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Brandenburg Plötzlich Abgeordnete
Brandenburg Plötzlich Abgeordnete
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15:09 25.04.2018
Arbeitsplatz mit guter Aussicht: Die neue märkische Abgeordnete Jana Schimke (CDU) war gestern schon zur Kennenlernrunde im Berliner Bundestag. Quelle: Britta Pedersen
Berlin

Jana Schimke hat nicht viel Zeit. Sie will nicht zu spät kommen an ihrem ersten Tag. Gerade ist große Pause. Den „Klassensprecher“ haben sie schon gewählt. Michael Stübgen ist neuer und alter Landesgruppenchef der neun Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordneten, erzählt sie. Eine Kennenlernrunde gab es am Abend zuvor schon im Landesvorstand. Jeder Abgeordnete nennt seinen Namen und erzählt zwei Sätze über sich, obwohl sie sich eigentlich alle schon kennen. Jetzt gibt es gleich noch eine Sitzung und dann, um 18 Uhr, die Einführung – „der Abgeordnete als Arbeitnehmer“, eine Art Crashkurs für Bundestags-Debütanten.

„Es ist wie bei der Einschulung“, sagt Jana Schimke, mit 34 Jahren das Nesthäkchen der neuen märkischen CDU-Abgeordneten. „Ein neuer Lebensabschnitt“, sagt sie. Ziemlich aufgeregt sei sie gewesen gestern Morgen, vor ihrem ersten Besuch im Berliner Reichstag, auch wenn es nur ein Schnuppertag mit Gästekarte ist, bevor sich der 18. Deutsche Bundestag konstituiert und sie ihr Büro im Paul-Löbe-Haus beziehen wird.

Zuletzt hat die Politikwissenschaftlerin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände gearbeitet. Dass sie nun Volksvertreterin ist, ist eine kleine Sensation. Die bislang weitgehend unbekannte Politikerin hat am Sonntagabend im Wahlkreis 62 Dahme-Spreewald/Teltow-Fläming die prominente SPD-Favoritin Tina FischerBrandenburgs Landesvertreterin beim Bund – hinter sich gelassen. Neun von zehn Direktmandaten hat die CDU in der Mark insgesamt geholt. Vier der Mandatsträger sind Bundestags-Neulinge wie Jana Schimke, mit denen keiner gerechnet hatte. Insgesamt ziehen zehn Brandenburger erstmals ins Parlament ein.

Zwei Tage nach der Bundestagswahl sitzt Jana Schimke im Café „Die Eins“ neben dem ARD-Hauptstadtstudio mit Blick auf die Spree und wartet auf ihren nächsten Termin im benachbarten Bundestagsgebäude. Das Cottbuser Mädchen zwischen Hauptstadtjournaille, alten Politikhasen und irgendwelchen wichtigen Menschen, die als Tagesgericht Schweinekotelett mit Tomaten-Thymian-Chutney bestellen und Sätze sagen wie „Man kann doch die Merkel nicht quälen“, „Also die Angie, ja“ und „In meinem Freundeskreis haben alle SPD gewählt“. Jana Schimke trinkt nur ein Mineralwasser und sagt Sätze wie „Man muss sich gleichwohl dafür einsetzen, dass bessere Löhne gezahlt werden“, „Die Wende war ein großer Gewinn“ und „Der Erfolg hängt eng mit Angela Merkel zusammen.“ Sie ist immer noch im Wahlkampfmodus, so, als hätte sie noch gar nicht ganz realisiert, dass sie keine Stimmen mehr sammeln muss.

„Ich habe mit Inhalten überzeugt“, sagt sie dann und grinst dabei ein bisschen, wohlwissend, dass sie nach Dagmar Enkelmann (Linke) schon als Brandenburgs nächste Miss Bundestag gehandelt wird. „Das stört mich nicht“, sagt sie. Im Wahlkampf habe sie sogar Fanpost bekommen und Autogramme schreiben müssen. Hinterher sei sie gefragt worden, ob sie noch Plakate übrig habe, weil sie darauf so gut aussehe. „Ist doch nicht schlimm, wenn man Komplimente bekommt“, sagt Jana Schimke – solange auch die Inhalte rüberkommen. In den Ausschuss für Arbeit und Soziales würde sie gerne gehen, das seien ihre Themen, wobei sie nicht immer auf Linie mit ihrer Partei sei, in die sie vor zehn Jahren eingetreten ist. Das Betreuungsgeld etwa lehnt sie ab, vielmehr müsse in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf investiert werden. Die Frage, ob sie selbst Kinder möchte, beantwortet sie hingegen nicht mit „Ja“ oder „Nein“, sondern mit „wir erleben in Deutschland einen Bewusstseinswandel“. Das kleine Einmal eins des Ausweichens beherrscht die Abgeordnete schon ganz gut.

Jana Schimke, keine 1,65 m und zierlich, wirkt nicht klein zwischen den politisierenden Caféhausgranden. Man merkt, dass ihr das Terrain nicht ganz neu ist. Sie war hier schon in der Vorschule. Während ihres Studiums in Dresden und Berlin hat sie ein Praktikum im Bundestag gemacht, von 2002 bis 2006 für Abgeordnete der Unionsfraktion gearbeitet. Auch neue Garderobe muss sie sich nicht zulegen. Jana Schimke trägt ein redepulttaugliches Kostüm mit knielangem Rock und Spitzentop. „Ich könnte eher mal eine Jeans gebrauchen“, sagt die 34-Jährige, die gerne Inline-Skates fährt und die Biografien von Hillary Clinton und Hannelore Kohl zu ihren Lieblingsbüchern zählt.

Ihr Lebensgefährte, ebenfalls CDU-Mitglied, unterstütze sie, auch wenn jetzt sicher noch weniger Zeit für Privates bleibt. Auch ihre Eltern in Cottbus – die Mutter Verwaltungsangestellte, der Vater Kraftfahrer – fänden es gut, dass die Tochter jetzt im Bundestag ihre Brötchen verdient. Nach Berlin zu ziehen kommt für Jana Schimke nicht infrage. „Brandenburg ist mir lieber“, sagt sie, „man muss auf dem Boden bleiben.“ Derzeit wohnt sie in Nuthetal (Potsdam-Mittelmark), plant aber, in ihren Wahlkreis zu ziehen. Auch wo sie ihre Wahlkreisbüros einrichten will, muss sie sich nun überlegen.

Die blassrosa lackierten Fingernägel trommeln dezent auf die Tischdecke. Jana Schimke muss zurück in den Bundestag. Der Crashkurs wartet. In hochhackigen Lackschuhen tritt sie in den Regen. Ihre Pfennigabsätze geraten ins Rutschen, sie fängt sich sofort. Das Berliner Pflaster beherrscht die Neue schon ganz gut.

Von Marion Kaufmann

» MAZ-online.de/wahl2013

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