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Orgelbauer Schuke expandiert nach China

Insolventes Traditionsunternehmen vor Rettung Orgelbauer Schuke expandiert nach China

Spektakuläre Wendung im Fall des insolventen Orgelbauers Schuke: Im Dezember musste die brandenburgische Traditionsfirma in die Insolvenz, weil Kunden aus Russland und der Ukraine Rechnungen schuldig geblieben waren. Doch jetzt zieht das Familienunternehmen alle Register – und expandiert nach Fernost. Hinter dem Deal steckt ein Orgelliebhaber aus China.

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Goldenes Handwerk: Schuke-Mitarbeiter Klaus-Michael Schreiber renoviert im Juli 2014 die Orgel des Brandenburger Doms.

Quelle: Foto: Julian Stähle

Potsdam. Partner, Investor, Mäzen: Matthias Schuke sucht noch nach den richtigen Worten für den Hoffnungsbringer aus Fernost. „Für uns ist das ein ganz, ganz positives Zeichen.“ Es ist erst ein paar Stunden her, dass die mutmaßliche Rettung des traditionsreichen Familienunternehmens bekannt wurde, das ohne eigenes Verschulden in eine bedrohliche finanzielle Schieflage geraten war. Seit einem halben Jahr muss der Orgelbauer Schuke in Werder an der Havel (Potsdam-Mittelmark) ein Insolvenzverfahren über sich ergehen lassen. Wenn alles nach Plan läuft, ist das international für sein Qualitätshandwerk geschätzte Unternehmen diese Sorgen bis zum Jahresende los.

Chinese investiert in Werderaner Familienunternehmen

Hinter der Schicksalswende für das taumelnde Traditionshaus steht ein ebenso vermögender wie kulturbeflissener Strippenzieher aus China: Wenji Zou. Der Geschäftsmann mit Technologie-Hintergrund besitzt mehrere Unternehmen und hat ein privates Faible für die Hochkultur: Seine Frau gilt in der Heimat als renommierte Pianistin. Am Mittwoch besiegelten Schuke und Zou eine langfristig ausgelegte Partnerschaft. Verbunden damit ist ein erster Auftrag über ein Volumen zwischen einer halben und einer Million Euro. Mit der Unterschrift sei bereits die erste Anzahlung fällig geworden, sagt Ulf Rittinghaus von der Centuros Unternehmensberatung in Potsdam. Der Experte ist von Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorff damit beauftragt, die Dienste des Orgelbauers auf den Weltmärkten anzubieten, damit schnellstmöglich wieder frisches Geld nach Werder fließt. Das Investment aus China sei ein „seriöse Geschäft“, betont Rittinghaus und spricht von einem „weiteren Meilenstein in Richtung der Wiederbelebung des Unternehmens“.

Es ist nicht die erste Erfolgsmeldung um Schuke in den vergangenen Tagen. Am Wochenende hatte Rittinghaus bekanntgegeben, dass der Orgelbauer um Großaufträge aus Lateinamerika buhle – um kurz darauf den Deal mit China zu verkünden. Jetzt sind sogar neue Aufträge aus Osteuropa möglich. Dabei hatte das Osteuropageschäft Schuke überhaupt erst ins Wanken gebracht. „Das Unternehmen hat in Russland und der Ukraine viel Geld verloren.“ Aber Unternehmensberater Rittinghaus lässt keinen Zweifel daran, sich nicht erneut leichtfertig um den verdienten Lohn bringen zu lassen. Im Unternehmensetat klafft derzeit eine Lücke über 600.000 Euro, weil Auftraggeber nicht zahlen konnten oder wollten. Den Werderaner Orgelbauer kamen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland offenbar teuer zu stehen.

Offene Rechnungen in sechsstelliger Höhe

Denn noch immer wartet eine Orgel auf ihren ersten Einsatz, die Schuke eigens für ein großes Hotel im russischen Scholkovo gefertigt hatte. Marktpreis: 400.000 Euro. Auch das ostukrainische Charkiw, das sich für seine Philharmonie eine Schuke-Orgel für gut 1,2 Millionen Euro bestellte, hat noch Zahlungsrückstände in sechsstelliger Höhe.

Jetzt hat Firmenchef Matthias Schuke aber guten Grund, nach vorn zu blicken – dank des China-Deals, den der in Shanghai ansässige Verband Mittelstand International am Dienstagabend öffentlich machte. Außerdem waren das Shanghai Business Center, die zentrale Anlaufstelle für chinesische Investoren in Potsdam, die Stadt Werder und die Havelauen Projekt Gesellschaft daran beteiligt, dass Schuke demnächst mehrere Orgeln nach China liefert. Abnehmer ist auf Betreiben von Wenji Zou die Universität Shanghai, nach Peking die zweitgrößte staatliche Hochschule des Landes.

„Die Universität will eine Orgelklasse eröffnen, aber dafür fehlten bisher die Lehrer“, berichtet Matthias Schuke. Der Orgelbauer zog alle Register und vermittelte den Chinesen einen Kontakt zu deutschen Orgellehrern. Ein gutes Geschäft für beide Seiten: Ab Oktober lernen die ersten zehn Studenten in Shanghai die Kunst des Orgelspiels – an einer neuen Übungsorgel brandenburgischen Fabrikats. Und auch das einst für Charkiw bestimmte millionenschwere Großinstrument hat in Shanghai einen neuen Abnehmer gefunden. Zudem soll der Firmenschriftzug auf den Trikots einer regionalen Auswahl junger Fußballtalente prangen, die im Sommer an einem internationalen Nachwuchsturnier teilnehmen.

Insolvenzverfahren vor dem Abschluss

In Werder hofft man, dass das Engagement aus Fernost von langer Dauer ist. „,Made in Germany’ zählt in China nach wie vor eine Menge“, erklärt Unternehmensberater Ulf Rittinghaus. „Tradition kann man nicht duplizieren.“ Die 195-jährige Firmengeschichte hat in China augenscheinlich einen großen Eindruck hinterlassen. Den 25 Beschäftigten bei Schuke, die auch nach Beginn des Insolvenzverfahren im Dezember 2014 allesamt ihren Job behalten konnten, wird die Arbeit also vorerst nicht ausgehen. „Das Planinsolvenzverfahren soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden“, sagt Rittinghaus. Behält der Unternehmensberater Recht, dann ist die endgültige Rettung von Schuke nur noch eine Frage der Zeit.

Zwei Jahrhunderte Orgelbautradition in Brandenburg

1820 gründete Gottlieb Heise in Potsdam das Unternehmern, das 1894 in den Besitz der Familie Schuke überging. Zwischenzeitlich als VEB Potsdamer Schuke-Orgelbau verstaatlicht, reprivatisiert Matthias Schuke den Betrieb 1990. Der bis heute amtierende Chef hatte 1974 als einfacher Mitarbeiter angefangen. Seit 2004 hat die Firma ihre Werkstätten in den Havelauen in Werder/Havel (Potsdam-Mittelmark).

Für seine internationale Kundschaft baut, restauriert und rekonstruiert Schuke Orgeln verschiedener Größen. Die einzeln gefertigten Gewerke sind unter anderem in den Kathedralen, Kirchen und Konzerthäusern Deutschlands, Italiens, Polens, Mexikos und Brasiliens zu finden. Über eine Schuke-Orgel verfügen etwa das Gewandhaus zu Leipzig, der Dom zu Magdeburg, die Kathedrale Zamora und der Dom zu Kaliningrad.

Von Bastian Pauly

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