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Pogida-Chef Müller ist bereits 16-mal verurteilt

Potsdams rechte Szene Pogida-Chef Müller ist bereits 16-mal verurteilt

Der Anführer der Pegida-Demonstrationen in Potsdam, Christian Müller, zieht Konsequenzen aus seinem problematischen Verhältnis zu Recht und Gesetz. Er will nicht länger Chef sein. Müllers kriminelle „Karriere“ ist lang. Die Chancen, die der Rechtsstaat ihm bot, hat er nie genutzt.

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Christian Müller, Pogida-Chef in Potsdam

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Die Pogida-Abendspaziergänge will er weiter anführen, doch nicht mehr als Chef – und Christian Müller (32) versprach am Montag noch dies: „Ich will der Staatsanwaltschaft zeigen, dass ich fähig bin, an mir zu arbeiten.“ Das dürfte man in der Strafverfolgungsbehörde mit Skepsis hören. Denn Müller ist seit 2003 nicht weniger als 16-mal von deutschen Gerichten verurteilt worden.

Der Mann, dem anfangs 300 Potsdamer hinterher liefen, ist ein Intensivtäter: Körperverletzung, Betrug, Waffenbesitz, Schwarzfahren, Beleidigung, Missbrauch von Notrufen, Trunkenheit am Steuer etc. Fünfmal musste er in Haft – insgesamt drei Jahre und zwei Monate. Ein Jahr und drei Monate war er zusätzlich in einer Entziehungsanstalt untergebracht.

Die möglichen Nachfolgerinnen

Fraglich ist, wie es mit den Pogida-Demonstrationen weitergeht, wenn Müller nicht mehr als Veranstaltungsleiter zur Verfügung stehen sollte.

Als Nachfolgerin in Frage kommt Müllers Ehefrau Anika K. Die in Berlin lebende K. übernahm schon in der Vergangenheit administrative Aufgaben für Müller. So trat sie im sozialen Netzwerk Facebook als Vertreterin ihres Mannes auf und betreute den Internetauftritt beim zweiten Demo-Versuch im Januar. Anika K. war regelmäßige Besucherin der Berliner Bärgida-Veranstaltungen. Zudem ist sie auf mehreren Pressefotos bei Demonstrationen mit einem Transparent des rechtsradikalen Blogs „Politically Incorrect“ zu sehen.

Als eine weitere Vertraute und mögliche künftige Pogida-Frontfrau Müllers muss Daniela W. gelten. Die Potsdamerin fungiert als Pressesprecherin für den hiesigen Ableger der Islamfeinde; von sich reden machte W. allerdings nicht nur mit politischen Äußerungen im Internet und als Pogida-Rednerin am Hauptbahnhof. Ihre Profile auf verschiedenen Online-Plattformen zeigen – frei zugänglich – die Neupolitikerin auch als kiffendes Erotikmodell in ihrer Wohnung im Potsdamer Stadtteil Zentrum Ost. Zudem sucht die 39-Jährige auf einer einschlägigen Seite unter dem Pseudonym „Kitty1608“ Männer mit „ernstgemeinten Anfragen“ zwecks „Terminvereinbarungen“ zum „Geld verdienen“.

Was sich durch seine kriminelle Karriere wie ein roter Faden zieht: Mehrfach wurde er innerhalb von Bewährungszeiten rückfällig. Und dennoch war in der Gesamtschau der von der extremen Rechten oft als lasch verpönte Rechtsstaat tatsächlich milde zu dem ehemaligen Hertha-BSC-Hooligan mit den mittlerweile 170 Einträgen im Polizeicomputer.

Müller hat immer wieder eine Chance bekommen – und sie nie genutzt. Das Muster ist immer dasselbe: 2006 verurteilt das Amtsgericht Bad Freienwalde den damals 21-Jährigen, der gerade zehn Monate im Jugendarrest abgesessen hatte, zu drei Monaten Haft wegen Betrugs in 33 Fällen auf Bewährung. Doch das Gericht widerruft die Strafaussetzung, weil Müller wieder etwas ausgefressen hat. Ebenfalls 2006 kassiert Müller – diesmal nach dem härteren Erwachsenenstrafrecht – erneut eine Gefängnisstrafe – sechs Monate auf Bewährung. Obwohl ihm ein Bewährungshelfer zur Seite steht, sieht sich das Gericht gezwungen, die Strafaussetzung zu widerrufen – Müller rückt wieder für ein halbes Jahr in den Bau ein.

Immer wieder ließen Richter Milde walten

Wegen zweifacher Bedrohung und wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt das Amtsgericht Cottbus Müller 2008 – erneut hat er zunächst Glück: Es ist eine Bewährungsstrafe (neun Monate). Zum dritten Mal jedoch wird der ehemalige Schüler der Potsdamer Coubertin-Gesamtschule rückfällig und muss hinter Gitter. Kurz vor Weihnachten 2013 kommt Müller frei – nur acht Tage später gerät er wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Dafür kassiert er zehn Monate Haft – und wieder muss er zunächst nicht ins Gefängnis.

Müllers aktuelle Situation – er wurde am Freitag wegen einer Neujahrs-Schlägerei zu einem Jahr Haft ohne Bewährung verurteilt – ist eine konsequente Fortsetzung seines bisherigen Wegs: Müller hat noch zwei Bewährungen laufen, gegen beide hat er verstoßen: Eine läuft bis Dezember 2016, eine andere bis 2018. Die beiden überlappenden Bewährungszeiträume sind abermals ein Beleg für die Milde des Rechtsstaats in der Causa Müller. Eigentlich ist nach dem ersten Bruch der Auflagen Schluss.

Dass der Pogida-Frontmann trotz des Urteils vom Freitag weiter auf freiem Fuß ist, hat er wiederum dem Rechtsstaat zu verdanken. Der geht, wie Amtsgerichtssprecher Wolfgang Peters erläutert, von der Unschuldsvermutung eines Angeklagten aus – bis das Urteil rechtskräftig ist. Das kann noch dauern, denn sowohl Müller als auch die Staatsanwaltschaft, die ein Jahr und sechs Monate Haft gefordert hatte, haben Rechtsmittel angekündigt. In Untersuchungshaft käme Müller nur bei Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunklungsgefahr.

Von Ulrich Wangemann

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