Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg „Brechts Berlin“: Eine Stadt mit „schamloser Großartigkeit“
Brandenburg „Brechts Berlin“: Eine Stadt mit „schamloser Großartigkeit“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 12.01.2019
Blick auf das Regiepult im Zuschauerraum des Berliner Ensembles in Berlin, an dem bereits Brecht saß. Quelle: Foto: Jörg Carstensen/dpa
Berlin

Auf seiner ersten Zugreise von Augsburg nach Berlin erinnert sich der junge Bertolt Brecht an eine frühe Liebe und schreibt mit der „Erinnerung an Marie A.“ eines seiner berühmtesten Gedichte.

Brecht ist im Februar 1920 wenige Tage nach seinem 22. Geburtstag auf dem Weg in die Stadt, die nach seinen Worten überfüllt war „von Geschmacklosigkeiten, aber in was für einem Format“, und in der er mit der „Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm 1928 einen seiner größten Triumphe erleben sollte.

„Brechts Berlin“ zeigt seine Stationen in der Metropole

Nach dem Krieg wird er in eben diesem Theater zusammen mit Helene Weigel das später weltberühmte Berliner Ensemble gründen. Michael Bienert stellt in einem reich bebilderten und detailliert recherchierten literarischen Spaziergang durch „Brechts Berlin“ diese Stationen vor.

Für den Schriftsteller Elias Canetti war die „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill in Wahrheit der „genaueste Ausdruck“ des damaligen Berlin, genau gesehen und beobachtet von Bertolt Brecht aus der Provinz.

„Ich liebe Berlin, aber mit beschränkter Haftung“

Und dieses verrückte Berlin war die Stadt, die ihn brauchte, wie der junge Dichter euphorisch vermutete, die ihn „klug macht“ und die ihn verstand, wie er meinte. „Ich liebe Berlin, aber m.b.H.“ (also „mit beschränkter Haftung“), schreibt Brecht Anfang der 20er Jahre, denn „der Schwindel Berlin unterscheidet sich von allen andern Schwindeln durch seine schamlose Großartigkeit“.

Dabei hatte die Stadt ihm bei seinen ersten Besuchen „zu verstehen gegeben, dass man auf mein Vorhandensein in dieser Stadt keinen direkten Wert legte“ - ein Gefühl, das viele Berlin-Zuwanderer teilten und wohl immer noch teilen und dennoch nicht abschreckt, im Gegenteil.

Literarischer Spaziergang ist reich bebilderter Führer

Der literarische Spaziergang durch „Brechts Berlin“ von Michael Bienert erweist sich nicht nur als reich bebilderter stadthistorischer und kulturpolitischer Führer durch das Berlin der Weimarer Republik mit ebenfalls gut dokumentierten Nachkriegskapiteln, als Brecht in den „Schutthaufen bei Potsdam“ übersiedelte.

Das Buch ist auch eine kleine, kompakte und gut lesbare Brecht-Biografie mit dem Fokus auf Berlin. Kein Dichter habe so sichtbare Spuren in Berlin hinterlassen, betont der Verlag. Dennoch seien die meisten Brecht-Orte und Berlin-Bezüge wenig bekannt. Auch wer sich für Berliner Theatergeschichte und ihre verschiedenen Häuser mit ihrem oft wechselvollen Leben interessiert, wird gut bedient.

Netzwerke der Künstlerwelt: Gegend um die Gedächtniskirche

Brecht arbeitete damals bald am Deutschen Theater (Max Reinhardt), wo er sein frühes Stück „Trommeln in der Nacht“ („Spartakus“) probte. Gleichzeitig tauchte er in die Künstlerszene rund um die Gedächtniskirche ein.

Zentren waren das Café des Westens am Kurfürstendamm, auch „Café Größenwahn“ genannt, mit Stammgästen wie Frank Wedekind, Christian Morgenstern, Alfred Döblin und Max Reinhardt, und das legendäre Romanische Café, der „Wartesaal der Talente“, unter anderem mit Erich Maria Remarque, Erich Kästner, Stefan Zweig und dem jungen Billy Wilder.Solche Treffpunkte waren die damaligen „Netzwerke“ für die Künstlerwelt.

An mehreren Berliner Theatern gelernt und gearbeitet

Brecht hat an mehreren Theatern der damaligen Reichshauptstadt gelernt und gearbeitet, sogar in der Alten Philharmonie, die im Krieg zerstört wurde, gab es eine Premiere („Die Maßnahme“). Sein „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ wurde 1931 im Theater am Kurfürstendamm umjubelt. Für das Große Schauspielhaus Max Reinhardts, eine ehemalige Zirkus-Arena mit 3200 Zuschauerplätzen, plante er gleich eine Dramentrilogie („Asphaltdschungel“).

Im kleineren Haus gegenüber erlebte er schließlich 1928 im Theater am Schiffbauerdamm mit der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill seinen größten Triumph in der Weimarer Republik.

Nach dem Krieg: Brecht wollte unbedingt ins Theater am Schiffbauerdamm ziehen

Dieses Haus war dann auch Brechts Ziel nach seiner Rückkehr nach Berlin. Er wollte unbedingt mit dem bald mit Helene Weigel gegründeten Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm einziehen.

Bis es soweit war - die ostdeutschen Kulturoffiziellen zögerten und wollten das Theater eigentlich der neugegründeten kasernierten Volkspolizei überlassen - spielte Brecht im nahe gelegenen Deutschen Theater. Während der dortigen Proben zu „Mutter Courage“ im Herbst 1948, mitten in der West-Berliner Blockade, wohnte Brecht in der Ruine des Hotels Adlon am Brandenburger Tor.

Wenige Monate nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, als Brecht seine (kritische) Loyalität mit der SED zeigte, durfte er endlich mit Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm als künftige Spielstätte des Berliner Ensembles übernehmen.

Von Wilfried Mommert