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Zweimal lebenslänglich im Mordfall Maike Thiel

Gericht verurteilt Ex-Freund und dessen Mutter Zweimal lebenslänglich im Mordfall Maike Thiel

Seit über 17 Jahren ist Maike verschwunden. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Mehr als ein Jahr lang hat der spektakuläre Indizien-Prozess gegen die beiden Angeklagten gedauert. Der Ex-Freund der damals hochschwangeren Frau und seine Mutter sind am Mittwoch vom Neuruppiner Landgericht jeweils zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden.

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Christine Sch. (r.) habe ihren Sohn zum Mord angestiftet, sagte Richter Gert Wegner am Mittwoch am Landgericht Neuruppin.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin/Hennigsdorf. Sie hatte bereits einen Namen für ihr ungeborenes Baby. Charleen sollte das Mädchen heißen. 17 Jahre wäre Charleen in diesem Sommer. So alt wie ihre hochschwangere Mutter Maike, als sie am 3. Juli 1997 verschwand. Fast auf den Tag genau 17 Jahre nach dem Verschwinden Maikes und damit auch Charleens wird der Mord an der werdenden Mutter gesühnt: Der Ex-Freund und mutmaßliche Vater des Babys Michael Sch. sowie dessen Mutter Christine wurden gestern vom Landgericht Neuruppin jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt.

Maike Thiels Leiche bleibt verschwunden

Damit geht einer der spektakulärsten Indizienprozesse Brandenburgs nach 14 Monaten mit einem Paukenschlag zu Ende: Denn Maike Thiels Leiche wurde trotz intensiver Suche bis heute nicht gefunden.

Vermisst: Maike Thiel aus Leegebruch (Oberhavel): Ein Zeitungsartikel, veröffentlicht am 8. Juli 1997 in der Lokalausgabe Oranienburg Märkische Allgemeine Zeitung.

Quelle: Repro: MAZ

Bereits eine Stunde vor Urteilsverkündung drängeln sich Pressevertreter und Zuhörer vor dem Saal 1 des Landgerichts. Der Prozess stößt auf großes Interesse. Als die Strafkammer herein kommt, wird es still. Mit diesem Urteil im Maike-Thiel-Verfahren hatte wohl niemand gerechnet: Zweimal lebenslang wegen Mordes aus Heimtücke und Habgier und Anstiftung dazu, wie die große Jugendkammer verkündet.

Richter ist fest von der Schuld der Angeklagten überzeugt

„Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass Christine Sch. den Plan hatte und ihren Sohn Michael und ihren langjährigen Bekannten Manfred S. zu dem Mord an Maike Thiel bestimmt hat“, sagt der Vorsitzende Richter Gert Wegner.

Drohende Unterhaltszahlungen als Mordmotiv

Die Nachricht, dass ihr damals 17-jähriger, noch in der Ausbildung befindliche Sohn eine 16-Jährige geschwängert hat, muss bei der alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern aus Hennigsdorf (Oberhavel) wegen der drohenden Unterhaltszahlungen wie eine Bombe eingeschlagen haben, so Wegner. Deshalb sei Christine Sch. der Einladung der Familie Thiel gerne gefolgt, bei der über eine Abtreibung gesprochen werden sollte. Doch Maike Thiel wollte das Kind behalten, freute sich auf das Baby. So reifte in Christine Sch. der Plan, Maike zu beseitigen. Dass sie die Drahtzieherin war, steht für das Gericht fest. „Ohne ihre Initiative wäre der Mord nie passiert“, so Wegner.

Michael Sch. stand unter der Fuchtel seiner Mutter

Christine Sch. war von Zeugen als eine dominante Frau beschrieben worden, unter deren Fuchtel der Sohn stand. Von seinem Charakter her komme Manfred S., ein „grundsätzlicher Frauenhasser“, als Auftragsmörder in Betracht, so Wegner. Der heute 80-jährige mutmaßliche Komplize kann wegen Altersgebrechlichkeit aber nicht mehr belangt werden. Einen Tag vor der Tat hat Michael Sch. 4500 Mark (2300 Euro) von seinem Sparbuch abgehoben, einige Zeit danach noch einmal 2500 Mark (1300 Euro). Das war aus Sicht des Gerichts der Lohn für den Auftragsmord. „Es ist unfassbar, eine junge lebenslustige Frau aus wirtschaftlichen Gründen umzubringen“, so Wegner.

Der Angeklagte Michael S. (2.v.l.) hat seine schwangere Freundin Maike Thiel ermordet.

Quelle: Peter Geisler

Michael Sch. hatte nach einer Pause wieder Kontakt zu Maike Thiel aufgenommen. Deshalb war sie völlig ahnungslos, als er sie unter einem Vorwand am Hennigsdorfer Krankenhaus abholte und in sein Auto lockte. Den Untersuchungstermin hatte sich Christine Sch. zuvor auf einem Schmierzettel notiert. Ihr Sohn hatte sich ihn mehrfach von Maike bestätigen lassen. Michael Sch. war an jenem Vormittag in Hennigsdorf in der Nähe des Krankenhauses.

Zeugenaussagen führten zur Verhaftung

Dazu kommen die Aussagen zweier Zeuginnen, die das Bild abrunden, so Wegner. „Wir glauben Dominique S. uneingeschränkt.“ Es gebe keinen Grund an ihrer Aussage zu zweifeln. Diese führte 2012 zur Verhaftung der Angeklagten. Die Frau hatte ausgesagt, Michael Sch. habe ihr vor Jahren den Mord gestanden. „So eine Untat eines Freundes kann man sich nicht ausdenken“, sagte Wegner. Es sei unglaublich, dass es Mitwisser gab, die jahrelang geschwiegen haben: Dominique S., die sich in Loyalitätskonflikten zur Familie Sch. befand. Eine andere Zeugin, die Angst vor dem Angeklagten hatte.
Wegner geht auch auf die Kritik der Verteidigung ein, die Freisprüche gefordert hatte. Es habe zeitweise grenzwertige Ermittlungen und schlampige Aktenführung gegeben. Aber es sei den Ermittlern zu verdanken, den Fall Stück für Stück aufgeklärt zu haben.

Maike Thiels Elternhaus in Leegebruch (Oberhavel). Hier sollte das Baby der werdenden Mutter aufwachsen.

Quelle: Enrico Kugler

Mutter und Sohn blieben bei der Urteilsverkündung regungslos

Anders als die Staatsanwaltschaft hat sich die Strafkammer bei Michael Sch., der zur Tatzeit 18 Jahre alt war, für die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht entschieden. Es läge keine Reifeverzögerung vor. Auf Mord steht lebenslang und als Anstifterin dazu wird Christine Sch. wie der Täter bestraft. Mutter und Sohn nehmen das Urteil regungslos auf, so wie sie sich auch im gesamten Verfahren gezeigt hatten.

Nach 17 Jahren endlich Gewissheit

„Wir haben 15 Jahre auf diesen Tag gewartet“, hatte Maikes Mutter Heike 2012 erklärt, als der Ex-Freund ihrer Tochter verhaftet wurde. In ihrem Haus in Leegebruch hatten Thiels bereits ein Kinderzimmer für ihre Enkelin Charleen eingerichtet. Sie wollten bei der Betreuung helfen, damit Maike ihre Ausbildung zur Altenpflegerin absolvieren kann. Die verzweifelten Eltern engagierten früh einen Privatdetektiv, der das Schicksal ihrer Tochter aufklären sollte. Für den Kriminalisten stand Michael Sch. im Zentrum des Verdachts. 17 Jahre später haben die Eltern nun zumindest Gewissheit über die Täter. Wohin diese ihre tote Tochter gebracht haben, wissen sie bis heute nicht.

Wenn der Beweis fehlt: Indizienprozesse in der Mark

Maskenmann- Prozess: Vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) läuft seit Mai der Prozess gegen den mutmaßlichen Maskenmann: Mario K. soll 2012 einen Banker in Storkow entführt und zuvor eine andere Unternehmerfamilie in Bad Saarow (beide Oder-Spree) überfallen haben. Die Tatwaffe, eine Pistole, wurde nicht gefunden. Der Angeklagte bestreitet die Taten.

factbox

Prozess gegen Heinrich Scholl: Im Februar verurteilte das Landgericht Potsdam den früheren SPD-Bürgermeister von Ludwigsfelde (Teltow-Fläming), Heinrich Scholl, zu lebenslanger Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Scholl im Dezember 2011 seine Frau Brigitte (67) heimtückisch erdrosselte. Einen Belastungszeugen gab es in dem monatelangen Indizienprozess nicht.

Kinderpornografie-Prozess: 2009 war das Amtsgericht Senftenberg überzeugt, dass der suspendierte Landrat von Oberspreewald-Lausitz, Georg Dürrschmidt (CDU), kinderpornografische Bilder und Filme auf seinen Computer heruntergeladen hatte. Dürrschmidt, gegen den eine Geldstrafe verhängt wurde, bestritt die Vorwürfe. In einem Berufungsverfahren 2012 unterlag er erneut – obwohl der Beweis fehlte, dass er persönlich die Filme heruntergeladen hatte.

Prozess im Mordfall Wildenbruch: Nach sechs Verhandlungstagen wurde 2009 der Pole Leszek F. wegen des Mordes an dem 59-jährigen Walter G. zu lebenslanger Haft verurteilt. Er soll 1996 Walter G. mit drei Messerstichen getötet haben, um an sein Auto zu kommen. Doch weder am Tatmesser noch im Bungalow des Opfers fanden sich Spuren, die eindeutig F. zugeordnet werden konnten.

Doppelmord-Prozess: Der siebenfache Vater Klaus-Dieter W. soll 1997 seine damals 23-jährige Lebensgefährtin Heike und das gemeinsame viermonatige Baby Göran ermordet haben. Die Leichen werden im Sommer 2006 in einem Wald bei Frankfurt (Oder) gefunden. Urteil trotz fehlender Beweise: Lebenslange Haft. mak

Von Dagmar Simons

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Gericht setzt Angeklagte auf freien Fuß

Knapp sieben Monate nach Beginn des Mordprozesses um das Verschwinden der hochschwangeren siebzehnjährigen Maike Thiel ist eine der Angeklagten auf freiem Fuß. Das Landgericht Neuruppin setzte den Haftbefehle gegen die 60-Jährige aus Hennigsdorf außer Vollzug, sagte eine Sprecherin. „Das Gericht möchte dies jedoch nicht als Bewertung des Tatverdachts bewertet wissen“.

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