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Planenschlitzer machen Brandenburg unsicher

Lkw-Fahrer in Sorge Planenschlitzer machen Brandenburg unsicher

Die MAZ mit der Autobahnpolizei im Nacht-Einsatz: Die Angst auf den Rastplätzen in Brandenburg wächst. Planenschlitzer treiben ihr Unwesen. Die Polizei scheint machtlos. Manche Lkw-Fahrer greifen jetzt in die Trickkiste, um den Dieben zu signalisieren, dass es nichts oder wenig zu holen gibt.

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Julian Stähle

Potsdam. Von einer Charge fabrikneuer Elektrofahrräder bis zum Päckchen Kaffee – die ominösen Planenschlitzer, die in Westbrandenburg nachts die Autobahnrastplätze unsicher machen, nehmen so ziemlich alles. Sechs Paletten Windeln luden Unbekannte Ende Oktober von einem Lastwagen abgeladen, der auf dem Parkplatz Wendgräben an der A2 stand, 20 Kisten Whiskey wechselten wenige Tage zuvor ebenfalls auf einem Rastplatz an der A2 unbemerkt den Besitzer.

Organisierte Banden haben auf den Autobahnen A2, A9 und A10 seit Jahresbeginn mehr als 900 000 Euro Schaden angerichtet. Wendgräben, Temnitz, Schieferberg, Schwielowsee/Caputh – das sind laut Sven Mutschischk, Kripo-Leiter bei der Direktion West, die gefährlichsten Autobahnparkplätze für rastende Fernfahrer. Dazu kommen die Raststätten Buckautal Nord und Süd sowie Michendorf Nord. Seit einem Jahr hat die Polizei den nächtlichen Seriendiebstahl verstärkt in den Blick genommen, gestern zogen die Ermittler Jahresbilanz. 13 Festnahmen konnten die Fahnder im laufenden Jahr verbuchen. Zwar sind alle Tatverdächtigen wieder auf freiem Fuß, doch wissen die Kriminalisten jetzt, mit wem sie es zu tun haben: Mit organisierten Banden, die von polnischem Territorium aus operieren – alle Verhafteten kamen aus dem Nachbarland.

Die Polizei, wie hier im Bild, ist auf den Rastplätzen unterwegs

Die Polizei, wie hier im Bild, ist auf den Rastplätzen unterwegs.

Quelle: Julian Stähle

Die Zahlen sind alarmierend: Bei mehr als 300 Lastwagen wurden die Planen seit Jahresbeginn beschädigt, in 60 Nächten schlugen die Gruppen zu. Immerhin zeigt der erhöhte Fahndungsdruck offenbar Wirkung: Für 2015 meldete die Polizeidirektion etwa 600 Fälle.

Ein Spähtrupp, ein Verladetrupp und weg ist die Ladung

Arbeitsteilig gehen laut Polizei die Täter vor: Eine Vorhut späht die nachts bis auf die letzte Stellfläche besetzten Rastplätze aus, indem die Täter unbemerkt sichelförmig in die Planen der Lastwagen schneiden. Mit Hilfe von Endoskopkameras, wie sie Autowerkstätten zur Suche nach Roststellen benutzen, sichten die Späher die Ladung. Für 60 Euro kann man solche Apparate im Discountmarkt kaufen. Lagert unter dem Überwurf Wertvolles, rückt ein etwa fünf Mann starker Verladetrupp mit einem Transporter an. „Die Fahrer merken nichts, sie schlafen oft tief – sei es wegen der Lenkzeiten oder weil sie zum Feierabend ein Glas getrunken haben – außerdem ist es laut an der Autobahn“, sagt Kriminaldirektor Mutschischk.

Versicherungsunternehmen hätten besorgt nachgefragt, ob die Trucker nicht eventuelle eingeweiht sein könnten in den Beuteplan, berichtet Mutschischk. Dafür gebe es aber keinen Anhaltspunkt.

Der Lkw-Fahrer-Trick

Die Opfer sind meist ausländische Speditionen, sagt Chefkriminalist aus Brandenburg. Deutsche Fuhrunternehmen meiden die riskanten Stellplätze. Wer auf die Nachtlager angewiesen ist, greift nicht selten zu Abwehrmaßnahmen. „Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Fahrer ihre Ladeklappen offen lassen, um zu zeigen: Hier gibt es nichts zu holen“, sagt Klaus-Dieter Martens vom Verband Verkehr und Logistik Berlin Brandenburg. Ansonsten gelte die Devise: „Einen hellen Platz suchen und das Fahrzeug nicht verlassen“, so Martens. Viele Fernfahrer, die im Berliner Umland übernachten müssten, suchten zum Beispiel gezielt einen Rastplatz nahe dem Güterverteilzuentrum Großbeeren (Teltow-Fläming) auf, weil dort eine Tankstelle 24 Stunden lang geöffnet sei und der Platz gut beleuchtet.

Täter schlagen vor allem unter der Woche zu

West-Brandenburg verzeichnet mit rund 370 Fällen seit Januar (komplettes Vorjahr: 600) die meisten Planenschlitzer-Attacken. Tatzeiten sind in der Mehrzahl der Fälle die Nächte unter der Woche. An Wochenenden war es bislang relativ ruhig.

Die Dunkelziffer ist jedoch hoch, weil die Löcher in den Planen oft nicht auffallen. Bemerkt der Fahrer später den Schaden, kann er nicht mehr einordnen, wo die Tat sich zugetragen hat.

Diesel-Diebstahl wird nach Polizeiangaben teilweise von denselben Tätern begangen wie das Plündern der Ladeflächen. Der Polizei gelang es zuletzt, einen mit eingebauten Extra-Tanks versehen Transporter zu konfiszieren. 1400 Liter Treibstoff haben große Lastwagen nicht selten an Bord. Deshalb lohnt sich Diesel-Diebstahl – ein Liter kostet an der Zapfsäule etwa 1,10 Euro.

1 95 Kilometer Autobahn liegen in Westbrandenburg, dem Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion West. Zur Überwachung dieser Strecken stehen der Autobahnpolizei nach MAZ-Informationen vier Streifenwagen zur Verfügung.

Von Ulrich Wangemann

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