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Polizei-Elite: So tickt Brandenburgs SEK

Robustes Mandat, verschwiegene Typen Polizei-Elite: So tickt Brandenburgs SEK

Beim G20-Gipfel in Hamburg bewachte Brandenburgs SEK das Hotel, in dem Kanzlerin Angela Merkel logierte. Aber wer sind die stets vermummten Elite-Polizisten und wie ticken sie? Der MAZ gewährt die Polizeiführung seltene Einblick in Arbeits- und Lebensweise der Elite-Polizisten.

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Brandenburger SEK-Beamte bei einer Übung

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Der Flur im ersten Stock der Polizeikaserne Potsdam-Eiche ist von der Grundausstattung so anonym wie jeder Behördengang: Neonröhren, alle paar Meter eine Bürotür, in der Luft das Aroma von Filterkaffee und Reinigungsmittel. Doch dieser Korridor ist auf überraschende Weise intim: Schuhregale mit mehreren Etagen säumen die Wände, Stiefel, Badelatschen, Laufschuhe – jeder Regalmeter ist mit Bleistift einem Nutzer zugeordnet: „Püppi“ steht da und „Ute“. Jemand hat Boxhandschuhe aufgehängt, daneben trocknen auf einer Leine Badehosen und Neoprenzeug. Ein Gästebett mit Blümchenbezug steht zusammengeklappt auf seinen Rollen.

„Püppi“ hat ein Kreuz wie Klitschko

Die Spitznamen klingen niedlich, aber dies ist eine Männerwelt. Püppi hat ein Kreuz wie Klitschko, von einem Poster an der Wand schaut grimmig Chuck Norris und die Slips auf dem Wäscheständer gehören den härtesten Typen, die der Rechtsstaat aufbieten kann: den Beamten von den Spezialeinsatzkräften der Brandenburger Polizei. Seit der Terror in Deutschland Opfer gefordert hat, steht ihre Arbeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das Brandenburger Innenministerium hat zuletzt die Aufstockung der Einheit um eine Gruppe verfügt, hat Titanhelme bestellt, G-36-Sturmgewehre verteilt und stabilere Schutzwesten.

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Das SEK kommt nur, wenn Waffen im Spiel sind oder andere unmittelbare Gefahr droht – auf Geiselbefreiungen sind sie ebenso eingestellt wie auf die Rettung von Lebensmüden.

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Die genaue Zahl der Spezial-Beamten ist ein Staatsgeheimnis. Gerade ist die Einheit aus Hamburg zurück vom G-20-Gipfel. Dort hat sie Angela Merkel in ihrem Quartier, dem Hotel Atlantic an der Alster, bewacht – und den US-Präsidenten Donald Trump, als der die Kanzlerin besuchte. Mit ihren Präzisionsgewehren lagen die Männer auf den Dächern, scannten jedes Fenster in der Nachbarschaft. Einziger Verlust der gesamten Mission: Ein platter Reifen – Randalierer hatten Krähenfüße auf die Straße geworfen.

Der MAZ gewährt die Polizeiführung auf Anfrage Einblick in Arbeits- und Lebensweise der Elite-Polizisten. Gewöhnlich scheuen sie die Öffentlichkeit, ihre Namen erfährt der Besucher nicht. „Sie pflegen keinen Auftritt bei Facebook und beim Einwohnermeldeamt sind ihre Daten gesperrt“, sagt der Chef der stets maskiert auftretenden Truppe, Polizeidirektor Jörg Barthel. Sein Handwerk hat der graubärtige 54-Jährige bei der DDR-Bereitschaftspolizei gelernt, ein Tattoo mit zwei gekreuzten Schwertern trägt er auf dem Unterarm. Barthel hat es sich selbst gestochen, mit Nähnadel und Tusche, im Alter von 15 Jahren. Manche der Männer, sagt Barthel, erzählten ihren Nachbarn, sie arbeiteten bei der Feuerwehr – weil sie immer wieder nachts raus müssen oder überraschend am Wochenende Grillpartys verlassen, wenn das Handy brummt.

Präzisionsschützen sichern Staatsbesuche

Präzisionsschützen sichern Staatsbesuche.

Quelle: Julian Stähle

Was den Ländern das SEK, ist dem Bund die GSG9

Das Spezialeinsatzkommando wird oft mit dem Mobilen Einsatzkommando (MEK) verwechselt. Doch die Unterschiede sind groß: Während das SEK für den direkten Zugriff in sehr gefährlichen Situationen – etwa wenn Waffen im Spiel sind – ausgebildet wird, ist das MEK vor allem eine Einheit zur Beschattung von Verdächtigen.

SEK und MEK gehören zu den Spezialeinheiten und Spezialkräften, die aber noch andere Spezialisten aufbieten können, etwa Zeugenschutz, Zielfahndung, Personenschützer, Verhandlungsexperten für Fälle von drohendem Suizid oder Geiselnahmen, Mobilfunk-Experten und andere.

Für die Bundesländer ist das SEK das, was für den Bund die GSG9 ist. Ausbildung und Arbeitsweise sind ähnlich

Ein Mafia-Pate in Fürstenwalde

SEK-Männer haben ein robustes Mandat. Wenn Streifen- und Wasserschutzpolizisten zum Waffentraining gehen, heißt das Übungsmodul „Nicht-Schießen/Schießen“. Nicht-Schießen – das ist im günstigsten Fall auch das Ergebnis eines SEK-Einsatzes. Im Besprechungsraum der Spezialeinheit jedoch hängen Zielscheiben mit den Umrissen von Köpfen. „Wir haben bei den Anschlägen in Paris gesehen, dass die Terroristen Menschen – auch Polizisten – gezielt hinrichten. Die Bilder hat jeder der Kollegen im Kopf“, sagt SEK-Chef Barthel. In den vergangenen drei Jahren haben die Brandenburger SEK-Einheiten nach Angaben ihres Chefs mehrfach scharfe Schüsse abgeben müssen, meist gegen Hunde. Ein Mensch starb – er hatte eine Schusswaffe auf die Beamten gerichtet.

Spezialeinsatzkommando – SEK. Auf diesen Begriff legen die Männer wert, denn „Sondereinsatzkommando“, wie die Einheiten im Volksmund genannt werden, ist historisch kontaminiert – ein SS-Kommando organisierte unter diesem Titel die Deportation von ungarischen Juden im Zweiten Weltkrieg. Außerdem, so sagt Ludwig*, Dienstältester und Leitwolf mit dem höchsten Dienstgrad beim SEK, „sind wir Spezialisten, keine Sonderlinge“. Der drahtige 48-Jährige mit dem gestutzten Kinnbärtchen hat in seiner langen Spezialkräfte-Karriere vor Jahren einen Mafia-Paten in einem italienischen Restaurant in Fürstenwalde (Oder-Spree) verhaftet. Bald ist seine Zeit bei der Einheit vorbei. Mit 50 spätestens ist Schluss, eigentlich schon mit 45, wenn man nicht außergewöhnlich fit ist – so wie es Ludwig ist.

Umstrittener Wohnheim-Einsatz

Ungewohnte Aufmerksamkeit hat ein Einsatz vom 2. Oktober 2016 auf die Truppe gelenkt. Ein Team nahm damals einen 17 Jahre alten Mann aus Gambia fest, der einen 18 Jahre alten Asylbewerber aus Afghanistan mit einem Messerstich ins Herz getötet hatte. Die Beamten warfen eine Blendgranate in den Wohnraum, in dem sich der Gesuchte und weitere Flüchtlinge aufhielten und fanden den Mann hinter einem Bett versteckt. Die Heimleiterin erstattete Anzeige gegen die Beamten wegen Körperverletzung im Amt, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung. Angeblich sei einem Bewohner mit einem Gewehrkolben gegen den Kopf geschlagen, andere mit Stahlkappenschuhen getreten worden. Handys seien zu Bruch gegangen. Die Polizeiführung musste sich vor dem Innenausschuss des Landtages rechtfertigen.

Ausgewählte Einsätze des Brandenburger SEK

8. Oktober 2016 , Chemnitz: SEK hilft bei Suche nach Terrorverdächtigem Dschaber Al-Bakr in Chemnitz.

12. Dezember 2016 , Spreenhagen: Ein psychisch kranker Mann kündigt an, er werde sich mit Gas in die Luft sprengen. Das SEK nimmt ihn fest.

6. Februar 2017 : Ein Reichsbürger aus Cottbus wird festgenommen, weil man bei ihm Waffen vermutet.

14. Februar 2017 , Oranienburg: Ein Mann will seine Freundin zur Prostitution zwingen, sie widersetzt sich – er schließt sie ein und will sich eine Waffe besorgen. Das SEK befreit die Frau, der Mann wird später verhaftet.

26. Februar 2017 , Cottbus: Nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt werden erstmals Spezialkräfte der Brandenburger Polizei zur Absicherung von Ostdeutschlands größtem Faschingsumzug abgestellt.

27. Februar 2017 , Schwedt (Uckermark): Ein Bankräuber hat Geiseln genommen – das SEK rückt aus. Bevor die Spezialkräfte eintreffen, hat der Filialleiter dem Angreifer das Messer aus der Hand gewunden.

30. Mai 2017 , Uckermark: Ein 17-Jähriger Flüchtling verabschiedet sich per WhatsApp von seiner im Libanon lebenden Mutter und kündigt an, in den Dschihad zu ziehen. Das SEK aus Potsdam nimmt den jungen Mann im Asylbewerberwohnheim fest.

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft alle Verfahren eingestellt. Die Blendgranate ist laut Staatsanwaltschaft angemessen gewesen. Gregor*, ein Potsdamer Familienvater, der den Einsatz geleitet hat, erklärt: „Wir wussten: Der Gesuchte hatte jemanden umgebracht und versteckte sich in einem Raum mit mehreren Syrern. Hat er noch eine Waffe? Würde er Geiseln nehmen? Das kann in alle Richtungen gehen.“ Gregor und seine Kollegen haben sich geärgert über die Kritik zum Flüchtlingsheim-Einsatz. „Wir sind alle reflektierte Menschen, keine Rambo-Typen.“

Einsatz in Wollin nach einem Mord 2009

Einsatz in Wollin nach einem Mord 2009.

Quelle: Oliver Schwandt

225 Euro Gefahrenzulage im Monat erhalten die Männer vom SEK. Das Zubrot wird aber schnell wieder an anderer Stelle aufgefressen. Monatlich 100 Euro mehr als für normale Beamte kostet ein SEK-Mitglied seine Risiko-Lebensversicherung. Berufsunfähigkeit wird ebenfalls für 100 zusätzliche Euro versichert. Versicherungen rechnen kühl.

In vorderster Linie: „Nummer eins“ – der Mann mit dem Schild

Im Treppenaufgang eines Altbaus auf dem Gelände des Polizeipräsidiums in Potsdam-Eiche probt die Gruppe den Klassiker: Wohnungstür aufbrechen, möglichst am frühen Morgen, wenn Waffenhändler und Dealer noch schlafen. Der Laserstrahl einer Zielvorrichtung des G36-Sturmgewehrs tastet die Wände ab. „Nummer eins“ hat einen schussfesten Schild vorm Oberkörper und die Glock-Pistole gezogen. „Jeder von uns kann Nummer eins sein – wenn einer es nicht könnte, wäre etwas in der Ausbildung falsch gelaufen“, sagt Marcel*, der im RTL-„Bachelor“ die Idealbesetzung wäre – 95 Kilo, getrimmter Drei-Tage-Bart, einen Händedruck von Stahl. In Rheinland-Pfalz tötete im Jahr 2010 ein Hells Angel einen SEK-Mann, indem er durch die Tür schoss.

40 Kilogramm Schutzkleidung

Deshalb tragen die Brandenburger Elite-Polizisten eine Schutzkleidung, die eher einem Körperpanzer gleicht. Wer die Weste mit den Titan-Einlagen überstreift und den Helm aufsetzt, dessen Visierglas gut Daumendicke hat, den zieht es hinab wie in einem Fat-Suit, einem jener Anzüge, mit denen man Normalgewichtigen die Situation von Dicken simuliert. 40 Kilogramm wiegt die Ausrüstung. Wer damit in den vierten Stock eines Hauses spurtet, muss extreme Kraftreserven haben. Als die Polizisten ihre Helme nach rund einer Viertelstunde Übung wieder absetzen, sind ihre Köpfe klitschnass.

Ordentlich Gepäck

Ordentlich Gepäck: 40 Kilo Ausrüstung schleppen SEK-Leute mit sich herum.

Quelle: Julian Stähle

Jahr für Jahr müssen die Männer ihre Fitness in einem Test unter Beweis stellen: 13 Klimmzüge, 25-mal Beugestütz, 15-mal Bankdrücken mit Gewichten von 60 Kilogramm, ein 3000-Meter-Lauf unter 12,30 Minuten. Im Einsatz kommt Todesangst hinzu.

Nervenkrieg im 14. Stock

Chris*, ein still und ernst wirkender Riese im geringelten Polohemd, hat einen Einsatzbericht auf den
Besprechungstisch gelegt. Am 19. Februar rettete er mit seinen Leuten einen Lebensmüden aus dem 14. Stock eines Hauses in Potsdam, im Wohngebiet Am Schlaatz, der traurigen Suizid-Hochburg der Landeshauptstadt.

Ein Rentner hat sich übers Treppenhaus-Geländer geschwungen. Nach Stunden des Ausharrens in Kälte und Regen droht der Mann vor Schwäche abzustürzen. Chris pirscht sich an und greift zu, zieht den Mann über die Absperrung. „Ich habe mich natürlich mit dem Gedanken beschäftigt: Was, wenn er mir durchgerutscht wäre?“, sagt Chris heute. Doch auf dem Treppenabsatz, in Sicherheit, habe der Gerettete schließlich gewirkt, „als sei er erleichtert gewesen.“

Höllenhäuser und verletzte Kollegen

Der Anblick toter Kinder, sagt Chris‘ Kollege Ludwig (48), der sei am schwersten zu verdrängen. Es sind immer die SEK-Leute, die in diese Höllenhäuser vorstoßen müssen: In Ludwigsfelde, wo ein Arzt nach einer Trennung seine beiden Kinder erschoss, in Brandenburg/Havel zu Weihnachten 2004, als ein Mann seine Frau, seinen Sohn und sich selbst tötete. SEK-Kommandeur Ludwig hat in seiner langen Spezialkräfte-Karriere zu viele dieser niederschmetternden Funde machen müssen, wenn seine Einheit Wohnungen aufbrach.

Immerhin haben die Spezialkräfte seit 2007 keine Schwerverletzten mehr zu beklagen. Damals verwundete ein psychisch kranker Sportschütze in Waßmannsdorf (Dahme-Spreewald) zwei SEK-Männer und tötete sich dann selbst. Ein Beamter wurde am Kopf getroffen.

In spätestens zwei Jahren muss Dezernatsleiter Ludwig die Einheit aus Altersgründen verlassen. Dann kommt der schwierigste Part in der Karriere eines Elite-Polizisten: Er muss zurück ins Glied. Es drohen Streifendienst, Betrunkene in Kleingartenkolonien, Auffahrunfälle, geklaute Fahrräder. SEK-Chef Jörg Barthel versucht die Altgedienten so unterzubringen, dass „die Verwendung zu 70 Prozent dem entspricht, was der Kollege sich vorstellt“, als Ausbilder etwa. Ein Job in Rufweite der Gefahr, aber nicht mehr in Rufbereitschaft.

*Namen geändert

Von Ulrich Wangemann

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