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Polizeiruf 110: Horst Krause macht Schluss

Schauspieler aus Ludwigsfelde dreht noch zwei Folgen Polizeiruf 110: Horst Krause macht Schluss

Horst Krause ist ein echtes Unikat: In keinem anderen Krimi am Sonntagabend ermittelte jemand unter echtem Namen. Nun geht die "Ära Krause" im Polizeiruf 110 zu Ende. Der Schauspieler aus Ludwigsfelde dreht noch zwei Folgen, dann geht er in Rente.

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Was ist wahr bei Horst Krause, was ist erfunden?

Quelle: dpa

Ach, Fußball. Krause guckt keinen Fußball. „Ich sehe mir nur Naturfilme an, die sind echt. Ich mag keine Schießerei und keine Gewalt.“ Horst Krause mag auch kein Elfmeterschießen. „Ich brauche Harmonie im Fernsehen“, sagt er. Klar, das ist kühn, wenn man den Dorfpolizisten im Brandenburger „Polizeiruf 110“ spielt. Irgendjemand lässt dort immer sein Leben. Gewalt ist das Schmieröl dieser Filme. Krause schüttelt den Kopf. „Bei mir heißt es ja: Krause mit Hund und Motorrad, nicht Krause mit Kalaschnikow.“ Er lächelt. So ein seelenvoller Satz gefällt ihm.

Sie drehen gerade in Gröben, einem Ortsteil von Ludwigsfelde, wo der Tag nach Heu riecht und die Menschen auf der Straße grüßen. Heile Welt. Der fünfte Krause-Film ist hier in Arbeit, kein Polizeiruf, eher ein Blick auf Krauses Welt nach Feierabend. Er bleibt der Dorfpolizist, läuft aber keinem Mörder hinterher. Krause ist Privatmann. Er lebt zusammen mit seinen zwei Schwestern, gespielt von Carmen-Maja Antoni und Angelika Böttiger. Alle drei sind ledig. Gut, die eine hatte jüngst nach Köln geheiratet. Das schlug gehörig auf den Frieden. Wieder führt Bernd Böhlich Regie.

Horst Krause mit Jutta Hoffmann als Kommissarin Wanda Rosenbaum. Wie ein ätherisches Wesen schwebte Jutta Hoffmann neben dem bodenständigen Krause durch vier Polizeirufe (bis 2002). Spröde und herzenswarm löste sie die Fälle – immer in Schlabberhosen, mit reichlich Understatement. Hoffmann und Krause priesen die Kraft der Gegensätze.

Quelle: dpa

Wie läuft’s denn so? Worum geht es im neuen Film? Horst Krause windet sich. „Ich darf nicht viel verraten. Krause trifft eine unbekannte Person, die ihm im Laufe der Zeit immer bekannter vorkommt.“ Der Arbeitstitel des Stückes heißt „Krauses Geheimnis“, die ARD strahlt es im November aus. Nein, er will darüber nicht ausführlich sprechen, ihm liegen andere Themen am Herzen. Große Sachen. Diese Figur Krause, die so heißt wie er, die so aussieht wie er und auch genau so spricht, liegt über Kreuz mit ihm. Sie soll zu einem Ende kommen.

Doch jetzt zunächst mal Nachtisch. Horst Krause geht zum Catering, einer Feldküche neben frisch gemähter Wiese. Das Filmteam sitzt schon dort. Auch Nachtisch ist ein Teil der Harmonie, auf die Horst Krause pocht. Manchmal pocht er rustikal auf diese Krause-Ruhe. „Ich rede Klartext, das ist mein Naturell“, sagt er. Und kommt gestärkt zurück vom Pudding. Es geht los. Freundlich geht er aufs Ganze. Krause poltert nicht, er seziert mit Ruhepuls. Runder Bauch, wachsame Augen hinter Brille ohne Rand.

Horst Krause mit Imogen Kogge als Hauptkommissarin Johanna Herz. Eine nüchterne Ermittlerin, oft hängende Mundwinkel, manchmal blass, traurige Geschichten – zunächst hatte es Imogen Kogge in ihrer Dienstzeit (2002 bis 2010) nicht leicht. Dann kam Regisseur Andreas Kleinert und erkannte ihr Talent fürs Hintersinnige, Psychologische. Krause war ihr handfester Helfer.

Quelle: dpa

Es braucht nicht viel, um den Schauspieler in Schwung zu bringen. Wen er lieber spiele, den Krause im Polizeiruf oder jenen in den Krause-und-Geschwister-Filmen? „Die Drehbuchschreiber und die Redaktion können mit der Filmfigur Horst Krause im Polizeiruf offensichtlich nicht mehr so viel anfangen“, sagt er. „Sie ist mehr und mehr zur Nebenfigur geworden. Ich muss davon ausgehen, dass man mir keinen großen Wurf mehr zutraut – die Rolle wird immer kleiner. Aber eine Figur wie Krause braucht Fantasie und Fleisch. Sie sollte nicht so deutlich zurückgebildet werden. Ich drehe noch zwei Polizeirufe, dann höre ich auf. Das haben der Sender und ich einvernehmlich entschieden.“

Er kam in Bönhof, Westpreußen, zur Welt, und wuchs in Ludwigsfelde auf. Das Ende seiner Karriere im Polizeiruf referiert er nicht aufgewühlt, fast nüchtern. Den Dienst quittiert er irgendwie befreit – mit einem Hauch von Fatalismus.

Kann man das schreiben, Herr Krause, ist das Ende offiziell?

„Ja, können Sie schreiben. Faxen Sie das Zitat vorher nochmal.“

Faxen? Haben Sie kein Mailfach?

„Nee. Zu modern.“

Also faxt man es. Krause ruft drei Minuten später zurück. Macht keine Zicken. Winkt alles durch. Die ganze Klartext-Rede. Und sagt zwischendurch: „Schöne Sätze!“ Er spricht von seinen eigenen Zitaten.

Fast immer mit dabei: Hund Vera.

Quelle: dpa

Er hat, einen Steinwurf neben der Catering-Küche in Gröben, noch mehr erzählt. Den Schluss vom Polizisten Krause begründet. „Die Kommissarin der neuen Folgen, die von Maria Simon gespielt wird, wohnt nicht mehr in Potsdam, sondern auf dem Dorf – das Dorf war früher der Bereich von Krause, der kannte sich da aus. Der Stoff für meine Rolle wird durch den Umzug eingeschränkt. In den alten Filmen mit Jutta Hoffmann oder Imogen Kogge als Kommissarinnen hat die Figur Krause noch eine Kontur gehabt. Natürlich, die aktuellen Polizeirufe haben wunderbare Bilder, doch es scheint für die Figur Krause wenig Platz zu geben.“

Es beginnt zu regnen. Krause geht in sein Wohnmobil, er hat ein eigenes beim Filmdreh. Ein Caravan mit Toilette und Campingplatz-Gemütlichkeit. Geräumig. Die Sitzecke hat Armfreiheit, Horst Krause beugt den schweren Körper über seinen Caravan-Tisch. Er möchte weiterreden über diesen Krause, den er im Film spielt. Doch spielt er ihn wirklich? Oder stellt er sich, der private Horst Krause, nicht einfach hin, rund und barock, und gibt sich aus als Filmfigur? Passt ein Blatt Papier, sogar ein Drehbuch zwischen den Privatmann und den Kerl im Fernsehen? Seine Antwort kommt energisch: „Ich bin keine Charge, sondern ein Charakterdarsteller, natürlich steckt im Film-Krause auch einiges vom privaten Krause. Doch bei mir ist genügend Potenzial vorhanden, um auch größere Rollen zu stemmen.“ Er zählt Filme auf, in denen er gespielt hat, „Schultze Gets The Blues“ von Michael Schorr, „Wir können auch anders…“ von Detlev Buck und „Das Mädchen Rosemarie“ von Bernd Eichinger.

Horst Krauses bekanntestes Accessoire: Sein Dienstmotorrad mit Seitenwagen.

Quelle: dpa

Horst Krause sagt, „gehen Sie doch bitte mal ihr Fahrrad unterstellen, das wird doch nass.“ Er kann eine Seele von Mensch sein – und im nächsten Augenblick zürnt er, wenn er fürchtet, man verkenne sein Talent. Dann macht Krause Tamtam.

Was ist wahr bei Krause, was ist erfunden? Wo gibt es das, dass im Krimi am Sonntagabend ein Schauspieler unter echtem Namen ermittelt? Und nebenbei eine eigene Fernseh-Reihe bekommt, in der die Figur des Polizisten ihr Privatleben zeigt – als sei der Polizist vom Dorf ein Star, dessen Schwestern man dringend mal kennenlernen müsse? Es lässt sich nicht vorstellen, dass Axel Prahl auch im „Tatort“ Axel Prahl heißt, und abseits des Sonntagabends noch Fernsehfilme kriegt, in denen das Verhältnis zum kiffenden Film-Vater beleuchtet wird. Axel Prahl ist in erster Linie Schauspieler. Krause ist in erster Linie Krause.

Weil so viel Ich in dieser Krause-Rolle liegt, fällt die Kritik von Krause an dem Umgang mit dem Film-Krause so harsch aus. Es trifft ihn letztlich selbst, wenn man den Polizeihauptmeister stutzt. Oder ihn gar geringschätzt.

Horst Krause mit Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski. Seit 2011 ermittelt Frau Simon neben Herrn Krause, ein schönes Gespann – hier die emanzipierte Frau mit Herzensbildung, dort der unverbogene Märker. Man schaut gerne hin. Doch Simon als Lenski ist von Potsdam aufs Land gezogen – das war früher Krauses Bereich. Das Feld ist eng geworden für die beiden.

Quelle: dpa

Vor zehn Jahren hat Horst Krause diese Idee gehabt, mit der Figur des Dorfpolizisten eine eigene, von der Krimihandlung losgelöste Serie zu starten. Das stieß nicht überall auf Beifall, vielleicht wirkte es eitel. Er musste hoch bis zur Intendantin des RBB, zu Dagmar Reim. „Frau Reim hat zugestimmt, sie war sehr verständnisvoll.“ Krause spricht fast ehrfürchtig von ihr. Er mag Leute, die ihn mögen. Alle zwei Jahre läuft seither ein Krause-Film in der ARD.

„Ich stehe in den Brandenburg-Filmen für die Heimat“, sagt er, „man soll sehen, wie Krause nach Feierabend in den Stall geht und sich um die Pferde kümmert. Bäuerliches Handwerk verrichtet. Ich glaube, das möchten die Leute erleben, daran nehmen sie Anteil.“ Er werde angesprochen, er bekomme Anerkennung. „Die Leute kennen mich, ich bin einer von ihnen, die Zuschauer identifizieren sich mit mir. Neulich haben wir für den neuen Krause-Film in Paris gedreht – man soll es nicht für möglich halten, auch da bin ich erkannt worden.“

Als sie dem Dorfpolizisten im Polizeiruf einen Namen geben mussten, fragte Drehbuchautor Bernd Böhlich: „Wie willst du denn anders heißen, Horst, sag mal? Du siehst aus wie Krause, du bist Krause, was sollen wir dir einen anderen Namen geben?“

Horst Krause mit Sophie Rois als Kommissarin Tamara Rusch. Die Österreicherin spielte 2012 im Polizeiruf „Die Gurkenkönigin“ einmalig die Ermittlerin Rusch, als Vertretung für die schwangere Maria Simon. Rois war ein Ereignis, denn gibt es interessantere Pole als die alpine Sophie Rois und den brandenburgischen Ur-Polizisten Horst Krause? Nein, gibt es nicht. Toll.

Quelle: dpa

Nun geht die „Ära Krause“ im Polizeiruf zu Ende. „Ich mache mir um meine berufliche Zukunft keine Sorgen“, sagt Krause in seinem Wohnwagen. Er ist nun 72 Jahre alt. Für heute ist Drehschluss. Gleich geht es heim. Sie bringen ihn, er hat einen Fahrer.

Herr Krause, ein Fahrer! Was gibt’s denn da zu meckern, fühlen Sie sich nicht als Star gewürdigt?

„Naja, jedenfalls behandeln sie mich wie einen…“ Krause lacht leise. Die Figur liegt ihm am Herzen. Und Krause liegt sich selbst am Herzen. Horst Krause: Ein Allerweltsmann. Und ein Mann von Welt.

Von Lars Grote

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