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Ostdeutsche Schüler sind Mathe-Asse

Schulleistungsvergleich in Deutschland Ostdeutsche Schüler sind Mathe-Asse

Bisher gab es bei Schulvergleichen in Deutschland in der Regel ein klares Nord-Süd-Gefälle. Diesmal jedoch hängt der Osten den Großteil des Westens ab. Brandenburg landet sogar vor Bayern auf dem dritten Platz. Wenig erfreulich: Der Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Herkunft ab.

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Quelle: dpa

Berlin. Martina Münch schaut wie ein Schulkind, das jahrelang zur Nachhilfe geschickt wurde und den Eltern endlich die ersehnte „1-„ präsentieren kann. Die Bildungsministerin der SPD blickt freudig-gelassen auf die weiße Wand, auf die gleich die Ergebnisse geworfen werden. Sie weiß, was jetzt kommt. Seit Donnerstagabend ist ihr klar, dass sie einmal keine Prügel einstecken muss. Und dann beamt der Projektor die kleine Sensation in den Presseraum der Staatskanzlei: Brandenburg hat nicht versagt. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren schneiden die auf schlechte Noten programmierten märkischen Schüler bei einem Leistungsvergleich gut ab. Sehr gut sogar.

Am Freitag war Tag der Zeugnisausgabe. Nicht nur für die Schüler, sondern auch für die oberste Bildungspolitikerin des Landes. Seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Bildungsstudie im Dezember 2001 ist das Gesetz: Das Abschneiden der Bundesländer wird auch zur Nagelprobe für die jeweiligen Minister. Nicht nur das gesamtdeutsche Ergebnis bei Pisa war vor zwölf Jahren ein Desaster, speziell Brandenburg schnitt bei der Auswertung auf Bundesländerebene katastrophal ab: Vorletzter in Mathematik und Naturwissenschaften. Für den damaligen Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) war das miese Ergebnis der Märker ein Karrierekiller, Rücktrittsforderungen wurden laut. Reiche blieb, hatte seitdem aber einen schweren Stand.

Im Ministerium wurde extra eine Pisa-AG ins Leben gerufen, die einen Masterplan gegen die Bildungsmisere erarbeiten sollte. Die Zeit bis zum Abitur wurde auf acht Jahre verkürzt, Ganztagsschulen wurden ausgebaut, Begabungsklassen eingeführt, Leistungsstandards festgelegt, Lehrer fortgebildet, landesweite Vergleichsarbeiten eingeführt und Aufgabendatenbanken erstellt. Von Aktionismus sprachen viele, von hektischen Versuchen, sich vor der um sich greifenden Testeritis in deutschen Schulen zu wappnen.

Von der Pisa-Länderauswertung ist Deutschland inzwischen ausgestiegen. Am 6. Dezember werden die mit Spannung erwarteten neuen Ergebnisse des internationalen Vergleichs erwartet. Das Kräftemessen innerhalb der Republik wird mittlerweile vom ländereigenen Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin organisiert. Auf Grundlage der von den Kultusministern nach dem Pisa-Schock eingeführten verbindlichen Bildungsstandards wurden Aufgaben in den Fächern Mathe, Physik, Chemie und Biologie ausgearbeitet, die insgesamt 44.500 per Los ausgewählte Neuntklässler aller Schulformen innerhalb von dreieinhalb Stunden lösen mussten. Art und Bewertung der Aufgaben sind aber dem früheren Pisa-Test nachempfunden, sodass sich ein Vergleich zum Abschneiden vor zwölf und vor fünf Jahren ziehen lässt.
Ergebnis: Für die Katz war die Hatz nach besserer Bildung offenbar nicht. In den vergangenen Jahren hat sich Brandenburg kontinuierlich nach oben gearbeitet. Bildungssysteme sind träge, Reformen können sich nicht sofort auswirken. Die 15-jährigen Brandenburger, die im Vorjahr über den Aufgaben gebrütet haben, wurden 2003, nach dem Pisa-Schock, eingeschult. Sie sind demnach die ersten, die beweisen konnten, ob das Umsteuern in den Schulen in die richtige Richtung ging.

Ministerin Martina Münch sieht vor allem einen Grund für den Brandenburger Erfolg: 98,5 Prozent des Mathematik- und 96 Prozent des Biologie-Unterrichts seien fachgerecht erteilt worden. Im Bundesschnitt seien es nur 84 bis 90 Prozent gewesen. Ein Befund der Kultusministerkonferenz, der der Ministerin sehr zupass kommt, denn seit Jahren häufen sich in Brandenburg die Klagen über Unterrichtsausfall an den Schulen. „Mandala malen statt Mathe“, heißt es nach Beobachtung vieler Eltern oft, weil Lehrer reihenweise ausfallen und ewig kein Ersatz organisiert werden kann. Allerdings trifft das Problem eher die Kleinen: Die Grundschulen sind besonders von krankheitsbedingten Lehrerausfällen gebeutelt. Die Jüngeren, die eigentlich auch längst von den Reformen profitieren müssten, haben’s dementsprechend noch nicht so mit dem Rechnen: Beim jüngsten Grundschulvergleich der Länder landete Brandenburg in Mathematik nur auf einem schlechten 11. Platz.

Was also sind die Tests wert, was sagen sie wirklich aus über den Wissensstand der Kinder? Es gibt Kritiker, die solche standardisierten Leistungsmessungen als unnötig ablehnen. Zu ihnen gehört Thomas Jahnke, Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Potsdam. Seine These: „Die Sau wird vom Wiegen nicht fetter. Aber sie lernt, sich schwer zu machen.“ Soll heißen, die Schüler werden speziell für die Testaufgaben getrimmt. Sie lernen für die Leistungsvergleiche und weniger fürs Leben – zur Freude der Test industrie, die gut an der Nach-Pisa-Panik verdiene.

Skeptisch ist auch Horst Wendland, Chef des Landesvereins zur Förderung mathematisch-naturwissenschaftlich-technisch interessierter Schüler. „Ich bezweifle, dass diese Rankings viel über die tatsächlichen Fähigkeiten der Schüler aussagen“, sagt der Mathematiker. Er fühle sich dabei an den DDR-Filmklassiker „Die Heiden von Kummerow“ erinnert. Ein Schüler kommt freudestrahlend zu seinem Vater und sagt: „Ich bin Klassenbester!“ Der Vater: „Wieso? Waren die anderen noch dümmer als du?“
Bildungsstaatssekretär Burkhard Jungkamp – seit 2005 im Amt und damit rankingerprobter als seine Ministerin – fängt solche Spitzen mit einem schulbübischen Grinsen ab. „Wenn wir vor Bayern liegen“, sagt der Nordrhein-Westfale und seine Mundwinkel wandern noch ein Mü höher als die von Martina Münch, „dann können wir so schlecht nicht gewesen sein.“

Von Marion Kaufmann

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