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Brandenburg Dieser Hund kann Daten erschnüffeln
Brandenburg Dieser Hund kann Daten erschnüffeln
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17:48 19.03.2019
Lydia Marquardt ist Polizeikommissarin und Hundeführerin. Ihr Weimaraner Rüde Ivo kann Datenträger erschnüffeln. Quelle: Foto: Julian Stähle
Potsdam

Die Fahrzeughalle auf dem Polizei-Campus Potsdam-Eiche ist zugig und kalt. Autoabgase haben die hell gemauerten Wände in Bodennähe schwarz verfärbt. Nichts hier würde einen Hund unter normalen Umständen faszinieren. Ivo jedoch, ein Weimaraner-Rüde, läuft hochkonzentriert die Wände entlang, scannt sie mit der Nase.

Kommissarin Lydia Marquardt hat acht Jahre bei der Bundeswehr einen Sprengstoff-Spürhund geführt. Quelle: Julian Stähle

Das anderthalb Jahre alte Tier darf sich nicht ablenken lassen vom Geruch nach Ruß, Sprit oder Motoröl. Nach wenige Minuten verharrt der Rüde in einer für Hunde ungewöhnlich steifen Pose, er wirkt für ein paar Sekunden, als sei er ausgestopft. „Zeigen“ heißt die Übung – Schnauze zum Fundort. Der Jagdhund hat das Versteck entdeckt: eine winzige SIM-Karte, wie sie in Handys verwendet wird. Sie steckte in einer Mauerritze. Ausbilderin Lydia Marquardt, vom Rang Polizeikommissarin, holt zur Belohnung einen Rindfleischstreifen aus einer Tupperschüssel.

Auf der Suche nach versteckten Kinder-Pornos

Ivo kann Daten riechen, beziehungsweise deren Träger. Ob Bilddateien von Kinderpornografie-Händlern, Festplatten mit Steuer-Informationen, Handys von mutmaßlichen Terroristen – niemand findet sie so schnell wie Hunde. Im Grunde ist Ivo eine ziemlich unkonventionelle Antwort auf die Digitalisierung des Lebens. Er findet sogar Smart-Watches.

Lydia Marquardt und Ivo suchen nach einer in einer Mauerritze versteckten SD-Karte. Quelle: Julian Stähle

Das Potsdamer Polizeipräsidium ist damit weltweit eine der wenigen Polizeidienststellen, die ein derart abgerichtetes Tier hält – im April wird Ivo voraussichtlich offiziell in den Probebetrieb aufgenommen, bestätigt das Präsidium. In den USA soll es knapp 20 solcher Hunde geben, in Großbritannien zwei.

In Lügde fand ein Hunde-Kollege Beweismaterial

Ein tierischer Kollege Ivos brachte es kürzlich in Nordrhein-Westfalen zu einer gewissen Prominenz: Im Zuge der Ermittlungen gegen Sexualstraftäter im nordrhein-westfälischen Lügde war es ein solcher Spürhund, der in einer Sesselritze einen USB-Stick erschnüffelte – möglicherweise ein wichtiges Beweisstück.

So klein ist die SIM-Karte, die der Polizeihund in einer Mauerritze findet. Quelle: Julian Stähle

Artus heißt das Tier und steht seit 2013 in Diensten des sächsischen Justizministeriums. In sächsischen und anderen Gefängnissen hat er laut Ministerium mehr als 120 Handys entdeckt. Laut „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ ist Artus der zweite Hund weltweit, der sogar Sim-Karten wittern kann. Er fand auch zwei Handys von IS-Verdächtigen in einem Zementsack.

Ivos Trainerin führte beim Militär einen Sprengstoffhund

Ein Hund als Hardware-Experte - die Idee hatte im Potsdamer Präsidium Polizeikommissarin Lydia Marquardt. Die 37-Jährige war acht Jahre lang bei der Bundeswehr Führerin eines Sprengstoff-Suchhundes, sie hat Wirtschaftsingenieurswesen studiert und ein Studium an einer Polizeihochschule absolviert. Thema: Cyber-Grooming, also Anmache im Internet. „Hunde sind etwa zehn Millionen Mal geruchsempfindlicher als Menschen“, sagt die Kommissarin. Außerdem könnten die Vierbeiner Gerüche kanalisieren, also voneinander trennen.

Der Rüde lässt sich von Staub und Benzingeruch nicht ablenken. Quelle: Julian Stähle

In einer Halle voller Diesel- und Benzinrückständen ist diese Fähigkeit ein unschätzbarer Vorzug. Unter staubigem Gerümpel entdeckt „Ivo vom bronzenen Hirsch“, so der vollständige Name des Rassehundes, noch weitere Datenträger: Eine Speicherkarte, die in einem Industriestaubsauger versteckt ist, eine Festplatte, die unter einem Stapel Rohre liegt, einen USB-Stick, den seine Trainerin unter eine umgedrehte Metallschiene geschoben hat.

Chemikalien, Kunststoff und Metall dünsten aus

Wonach aber riechen Daten? Chemikalien und Werkstoffe in den USB-Sticks oder Chips verströmten Gerüche, sagt Marquardt. Mehr will sie nicht preisgeben. Es sei aber das Gesamt-Geruchsbild, das zusammen mit den Metallteilen der Chips ein eigenes Aroma bilde. Manche Experten nehmen an, dass Hunde Lithium in den Akkus besonders leicht erfassen, andere vermuten, dass Styrol eine Rolle spielt – ein Kohlenwasserstoff, der bei der Kunststoffherstellung verwendet wird.

Weimaraner-Rüde Ivo ist etwa anderthalb Jahre alt und gehört Kommissarin Lydia Marquardt. Quelle: Julian Stähle

Trainiert wird Ivo wie andere Polizeihunde auch: Bei gelungenem Einsatz drückt die Hundeführerin einen so genannten Clicker. Das Geräusch verheißt: Gut gemacht, jetzt gibt’s eine Belohnung. Andere Hunde werden nach der gleichen Methode auf Sprengstoff, Waffenöl, Drogen oder faulendes Gewebe abgerichtet. Der Weimaraner sei besonders geeignet, sagt Kommissarin Marquardt: „Er ist besonders verspielt und verfressen.“

Ausbildung aus eigener Tasche bezahlt

800 Euro hat Lydia Marquardt für den Welpen ausgegeben, aus eigener Tasche. Die Ausbildung hat sie auch bezahlt. Ivo ist ihr Projekt – und ihr Mitbewohner zu Hause, wo er sich bestens mit Kind und Partner versteht.

Polizei startet Pilotprojekt

Im Präsidium ist man begeistert. „Ich bin stolz, dass wir ein solches Pilotprojekt in der Brandenburger Polizei durchführen. Damit können wir auch im bundesweiten Vergleich der Polizeien ein Vorreiter sein“, sagt der stellvertretende Polizeipräsident Roger Höppner. „Den modernen Erfordernissen in der Kriminalitätsbekämpfung müssen und wollen wir gerecht werden. Datenträger wie Speicherkarten, USB-Sticks und Festplatten werden immer kleiner und ihre Anzahl steigt täglich.“

Ein bisschen zum Nerd wird ein Datenspürhund schon aus rein praktischen Gründen: Damit Ivo sich auf Bits und Bytes konzentrieren kann, hat der Züchter darauf geachtet, dass der Jagdhund in seiner frühen Jugend kein Wild kennen lernt.

Von Ulrich Wangemann

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