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OSV-Chef Ermrich zum Sparverhalten

Interview OSV-Chef Ermrich zum Sparverhalten

Verkehrte Welt: Wer dem Staat Geld leiht, muss dafür inzwischen sogar zahlen. Die Politik der Europäischen Zentralbank hat vieles auf den Kopf gestellt – und allein die deutschen Sparer geschätzt 140 Milliarden Euro gekostet. Michael Ermrich, der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV), erklärt in einem Interview, was er davon hält.

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OSV-Chef Michael Ermrich

Quelle: OSV

Potsdam. Verkehrte Welt: Wer dem Staat Geld leiht, muss dafür inzwischen sogar zahlen. Die Politik der Europäischen Zentralbank hat vieles auf den Kopf gestellt – und allein die deutschen Sparer geschätzt 140 Milliarden Euro gekostet. Michael Ermrich, der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV), erklärt, was er davon hält.

Herr Ermrich, ist EZB-Chef Mario Draghi der natürliche Feind der deutschen Sparer und Sparkassen, weil er jeden Monat Milliarden Euro in den Markt pumpt und inzwischen für Negativzinsen sorgt?

Michael Ermrich: Wir gehören nicht gerade zu den Befürwortern dieser Geldpolitik. Die ostdeutschen Sparkassen haben genügend Geld, um den Kreditwünschen nachzukommen. Für unsere Sparkassen ist Draghis Politik nicht notwendig. Und wenn nun durch die EZB sogar Darlehen von Unternehmen aufgekauft werden, in der vagen Hoffnung, damit die Konjunktur anzukurbeln, dann erhöht das den Druck auf die Sparkassen weiter. Denn die haben dann kaum noch Möglichkeiten, das Geld der Sparer rentierlich anzulegen.

Ist es nicht ein Treppenwitz, wenn man für Geld, das man einer Bank gibt, nun sogar Verwahrgebühren zahlen muss?

Ermrich: Es ist in der Tat die Umkehrung des bisherigen Weltbildes. Allerdings, wer jetzt Geld braucht, kann es sich günstig wie nie besorgen. Der Bundesfinanzminister etwa bekommt jetzt sogar noch Geld, wenn er sich welches leiht. Der Staat sollte also in dieser Situation sinnvoll investieren, in Infrastruktur und Bildung etwa. Anleger und Sparer allerdings haben das Nachsehen.

Schätzungen zufolge habe deutsche Sparer durch die Niedrigzinsen rund 140 Milliarden Euro verloren. Wie hoch sind die Verluste der ostdeutschen Sparer, die relativ viel sparen und wenig Kredite aufnehmen?

Ermrich: Es gibt darüber keine verlässlichen Angaben. Wichtig ist mir der Hinweis auf ostdeutsche Besonderheiten. Das Problem ist, dass wir durch die Struktur unserer Wirtschaft im Osten nicht genügend Kredite ausreichen. Die Investitionstätigkeit in vielen westdeutschen Ländern ist wesentlich höher. Wir beobachten auch, dass ostdeutsche Schuldner ihre Verbindlichkeiten bei den Sparkassen schneller abbauen.

Raten Sie denen, macht Schulden, gebt Geld aus, kauft?

Ermrich: Das tun unsere Kunden. Dazu bedarf es meines Rates nicht. Das Kreditwachstum im Bereich der gewerblichen Kunden beträgt im ersten Quartal diesen Jahres 17 und der Privatkunden 12,3 Prozent. Die Auftragsbücher des Handwerks sind gut gefüllt. Viele ergreifen jetzt die Chance und erwerben eine Immobilie oder sanieren Wohnungen und Häuser.

Fragen Sparkassenkunden nach Krediten für Elektroautos, die vom Staat bezuschusst werden?

Ermrich: Noch nicht. Das ist eher kein vorrangiges Geschäftsfeld der Sparkassen. Ich persönlich halte die Kaufprämie für Blödsinn, falsch und nicht zielführend. Viel wichtiger ist es, das Tankstellennetz für E-Mobile auszubauen.

Wo sollen Sparer jetzt ihr Geld anlegen, sind Aktien nicht unschlagbar?

Ermrich: Renditen sind immer an Risiken gebunden. Je höher die Rendite, um so höher das Risiko. Wir beraten unsere Kunden, wenn sie etwa in Aktienfonds gehen wollen. Das ist eine Geldanlage, die eher langfristig angegangen werden sollte. Wir raten zu einer breiten Streuung der Risiken.

1900 Projekte durch Stiftung gefördert

14,5 Millionen Euro haben die brandenburgischen Sparkassen und ihre Stiftungen für Aufgaben in Sport, Kultur und Gesellschaft im vergangenen Jahr zur Verfügung gestellt. In diesen Taten feiert die Ostdeutsche Sparkassenstiftung 20-jähriges Bestehen.

215 barocke Passionsbilder aus dem 18. Jahrhundert, die auf dem Dachboden des Klosters Neuzelle gefunden worden waren, hat die Stiftung etwa restaurieren lassen. Außerdem unterstützt die Stiftung die Brandenburgischen Sommerkonzerte.

Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte gestern auf einer Festveranstaltung in Leipzig, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung habe mit Engagement und Ideenreichtum „zum Wiederaufblühen der über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft in Ostdeutschland beigetragen“.

1900 Projekt wurden seit 1996 mit einer Gesamtsumme von rund 80 Millionen Euro unterstützt.

Als herausragende Projekte gelten das Singprojekt Belcantare in Brandenburg, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, das stiftungseigene Evelyn Richter Archiv im Museum der bildenden Künste Leipzig und das Glockenförderprogramm zugunsten der Dorf- und Stadtkirchen in Sachsen-Anhalt.

Hat der Brexit Auswirkungen auf die Sparkassen?

Ermrich: Unmittelbar eher weniger. Die Frage ist jedoch, ob es Verwerfungen bei den Großbanken gibt und ob die ausstrahlen auf die Landesbanken. Ich denke aber, dass die Folgen eines EU-Austritts Großbritanniens beherrschbar sind.

Ist es nicht solidarisch, wenn deutsche Sparkassen im Notfall für spanische oder griechische Banken einstehen müssen, wie die EU das mit dem Einlagensicherungsfonds vorhat?

Ermrich: Dass die EU die Entwicklung des gesamten Euro-Wirtschaftsraumes im Auge hat, ist in Ordnung. Doch die Frage ist doch, ob wirklich deutsche Sparer und Steuerzahler für notleidende Banken in anderen Euro-Ländern aufkommen müssen. Da sagen wir, genau wie der Bundesfinanzminister, ganz klar nein. Die deutschen Sparkassen verfügen bereits über eine funktionierende Einlagensicherung.

Das Geld ist billig wie nie, warum kassieren die Sparkassen dann trotz dieser Entwicklung horrende Zinsen von zehn und mehr Prozent auf Dispokredite?

Ermrich: Ich denke der Zinssatz wird auch noch sinken. Dennoch: Der Dispo ist dazu da, einen vorübergehenden Engpass zu überbrücken. Wer jedoch dauerhaft den Überziehungskredit in Anspruch nimmt, wird von uns beraten. Ihm werden andere Möglichkeiten aufgezeigt. Ich denke, der Dispozins erinnert auch daran, nicht mehr Geld auszugeben, als man hat.

Von Reinhard Zweigler

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