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Oliver Günther kandidiert für zweite Amtszeit

Hochschulen Brandenburgs Oliver Günther kandidiert für zweite Amtszeit

Man kann den Präsidenten der Universität Potsdam kaum einen Feind der Wirtschaft nennen. Als Erfolg seiner Amtszeit nennt er zum Beispiel die vielen Ausgründungen aus der Hochschule. Doch der Mensch lebt auch von der Kultur – und lebt besser in gerechten Gesellschaften. Darum vertritt Günther nicht nur das Humboldtsche Bildungsideal, seit 1985 ist er auch Mitglied der SPD.

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Quelle: dpa

Potsdam. Man kann sich Oliver Günther nur schwer im T-Shirt vorstellen – und noch schwerer, dass er sich gar zu Werbezwecken in einem solchen ablichten ließe, wie es FDP-Chef Christian Lindner jüngst getan hat. In seinem öffentlichen Auftreten erscheint der 55-Jährige meist förmlich. Auch zu Hause trägt er, wie er der MAZ sagt, oft Jackett, dann aber immerhin gerne mit Jeans kombiniert.

Nicht nur Anzug bürgen für Seriosität, auch der Ton Günthers ist immer ein sachlicher, seine Sprache präzise. Dieser Günther kämpft im Akademischen Senat seit seiner ersten Amtsperiode von 2012 mit rationalen Argumenten etwa für eine Universität Potsdam, die noch mehr auf Forschung und Internationalität ausgerichtet und Impulsgeber für die regionale Wirtschaft ist. Nun stellt er sich dem Akademischen Senat zur Wahl für eine zweite Amtszeit.

Günther hat viel erreicht. Die zusätzlich erwirtschafteten Forschungsgelder, die Drittmittel, erreichten im Jahr 2015 mit 56,7 Millionen Euro einen Höchststand in der 25-jährigen Geschichte der Universität. Auf die Kooperation der Universität mit der Wirtschaft ist Günther stolz. Im Rekordjahr 2014 konnte die Uni Potsdam 55 Firmenausgründungen vermelden, teilt Potsdam Transfer, die Einrichtung der Universität für Gründungen, mit. Das sei zwar zwischenzeitlich zurückgegangen, sagt Mitarbeiterin Anne Frey, nehme dieses Jahre aber wieder an Fahrt auf. Diesen wirtschaftlichen Erfolg könne man vor allem im Wissenschaftspark Golm noch steigern: „Da ist noch viel mehr Musik drin“, sagt der Präsident.

Der um Effizienz bemühte Hochschulpräsident ist aber nicht der ganze Günther. Das wissen zum Beispiel Studierende, die im Januar regelmäßig zum Hochschulball gehen und ihn dabei als Einlage auch schon einmal stimmsicher den Song „Moon River“ intonieren hörten. Musisches spielte in der Stuttgarter Familie von Günthers Vater, dem Tanzhistoriker Helmut Günther, immer eine große Rolle. „Ich spiele auch ganz gut Klavier“, sagt Günther. „Das mache ich heute noch fast jeden Tag.“ Und früher habe er auch noch die Oboe gespielt. Da sei er nun etwas aus der Übung. Aber das Singen zum Beispiel sei ein ständiger Begleiter seines Lebens.

Oliver Günther ist also nicht nur asketischer Häuslebauer, obwohl er sich als gebürtigem Stuttgarter schon einige schwäbische Merkmale zuschreibt. „Ich würde mich schon als einen sparsamen Menschen beschreiben“, sagt er. Und auch heimatlichen Gerichten wie Linsen mit Spätzle sei er nicht abgeneigt. Vielleicht wirkte sich die den Schwaben zugeschriebene Nüchternheit auch auf sein Interesse an formalen Wissenschaften aus, das ihn, den mathematisch begabten Gymnasiasten, das Studium der Wirtschaftsingenieurwesens und der Mathematik an der Universität Karlsruhe wählen ließ. Später verlagerten sich allerdings seine Interessen mehr in Richtung Informatik und Computer. An der US-amerikanischen University of California von Berkeley promovierte er im Jahr 1987 in Computer Science. „Mir ist damals schon klar geworden, dass die Informatik die Gesellschaft völlig verändern wird“, sagt Günther. Es sei ihm wichtig gewesen, dazu seinen eigenen kleinen Beitrag zu leisten.

Dass diese Entwicklung heute manche als bedrohlich empfinden, kann Günther verstehen. Auch in seiner Zeit als Präsident der Gesellschaft für Informatik von 2012 bis 2014 habe er stets betont, dass Informatik immer mit Politik und Gesellschaft zusammengedacht werden müsse. Das Nachdenken über die Auswirkungen der Digitalisierung solle auch ein Pfeiler der jetzt neu gegründeten, aus dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) hervorgegangenen Digital Engineering Fakultät sein.

Dieses Denken in gesellschaftlichen Kategorien hat ihn 1985 dann auch zum Eintritt in die SPD bewegt. „Mich hat immer die Idee fasziniert, dass man mit Politik gesellschaftliche Prozesse gestalten und so mehr Gerechtigkeit und letztlich mehr Lebensglück schaffen kann.“ Willy Brandt und Helmut Schmidt nennt er als Vorbilder. Nicht zuletzt sei das Interesse an gesellschaftlicher Entwicklung auch die Motivation des damaligen Professors für Wirtschaftsinformatik an der Berliner Humboldt-Universität gewesen, sich 2011 für den Posten des Potsdamer Hochschulpräsidenten zu bewerben. Günther sieht sich dabei durch die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre bestätigt. Die Landesregierung habe den Haushalt aller acht brandenburgischer Hochschulen gesteigert, die Lehrerbildung in Potsdam werde stark von Bildungsforschung begleitet und nicht zuletzt sei jetzt „Digital Engineering“ als sechste Fakultät etabliert – womit die Uni wieder auf der Höhe aktueller Entwicklungen sei.

Letzteres sehen die Studierendenvertreter des Asta kritisch. Tilman Kolbe, Referent für Campuspolitik, sieht in der digitalen Fakultät eine allzu enge Verbrüderung des von der Universität zu erfüllenden staatlichen Bildungsauftrags mit der von Hasso Plattner verkörperten Privatwirtschaft. Eine Universität solle für Bildung als öffentlichem Gut stehen und nicht nur „Ausbildungsfabrik für den Arbeitsmarkt“ sein, so Kolbe.

Den Vorwurf der „Ausbildungsfabrik“ lässt Günther nicht stehen. „Natürlich haben wir auch eine Ausbildungsverpflichtung.“ Aber er sei zugleich immer ein Vertreter des Humboldtschen Bildungsideals gewesen und glaube fest daran, dass Forschung und Lehre sich befruchten müssten. Die Universität sei eingebunden in die Gesellschaft, die sie finanziere – und die wiederum bestehe aus Wirtschaft und Kultur. „Das ist für mich gleichermaßen wichtig“, so Günther.

Strategisch denkt Oliver Günther für eine nächste Wahlperiode weiter. Es scheine, dass die Universität Potsdam gemeinsam mit der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg und der privaten Medizinischen Hochschule Brandenburg eine neue Fakultät für Gesundheitswissenschaften errichten werde, sagte Günther jüngst. „Die Rahmenbedingungen dafür sind gut, man muss so eine Gelegenheit dann auch beim Schopfe packen.“ An der neuen Fakultät könnten medizinische Doktorgrade verliehen werden. Der Ausbau der Universität Potsdam zur Universität mit einer eigenen gesundheitswissenschaftlichen Ausbildung, das wäre ein mögliches Glanzlicht einer zweiten Amtsperiode.

Von Rüdiger Braun

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