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Polizeiorchester: Werden Stellen gestrichen?

Umbau-Papier im Brandenburger Innenministerium Polizeiorchester: Werden Stellen gestrichen?

Nach dem Riesen-Rüffel des Landesrechnungshofs 2015 hat sich das Landespolizeiorchester Brandenburg neu aufgestellt. Jetzt aber herrscht wegen eines Papiers mit Stellenabbauplänen Verunsicherung.

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Landespolizeiorchester Brandenburg

Quelle: Regine Buddeke

Potsdam. Vor anderthalb Jahren unterzog der Landesrechnungshof die Arbeit des Landespolizeiorchesters einer vernichtenden Kritik. Die 14-seitige Analyse schloss mit dem Satz, es stelle sich „grundsätzlich die Frage nach der Notwendigkeit für ein Orchester innerhalb der Polizei des Landes“. Der Killersatz in der Analyse: Das Musizieren sei „eine polizeifremde Aufgabe“.

Die Affäre ist nicht ausgestanden. Im Innenministerium liegt nach MAZ-Informationen ein Papier, das Stellenkürzungen vorsieht.

Zusammengenommen gibt es 50 Orchester-Jobs

An der Personalausstattung hat sich seit dem Riesenrüffel wenig geändert – 43 Dienstposten gibt es nach wie vor. Dazu kommt die Zusammenarbeit mit der Combo des ehemaligen Berliner Polizeiorchesters – macht rund 50 Jobs. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen halten nach Auskunft des Rechnungshofs ähnlich große Klangkörper vor. Doch im Ministerium ist jetzt eine Reduzierung auf 35 im Gespräch. Ein Staatssekretär soll zeitweilig die Zahl 28 ins Spiel gebracht haben.

„Derzeit befindet sich eine Konzeption zur zukünftigen Entwicklung des LPO hier im Innenministerium in der Abstimmung“, sagt Ministeriumssprecher Ingo Decker, den drohenden Stellenabbau bestätigt er nicht. Abschließende Entscheidungen seien „noch nicht gefallen.“ Gespräche mit den Betroffenen würden „in der nächsten Zeit geführt werden.“ Einen Stellenabbau hatte der Rechnungshof in seinem Bericht 2015 für „unverzichtbar“ erklärt.

Piccoloflöten für 15.000 Euro, teure Reisen, geschönte Zahlen

Die Aufregung ist nur vor dem Hintergrund der Generalabrechnung von 2015 verständlich. Geschönte Besucherzahlen, kostspielige Dienstreisen, horrende Summen für die Beschaffung von Piccoloflöten (15000 Euro – das Orchester besaß bereits sechs der Silber-Instrumente), Vernachlässigung der ländlichen Gebiete Brandenburgs, Gefälligkeitsauftritte ohne Einnahmen, CD-Aufnahmen, die keiner kauft, Prospekte, die keiner liest – die Liste der Vergehen war lang. Das steuerfinanzierte Orchester stand kurz vor dem letzten Zapfenstreich. Gipfel des Totalverrisses waren Fotos von einem Rockertreffen 2014, zu dessen musikalischer Begleitung sich rätselhafterweise die LPO-Combo hergegeben hatte. Die Biker dankten es den Uniformierten auf ihre Weise: Sie entblößten ihre Hintern und stellten die Fotos ins Internet zur allgemeinen Erbauung.

Lob für höhere Honorare vom Landesrechnungshof

Wie hat die Behördenleitung reagiert? Sie hat dem Dirigenten und musikalischen Leiter Christian Köhler einen Verwaltungsdirektor zur Seite gestellt – Dietmar Klömich, ein erfahrener Regierungsoberamtsrat. Der checkt jetzt alle Engagements auf Kosten und Nutzen. Eine neue „Richtlinie für Auftrittsentscheidungen“ ist seit dem 1. Januar 2016 in Kraft. Sie sieht unter anderem Honorarsteigerungen für kommerzielle Veranstalter vor – von 1500 auf 4500 Euro fürs Gesamtorchester. Für die Preisgestaltung, die nun „nachvollziehbar und transparent“ sei, gibt es auf MAZ-Nachfrage Lob vom Rechnungshof.

Zwar sagte das Mövenpick-Hotel am Potsdamer Park Sanssouci angesichts der drohenden Rechnung sein Pfingstkonzert ab, auch der Potsdamer Fanfarenzug verzichtete auf den Auftritt der Polizeikapelle. Dafür spielt die insgesamt viel häufiger in Schulen und Senioreneinrichtungen, und das unentgeltlich. Waren es 2013 noch 178 Auftritte waren die Polizeimusiker 2016 fast an jedem Arbeitstag auf der Bühne: 243 Mal. Auslandseinsätze sind kaum noch darunter.

Das Landespolizeiorchester Brandenburg im Einsatz

Das Landespolizeiorchester Brandenburg im Einsatz

Quelle: Regine Buddeke

Weil laut Orchesterordnung die lukrativen Kommerzmucken hinter repräsentativen und pädagogisch wertvollen Konzerten zurückstehen müssen, haben sich die Einnahmen nicht erhöht: Sie liegen bei 32000 Euro – wobei das Orchester das Land derzeit rund drei Millionen Euro kostet.

Den Musikern mehr regulären Vollzugsdienst aufzubürden, kommt nicht in Frage: Sie sind allesamt angestellte Zivilisten in Uniform, haben niemals jemanden festgenommen. Das ist etwa in Baden-Württemberg anders, wo immerhin elf Beamte am Instrument dienen. Sie könnten im Gegensatz zu ihren märkischen Kollegen auch schießen, wenn’s drauf ankäme.

Legitimation mit Enkeltrick-Betrug und „Emil und die Detektive“

Insbesondere Grundschüler und Senioren sollen nun dem Orchester neue Legitimität verschaffen. Die Prävention, so heißt das Zauberwort, also die Vorbeugung gegen Straftaten und Unfälle aller Art, soll rechtfertigen, warum Brandenburg überhaupt Musiker in Polizeiuniformen steckt. Mit zwei eigens auf diese Zielgruppen zugeschnittenen Revue-Programmen tingeln die Musiker nun über Land. „Emil und die Detektive“ soll Grundschülern frei nach dem Kinderbuch von Erich Kästner spielerisch vermitteln, dass man von Fremden keine Schokolade annimmt, während Senioren im Programm „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ für Themen wie Enkeltrick-Betrug, falsche Handwerker und vermeintliche Spendensammler sensibilisiert werden. Zwischen den Wortbeiträgen spielt das LPO berühmte Krimi-Melodien (Tatort, Polizeiruf, James Bond). 101 dieser Präventionskonzerte gab das Orchester 2016. Ob die Verquickung von Lerninhalten und Musik den Rechnungshof überzeugen wird? Der urteilte 2015, es sei „zweifelhaft, ob das LPO eine tatsächlich messbare präventive Wirkung erzielt“.

Mit dem Erbe der preußischen Blas- und Marschmusiktradition hat dieses Programm nicht mehr viel zu tun. Preußisches Blech wurde immerhin mal weltberühmt/-berüchtigt mit „Preußens Gloria“ – uraufgeführt in Frankfurt (Oder) zur Siegesparade der Truppen nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Aber von dem Preußen-Rumtata ist nicht mehr viel übrig. Berlin hat sein Polizeiorchester 2004 aus Kostengründen aufgelöst – nach 150 Jahren Blasmusik im Dienste des Staates. Längst haben die Brandenburger auf Beatles und Elvis umgeschult, spielen zeitgenössische Chartmusik – etwa von Pharrell Williams. Dirigent Christian Köhler findet zwar, dass kein Polizeiorchester in Deutschland die alte Blasmusik „so geil spielt wie dieses“, doch hat er mit dem LPO auch moderne Kinomusik eingespielt – etwa für den Hollywoodstreifen „Race“ über Sprinter Jesse Owens, in dem die Brandenburg-Bläser 15 Sekunden zu hören waren. Die Programmrevolution ist im Gange.

Dirigent Christian Köhler im Juni 2011

Dirigent Christian Köhler im Juni 2011

Quelle: Joachim Liebe

Was der Rechnungshof am Neustart der Orchesters immer noch – oder mehr denn je – bemängelt: In vielen entlegenen Regionen fänden Konzerte nach wie vor kaum statt. Die Kritik von 2015 habe offenbar dazu geführt, dass der Regionalproporz in der seit Januar geltenden Orchesterordnung „ersatzlos wegfällt“, heißt es in einer Stellungnahme des Rechnungshofs. Die Kritik lässt Dirigent Köhler nicht pauschal gelten. Die Ministerien und viele Behörden seien eben in Potsdam angesiedelt, sagt der Musikalische Leiter. Dem Orchester sei seine kulturelle Mission im Flächenland Brandenburg bewusst: „Wir treffen immer wieder auf Menschen, die in ihrem Leben noch nie ein Life-Orchester gesehen haben“, sagt Köhler. „Sie kennen das nur aus dem Fernsehen.“

Was der Staat an seinem Orchester hat, das merkte Ministerpräsident Dietmar Woidke Ende März. Da spielten Polizeimusiker beim Gedenkgottesdienst für die beiden bei Oegeln (Spree-Neiße) von einem drogensüchtigen Kriminellen überfahrenen Polizisten. Im Dom von Fürstenwalde traf das Polizeiorchester den richtigen Ton, nachdem es binnen weniger Tage das Repertoire eingeübt hatte.

Von Ulrich Wangemann

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