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Parlamentarier-Expedition ins Lausitzer Revier

Brandenburger und Berliner Abgeordnete tagen gemeinsam Parlamentarier-Expedition ins Lausitzer Revier

Der Berliner denkt nur vom Stecker bis zur Steckdose, sagen die einen. Und die Brandenburger sind beim Thema Braunkohle betriebsblind, entgegnen die anderen. Wenn es um die Konsequenzen der Energiewende geht, sind Berlin und Brandenburg gespalten. Welche Zukunft hat die Braunkohle? Um sich ein Bild zu machen, reisten Parlamentarier beider Länder ins Lausitzer Revier.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Großräschen. Das Seehotel steht schon, das zugehörige Gewässer ist noch im Werden begriffen. Der Großräschener See (Oberspreewald-Lausitz) legt mit jeder Sekunde fünf Badewannenfüllungen an Wassermenge zu. Seit 2007 läuft die Flutung, in sechs, vielleicht sieben Jahren soll die einstige Tagebaugrube ein strahlendblauer Touristenmagnet sein.

Nicht nur wegen des ungemütlichen Wetters braucht es für diese Vision schon einiges an Fantasie, als die Parlamentarier des Brandenburger Landtags und des Berliner Abgeordnetenhauses am künftigen Seeufer in die Reisebusse steigen. Früher rollten hier die Abraumbagger. „Der rote Klinker für den Wiederaufbau des Roten Rathauses kam aus Großräschen“, erzählt Sören Hoika. Der 34-Jährige führt sonst Touristen durch die zerklüftete Landschaft, mit jedem Jahr werden es mehr. Er ist einer der ersten, die für die Zeit nach dem Kohleausstieg gerüstet sind.

Das Lausitzer Seenland funkelt am Horizont, mittendrin rauchen die Schlote des Kraftwerks Schwarze Pumpe. Es ist kein alltäglicher Ausflug, zu dem die Abgeordneten gestern in der Lausitz angetreten sind. Die Mitglieder von fünf Ausschüssen aus zwei Bundesländern sind gekommen, um sich vor Ort ein Bild von der Zukunft des Braunkohlereviers zu machen.

Was hatte es im Vorfeld des Zwei-Länder-Gipfels nicht alles für Streitereien gegeben. Das Verständnis der Berliner für die Energiepolitik reiche nur vom Stecker bis zur Steckdose, erzählte man sich in Brandenburg, halb im Spaß, halb im Zorn. Während man in der Bundeshauptstadt die Braunkohle für abkömmlich hält, ist in der Mark die Furcht groß, dass die Lausitz zum Entwicklungsland verkommt, wenn man den schmutzigen Kraftwerken den Stecker zieht.

Also prallen während der Tour entlang der Krater des Welzower Tagesbaus zwangsläufig Welten aufeinander: Berliner und Brandenburger, Kohlegegner und -befürworter, Menschen, die bei Vattenfall ihr Geld verdienen und solche, die sich erbittert gegen die Abbaggerung ihrer Heimat wehren. „Wir sind verkauft worden“, ruft ein Mittfünfziger aus Welzow, der sich an der Aussichtsplattform unter die Polit-Ausflügler gemischt hat und gegen die Erweiterung des Tagebaus protestiert. Zum Ausreden kommt er nicht – denn Welzow ist gespalten. „Wir wohnen seit 78 Jahren hier“, entgegnet ein älteres Ehepaar, das lieber heute als morgen umsiedeln würde. „Wir wollen endlich Klarheit.“ Ein Nachbar, 73 , erzählt, er habe schon vor Jahren ein neues Grundstück gekauft. Neu bauen konnte er noch nicht, die Verhandlungen mit Vattenfall ziehen sich hin – weil im Ort Uneinigkeit herrscht, Vattenfall vor dem Verkauf steht und die Kohlezukunft ungewiss ist. Und weil die große Politik mit Gedankenspielen wie der Klimaabgabe immer neue Unsicherheit stiftet.

Jahrzehnte alte Industriekultur hier, verlorene Heimat da, Tausende Jobs auf der einen, zerfurchte Landschaften und Umweltschäden auf der anderen Seite – viel Stoff für die länderübergreifende Parlamentarierrunde, die nach der Revierexpedition im Seehotel tagt. Man einigt sich auf eine Fortsetzung in Berlin und gibt sich versöhnlich, womöglich auch, weil die Tour eine erdverbundene war. In Welzow sahen die Politiker viele leerstehende Häuser. Wie sähe es nur ohne die Braunkohle aus?

CDU-Mann Raik Nowka mit Wahlkreis in und um Welzow weiß um die Befindlichkeiten, die schon vor Ort unvereinbar scheinen. „Das Ziel muss sein, Schritt für Schritt aus der Braunkohle auszusteigen, und dass es für Investoren trotzdem verlässliche Rahmenbedingungen gibt.“ Ja zum Strukturwandel, nein zu einer Renaissance der 90er Jahre. Damals gingen neun von zehn Jobs verloren. In der Lausitz wird man das so schnell nicht vergessen.

Von Bastian Pauly

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