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Brandenburg Obdachlose im Winter: Nur noch Notbetten frei
Brandenburg Obdachlose im Winter: Nur noch Notbetten frei
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00:35 01.03.2018
In Berlin gibt es schätzungsweise 6000 Obdachlose – und in Brandenburg gibt es gar nicht erst Schätzungen. Quelle: dpa
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Potsdam

Kurz vor 13 Uhr sind die Tische in der Potsdamer Suppenküche hinter dem Rathaus spärlich besetzt. Eierkuchenduft liegt in der Luft. Ein Mann um die 50 nippt an seinem warmen Tee, legt die Hände um den Becher. Dann blickt er auf die Uhr, zieht sich an und verschwindet in die Kälte. 364 Tage gibt es in der Küche der Volkssolidarität Mittagessen in dem gut beheizten Raum, der einer Mensa gleicht. Wie viele Obdachlose kommen, liegt am Essen. „Und es liegt an dem Fahrweg vom Stadtrand in die Innenstadt. 4,20 Euro am Tag können sich die meisten gar nicht leisten“, sagt Einrichtungsleiter Peter Müller. Und die Armut, die Schicksale, sie würden ständig zunehmen. Allein in Potsdam leben derzeit rund 370 Menschen ohne eigene Wohnung.

Sabine Keinitz, Peter Müller, Robert Zechel und Angelika Kühn versorgen Obdachlose mit Essen in der Suppenküche hinter dem Rathaus in Potsdam. Quelle: Christin Iffert

Suppenküchen wie diese, Streetworker, Kältekammern und Obdachlosenunterkünfte haben in diesen Tagen und Nächten viel zu tun. Der Deutsche Wetterdienst sagt bis zum Wochenende Dauerfrost voraus – nachts werden Temperaturen unter minus 10 Grad erwartet. In der Landeshauptstadt gibt es neben Obdachlosenheimen zahlreiche Wohnungen, die durch die Stadt angemietet werden und Menschen zur Verfügung gestellt werden. In den kalten Monaten bis März finden Obdachlose vom späten Nachmittag bis morgens um 9 Uhr Schutz. „Die Kapazität ist erschöpft, einzig einige Notbetten sind noch frei. Dennoch wird niemand abgewiesen“, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow.

Berlin weitet Übernachtungsmöglichkeiten aus

Angesichts der klirrenden Kälte weitet Berlin sein Übernachtungsangebot für Obdachlose um 100 zusätzliche Betten in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof aus, sagte Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag. Mit nun insgesamt 1200 Plätzen kann die Kältehilfe in diesen Tagen so viele Menschen im Warmen unterbringen wie noch nie. Ursprünglich waren 1000 Plätze geplant.

Doch es gibt auch jene, die freiwillig auf der Straße bleiben. „Das ist in Ordnung, denn es ist die Entscheidung jedes einzelnen. Manche Menschen wollen die Hürde nicht nehmen, sich nicht eingliedern oder sie sind unglücklich über die gemeinsamen Unterkünfte und sind lieber für sich“, sagt René Schiweck. Gemeinsam mit Johanna Lütkehölter ist er als Streetworker der Creso Creative Sozialarbeit in Potsdam für die Menschen da. Nicht nur in diesen kalten Tagen, immer. Im Winter suchen sie gezielt Orte auf, an denen sie Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße finden, reichen Versorgungspakete, warme Getränke, aber auch Schlafsäcke und Isomatten.

Lebenssicherheit, Alkohol und andere Hürden

In Brandenburg stagniert die Zahl der Obdachlosen nach einer MAZ-Umfrage unter Kommunen und Städten, während sie in Berlin stark zugenommen hat. Viele Osteuropäer sind in der Hoffnung auf einen Neuanfang in die Hauptstadt gezogen. Das Phänomen kennt Streetworkerin Lütkehölter auch aus Potsdam. Die Arbeiter stießen hier auf Hürden, die sie letztlich zum Leben auf der Straße zwingen. Ohne Adresse oder Dokumente kämen sie aus dem Kreislauf schwer raus. Dazu kommt Alkohol. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt sie.

René Schiweck und Johanna Lütkehölter sind in Potsdam als Streetworker unterwegs und suchen die Begegnung mit Obdachlosen gezielt an Orten, wo sich Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße häufig aufhalten. Quelle: Christin Iffert

Dass die Berliner Obdachlosen nun nach Brandenburg ausweichen, ist nicht der Fall. Sie landen höchstens tagsüber mit den S-Bahnen an den Endstationen in Brandenburg. „Wir konnten bislang nicht beobachten, dass wohnungslose Menschen aus Berlin vermehrt in den Speckgürtel ziehen“, sagte Ina Zimmermann vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Im Gegenteil: Viele Menschen täten sich offenbar eher schwer damit, ihre angestammten Kieze zu verlassen, um beispielsweise in die Randbezirke der Stadt zu ziehen, sagte sie. „Wenn ich schon die Wohnung verliere und alles um mich herum wegbricht, dann gibt die eigene Stadt noch etwas Lebenssicherheit“, sagt Ariane Fäscher, Sprecherin der Stadt Hohen Neuendorf (Oberhavel). In der Stadt gäbe es gegenwärtig eine Hand voll Obdachlose, die in Pensionen untergebracht sind. In Oberhavel habe man das Problem der Obdachlosigkeit erkannt – die Kommunen untereinander sind längst im Gespräch. „Es gibt eine Versorgungslücke in Brandenburg und dringenden Handlungsbedarf. Nicht jede Stadt hat, wie wir oder Potsdam, gezielt Streetworker im Einsatz, die sich damit auseinandersetzen“, sagt sie.

Forderung nach einer Statistik über Obdachlose

In Berlin leben Schätzungen zufolge rund 6000 Menschen auf der Straße. Genaue Zahlen dazu gebe es nicht, betonte Breitenbach weiter. Allerdings solle noch in diesem Jahr mit der Erstellung einer solchen Statistik begonnen werden, damit „wir wissen, worüber wir reden und was wir brauchen“, kündigte die Linken-Politikerin an.

In Brandenburg wird man auf eine solche Statistik weiter warten müssen. Wie viele Menschen hier auf der Straße leben, ist unbekannt. Es gibt auch keine Schätzungen. Da es in Deutschland keine gesetzlichen Vorgaben für eine Obdachlosenstatistik gebe, fehle es in vielen Kommunen an entsprechenden Daten, erklärte Gabriel Hesse, Vizesprecher im Brandenburger Sozialministerium. Einzelne Gemeinden würden zwar entsprechende Zahlen zusammentragen, aber diese seien oft nur schwer vergleichbar. So würden in manchen Kreisen nur Personen in Obdachlosenunterkünften erfasst, in anderen Kreisen auch solche, die beispielsweise wegen einer Räumungsklage nur kurzzeitig obdachlos waren. Selbst Personen, die von Obdachlosigkeit bedroht waren, seien teils in entsprechende Statistiken eingeflossen, hieß es.

Prävention ist wichtig, damit es nicht zum Wohnungsverlust kommt

Das stößt bei der Diakonie auf Kritik. „Wir beklagen seit Jahren das Fehlen einer landesweiten Wohnungsnotfallstatistik“, sagte Expertin der Wohnungslosenhilfe Ina Zimmermann. Auch die Diakonie kann keine Schätzung vorlegen. Die Angebote der Obdachlosenhilfe würden in Brandenburg aber gut angenommen. Es sei wichtig, den Menschen im Vorfeld Hilfe anzubieten, dass es gar nicht erst zum Verlust der Wohnung komme. Das werde aber durch die fehlenden finanziellen Ressourcen erschwert. „Hier sind sowohl das Land als auch die Kommunen aufgefordert, sich stärker für die Belange wohnungsloser Menschen einzusetzen und ausreichende und bedarfsgerechte Angebote zu schaffen“, forderte Zimmermann.

Von Christin Iffert

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