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Pädophiler geht offen seiner Neigung nach

Polizei und Innenministerium in Brandenburg machtlos Pädophiler geht offen seiner Neigung nach

Vorbestrafter Pädophiler lauert Kindern auf, küsst und streichelt einen Fünfjährigen und will weiterhin Kindern nachstellen, um seine Lust zu befriedigen. Polizei und Innenministerium wissen davon, finden aber keinen Weg, den 45-Jährigen abzuhalten. Zwei Unbekannte haben jetzt zur Selbstjustiz gegriffen.

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Brandenburg an der Havel. Schwer zu glauben, aber wahr: Ein einschlägig vorbestrafter pädophiler Mann lauert wiederholt Kindern in Brandenburg an der Havel und Potsdam auf, er küsst und streichelt einen Fünfjährigen. Er will erklärtermaßen weiter Kindern nachstellen, um seine Lust zu befriedigen. Die Polizei und das Innenministerium wissen davon, finden aber keinen Weg, den 45 Jahre alten Frührentner zuverlässig von Übergriffen auf Kinder abzuhalten.

Sven Moris * hat sich der MAZ offenbart. Der HIV-positive Drogenkonsument, der seit Februar in Brandenburg an der Havel lebt, bekennt sich offen dazu, pädophil zu sein, die Nähe zu Kindern zu suchen, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie nach Möglichkeit in seine Wohnung zu locken. Denn er will sie fotografieren, küssen, streicheln, sich dabei befriedigen. Nur „richtigen Sex mit Kindern, Anal- und Oralverkehr“, lehne er ab, sagt er.

„Ich wohne günstig, an meinem Haus kommen viele Kinder vorbei zur Grundschule oder in den Kindergarten“, erzählt Sven Moris. „Ich fotografiere sie alle.“ Wegen der Verbreitung von Pornografie und Kinderpornografie hat das Amtsgericht Mainz ihn 2007 zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er musste die Strafe in der JVA Frankfurt-Preungesheim verbüßen, weil er in der Bewährungszeit Inserate „für Kinderbetreuung“ aufgegeben und ein Mädchen in Darmstadt so belästigt hatte, dass ein Strafbefehl wegen Nötigung erlassen wurde. Im Rhein-Main-Gebiet sei es für ihn als Junkie und bekannten Pädophilen schwierig geworden, eine Wohnung zu finden, erzählt Sven Moris. Daher sei er nach Brandenburg an der Havel gezogen.

Der MAZ liegen Unterlagen vor, die belegen, dass er kein Maulheld ist, sondern krank, sehr krank – und gestört. Er lebt erst ein halbes Jahr in Brandenburg und schon laufen Ermittlungen wegen Kinderpornographie und weil er Kindern nachstellt.

Wer ist Sven Moris? Dieter K. L. Marquetand arbeitet als psychiatrischer Sachverständiger in Strafverfahren. Er hat Moris begutachtet. Der sei „unter sehr ungünstigen Bedingungen“ aufgewachsen. Der trunksüchtige Vater missbrauchte seinen Sohn mehrfach die Woche, bis der im Alter von 16 flüchtete. Er verdiente sein Geld als Stricher im Frankfurter Bahnhofsviertel und verfiel dem Heroin. Moris erlebt sich laut Gutachter in sexueller Hinsicht als 12-Jähriger. Aus dieser Position heraus wünsche er sich eine „Beziehung“ zu einem noch jüngeren Kind. Im Übrigen sei er ein intelligenter, aber eben unreifer Mensch, der sozial randständig ist und mit seiner Neigung nicht zurecht kommt.

Daran änderten auch zahlreiche Krankenhausaufenthalte nichts. Moris hat sogar eine chirurgische Kastration an sich vornehmen lassen. Doch auch ein solcher Eingriff löst nicht alle Probleme. „Die Orientierung auf Kinder bleibt erhalten, aber das Verlangen lässt meist stark nach bei Kastration“, sagt Professor Hans-Ludwig Kröber, Chef des Instituts für Forensische Psychiatrie der Berliner Charité.

Die Polizei hat Moris wiederholt ermahnt, weil er etwa vor Kindergärten und auf Spielplätzen Kontakt zu Jungen und Mädchen im Alter zwischen drei und sieben Jahren sucht: In Brandenburg an der Havel tat er es wiederholt zwischen Mai und Juli und am 28. Mai in Babelsberg vor der Kita St. Antonius, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohnung von Ministerpräsident Matthias Platzeck – dort sprach er ein kleines Mädchen an.

Zu all diesen Vorgängen gibt es so genannte „Gefährderansprachen“, das ist der erhobene Zeigefinger der Polizei. Doch damit gelingt es ihr nicht, Moris davon abzuhalten, Kinder anzusprechen. Spürbare Konsequenzen sind damit auch nicht verbunden.

Erschütternd sind die Bemühungen des sexuell gestörten Mannes um einen fünf Jahre alten Jungen, der mit seiner Familie in Brandenburg auf dem Görden lebt. Er umgarnt das Kind mit Geschenken, einem piepsenden Vogel und einer Spongebob-DVD, sowie mit Papieren, die er „Liebesbriefe“ nennt und im Briefkasten der Familie hinterlässt oder ans Fahrrad des Jungen hängt. Sechsmal habe er den Kleinen allein draußen getroffen, ihn geküsst und umarmt, erzählt Moris. Leider sei es ihm noch nicht gelungen, das Kind in der Wohnung zu empfangen. Auch habe es noch nicht geklappt, dessen kleine Schwester anzulocken, obwohl er eher auf Mädchen als auf Jungen stehe, wie er freimütig bekennt.

Am 11. Juni verhängte die Polizeidirektion ein „Kontaktverbot“ gegen Sven Moris. Er darf sich dem Jungen nicht mehr nähern und keinerlei Kontakt zu Kindern bis zum Alter von 14 Jahren aufnehmen. Das Verbot begründet die Polizei gegenüber Moris schriftlich damit, dass „Sie derzeit gezielt den Kontakt zu Kindern suchen, um in der Folge sich die Gelegenheit zu verschaffen, sexuelle Handlungen an diesen vorzunehmen oder von dem Kind an ihnen oder sich selbst vornehmen zu lassen.“ Die Wirkung des Verbots ist gleich Null, wie 2010 bei einem ähn lichen richterlichen Beschluss aus Darmstadt.

Die Mutter des Brandenburger Jungen wandte sich ans Familiengericht und erwirkte vor zwei Wochen den Beschluss, dass Moris einen Abstand von 50 Metern zu ihrem Kind einhalten muss und ihm auch nicht schreiben oder ihn anrufen darf. Die angedrohte Strafe: ein Zwangsgeld. Auch dieses Schwert ist stumpf. Sven Moris hat den Jungen erneut beschenkt – folgenlos. Warum tut die Polizei so wenig?

„Der Mann ist uns bekannt“, bestätigt Inspektionsleiter Mathias Tänzer. Es gebe eine „ziemlich dichte Kontrolle“, die mit dem sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Brandenburg abgestimmt sei. Doch ein ausreichender Grund ihn festzunehmen und einzusperren, liege bisher nicht vor. Dauerhafte polizeiliche Maßnahmen oder eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung sind laut Tänzer nicht möglich. Moris steht nicht unter Bewährung und unterliegt nicht der Führungsaufsicht. Einschreiten könne die Polizei nur bei „unmittelbar bevorstehender Tatbegehung“.

Das ganze Drama gerät offenbar außer Kontrolle. Zwei Unbekannte haben das Gesetz selbst in die Hand genommen. Sie klingelten am Dienstag bei Sven Moris, gaben sich als Kripo-Beamte aus. Er öffnete die Tür und wurde krankenhausreif geschlagen.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus will nun „schnell“ ein neues Gutachten anfordern. „Geklärt werden muss die Frage der Gefährlichkeit“, sagt Behördensprecherin Petra Hertwig. Auf der Basis könnten sich neue Möglichkeiten ergeben einzuschreiten.

Von Jürgen Lauterbach

(*Name geändert)

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Erneut haben Unbekannte versucht, einen pädophilen Mann in Brandenburg/Havel anzugreifen, der sich dazu bekennt, die Nähe von Kindern zu suchen. Der 45-Jährige alarmierte die Polizei. Freiwillig ließ er sich dann in die Psychiatrie bringen. „Am liebsten würde ich gar nicht mehr raus“, sagt er der MAZ.

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