AfD: vier, FDP: drei, NPD: zwei, Familienpartei und Bauern je einen. Der 57. Sitz gehört dem Landrat qua Amt.

Der Landrat ist dann gewählt, wenn er mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen bekommt. Gleichzeitig muss er mindestens 15 Prozent der Stimmen von allen Wahlberechtigten des Landkreises erhalten (Quorum). 134.700 Wahlberechtigte hat das Havelland – Quorum: 20.205 Stimmen.

Wahrscheinlich ist, dass dem ersten Wahlgang eine Stichwahl am 24. April folgt. Dann treten die beiden Kandidaten mit den höchsten Stimmanteilen aus dem ersten Wahlgang an.

Eine Direktwahl der Landräte gibt es in Brandenburg seit 2010. Bislang wurde elf Mal direkt gewählt, sieben Mal wurde das Quorum verfehlt. Deshalb musste nach den Stichwahlen der jeweilige Kreistag den Landrat wählen.

Auf Platz fünf bei „Focus Money“

Abgesehen davon hinterlässt Schröder keine größeren Baustellen, der Kreis steht gut da: Im Brandenburg-Ranking bei „Focus Money“ landete er zuletzt auf Platz fünf. Der Niedergang der optischen Industrie in Rathenow und des einstigen Chemiestandorts Premnitz wurde durch Neuansiedlungen gestoppt. Je 1000 Arbeitsplätze gibt es dort wieder. Das 155.000 Einwohner zählende Havelland hat eine Eisenbahngesellschaft, einen Krankenhauskonzern und 10 000 Beschäftigte in gut 2200 Handwerksbetrieben.

Berlinnahe Gemeinden boomen

Vor allem die Gemeinden am Rande Berlins boomen, Logistik- und Handelsunternehmen haben sich hier niedergelassen. Falkensee hat Zuzug wie keine andere Kommune im Land und dürfte in absehbarer Zeit das nur noch knapp 60.000 Einwohner zählende Frankfurt (Oder) überflügeln. Angesichts der Bilanz stellte Schröder gegenüber MAZ klar, was er vom Prestigeprojekt der rot-roten Landesregierung hält: „Von unserer Leistungsfähigkeit her, sage ich, wir brauchen keine Kreisreform.“ Nach Potsdamer Planspielen soll die verschuldete kreisfreie Stadt Brandenburg/Havel dem Havelland zugeschlagen werden.

Widerstand gegen Kreisreform

Das stößt auch dort auf Widerstand, wo das zweigeteilte Havelland nicht boomt – im Westen an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. „Die Reform ist unnötig“, sagt Felix Menzel (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Milower Land. Der Kreis sei so geschnitten, das er vom Berliner Rand profitiere. Der 31-jährige Ortschef zählt etwa 30 „Heimkehrer“ in die Gemeinde, die durch den Naturpark Westhavelland touristisch immer interessanter werde. „Wir können günstiges Bauland anbieten und haben keine überfüllten Schulklassen.“

Unbekannte Größe AfD

Auch der Hoffnungsträger der SPD, Martin Gorholt, gibt den Regionalpatrioten. „Das Havelland steht auf eigenen Füßen“, sagt der Kulturstaatssekretär. Die SPD und die CDU mit ihrem Kandidaten Roger Lewandowski haben ein ganz anderes Problem. Beide bilden im Kreistag eine weitgehend geräuschlose Zählgemeinschaft. Mit dem Kreischef der Alternative für Deutschland (AfD), Kai Gersch, ist womöglich ein unliebsamer Widersacher im Kampf um den Chefposten herangewachsen. Noch ist unklar, ob das AfD-Landtagswahlergebnis in Sachsen-Anhalt (aus dem Stand zweitstärkste Partei) auf das Havelland abfärben könnte und Gersch in die Stichwahl kommt. Er selbst würde das, auch wenn es nicht zum Landrat reicht, als Erfolg ansehen: „Wir wollen die Arithmetik von Rot-Schwarz durchbrechen.“ Bei der Landratswahl im Vorjahr in Dahme-Spreewald war AfD-Mann Jens-Birger Lange überraschend auf Platz zwei hinter Wahlsieger Stephan Loge (SPD) gelandet.

Anders als Burkhard Schröder hat SPD-Kreischef Gorholt ein klare Trennlinie zur AfD gezogen: „Keine Absprachen mit den Rechtspopulisten.“ Schröder hatte sich in der Frage wenig parteikonform gezeigt und im vergangenen Herbst eine Einladung der AfD-Fraktion im Landtag wahrgenommen. Der Tabubruch löste vor allem bei SPD und Linker Entrüstung aus. „Die AfD ist ein politischer Konkurrent, mit dem man sich auseinandersetzen muss“, verteidigt Schröder auch jetzt noch sein Gespräch mit der AfD. „Die Bürger machen sich Gedanken, was mit ihrem Alltag passiert.“ Darauf müsse die etablierte Politik Antworten finden.

Von Volkmar Krause

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