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Polizisten bereiten sich auf Hooligans vor

Traning auf Bundeswehrübungsplatz in Lehnin Polizisten bereiten sich auf Hooligans vor

Auf dem Bundeswehrübungsplatz in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) haben Bereitschaftspolizisten am Dienstag für Einsätze gegen Hooligans trainiert. Sie bereiteten sich sowohl auf mögliche Straßenschlachten als auch auf den psychischen Druck der Randalierer vor.

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Quelle: Julian Stähle

Lehnin. Zwei Gruppen johlender junger Leute bewegen sich auf die Straßenkreuzung zu. Die Schlachtrufe nehmen an Schärfe zu. „Bullenschweine!“ und „Fußballfans sind keine Verbrecher!“, tönt es aus 80 heiseren Kehlen. Ein Megaphon krächzt, Vermummte junge Männer mit Muskelmasse aus dem Fitnessstudio reißen drohend die Arme nach oben und ballen die Fäuste. Dann fliegen Feuerwerkskörper und detonieren krachend vor der dichten Reihe von Bereitschaftspolizisten, die sich an der Kreuzung aufgebaut hat.

Die Hooligans wollen sich nicht aufhalten lassen, ihr Ziel, das Fußballstadion, liegt ein Stück weiter, hinter dem Bahnhof. Die Polizisten umringen die Krakeeler, die die Aufforderung, keine Feuerwerkskörper zu werfen, mit höhnischem Lachen quittieren. Auf dem kleinen Platz zwischen Hotel und Bahnhof findet eine seltsame Symbiose statt aus aufgepeitschten Randalierern in Jeans und Kapuzenshirts und Beamten in blauschwarzer Kampfmontur, denen Zurückhaltung auferlegt ist. Im Kreis nimmt das Johlen bedrohlich zu, mit Rangeleien soll getestet werden, wie nervenstark die zumeist jungen Beamten sind.

Auf dem Bundeswehrübungsplatz in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) haben Bereitschaftspolizisten am Dienstag für Einsätze gegen Hooligans trainiert.

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„Wir lassen uns nicht provozieren“, sagt Uwe Brückner. Er ist Leiter der Führungsgruppe bei der Brandenburger Bereitschaftspolizei. Ein besonnener Mann, der weiß, worauf es ankommt. Was am Dienstag auf dem Bundeswehrübungsplatz in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) Training war, wird in deutschen Fußballstadien immer häufiger zur traurigen Realität. Gewaltbereite Fans randalieren und liefern sich Straßenschlachten mit verfeindeten Gruppen oder der Polizei. So ermittelt der Kontrollausschuss des Deutschen Fußballbundes gegen Borussia Dortmund und Zweitligist Energie Cottbus.

Fans beider Vereine hatten am vergangenen Wochenende Feuerwerkskörper gezündet und so für Spielunterbrechungen gesorgt. Beim Derby auf Schalke hatten BVB-Anhänger Bengalos in benachbarte Fanblöcke geschossen. Am Sonntag in Dresden wurde die Partie zwischen Dynamo und Cottbus unterbrochen, weil aus dem Energie-Block Bengalos und Böller auf das Spielfeld flogen.

Fast 500 Beamte aller vier Einsatzhundertschaften der Bereitschaftspolizei übten gestern in Lehnin den Umgang mit Hooligans. Die kamen aus dem Kreis der Kollegen, gaben sich aber als harte „Gegner“. Die Übung stand am Ende eines vierwöchigen Lehrgangs für Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) an der Oranienburger Fachhochschule der Polizei. Die Spezialeinheiten, die Ende der 90er-Jahre auf Vorschlag der Innenministerkonferenz gebildet wurden, sollen der steigenden Gewalt bei Demonstrationen oder am Rande von Fußballspielen Herr werden.

Durch Bild- und Videoaufnahmen sollen Straftäter zweifelsfrei identifiziert werden. Das aufgezeichnete Material soll überdies gerichtsverwertbare Beweise liefern. Novum dieses Lehrgangs und der Übung: Erstmals nahmen sieben Beamte der Woiwodschaftskommandantur im polnischen Lodz teil, Polizeiführer und Einsatzbeamte gleichermaßen.

Die Randalierer, eingeschlossen im engen Polizeikordon, haben den Bahnhof passiert. Auf Stangen gepflanzte Videokameras schaukeln über ihren Köpfen. Plötzlich fliegen Steine und Nebelgranaten. Blitzschnell greifen Beamte zu und ziehen den Steinewerfer aus der Fangruppe. Sein Ausflug zum Stadion endet hier. „Ob einzelne Leute rausgeholt werden, muss genau abgewogen werden“, sagt Führungsgruppenchef Brückner. Massenschlägereien, die womöglich aus dem Ruder laufen, sollen vermieden werden. Im Einsatz ist deshalb auch immer ein Beamter, der sich mit der konkreten Fanszene genau auskennt.

Die Stimmung war trotz aller Bemühungen zur Deeskalation so aufgeladen, dass das Stadion drohte, zum Hexenkessel zu werden. Immer wieder flogen von den Rängen Böller. Die besorgten Aufrufe des Stadionsprechers gingen im Tumult unter. Schließlich brach der Schiedsrichter das Spiel. Die Kicker – ebenfalls Polizisten – „flohen“ in die Kabinen.

Fachdirektion mit 700 Mitarbeitern

  • Die Bereitschaftspolizei mit ihren vier Einsatzhundertschaften gehört zur Fachdirektion Besondere Dienste des Polizeipräsidiums. Die Direktion umfasst zudem einen Stab, eine Technische Einheit, den Personenschutz und die Polizeihubschrauberstaffel.
  • An fünf Standorten sind in der Fachdirektion rund 700 Mitarbeiter beschäftigt.
  • Die Einheiten – alle sind speziell ausgestattet – werden vorwiegend zur Unterstützung bei besonderen Einsatzlagen vorgesehen, etwa bei Großveranstaltungen, Demonstrationen, Staatsbesuchen und Katastropheneinsätzen.
  • Spezielle Aufgaben haben die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE). Sie werden taktisch geschult und fungieren im Rahmen der Bereitschaftspolizei. In jeder Einsatzhundertschaft gibt es einen Zug mit 30 BFE-Beamten. Diese werden auch zur Observation und Aufklärung im Bereich der organisierten Kriminalität eingesetzt. 

Erfahrene Einsatzführer wissen, dass die Räumung des Stadions zum ernsten Problem werden kann. Auseinandersetzungen zwischen den Blöcken und Rängen sollen vermieden werden. Die Gefahr für unbeteiligte Zuschauer ist zu groß. Der Abmarsch wurde noch einmal zum Nervenkitzel. Aber schon im Vorfeld war ein harter Kern von 40 Hooligans ausgemacht worden. Taktik jetzt: Die Rädelsführer vor dem Stadion isolieren und einzeln abführen zur Aufnahme der Personendaten und zur Vernehmung. Noch einmal drohte die Situation zu kippen. Einzelne Störer wollten ausbrechen. Angesichts der massiven Polizeikette und der Schlagstöcke, die im Gürtel der blauschwarzen Turtles stecken, blieb es aber bei einem krächzenden Kampfgeschrei. Von je zwei Beamten gepackt, wurden die Rädelsführer zur Wagenburg aus Polizeifahrzeugen gebracht.

Nach vier Stunden Übung konnten auch Tim Heinrich (21) und Janik Skibinski (24) ihre Helme absetzen und verschnaufen. Die jungen Polizeikommisare haben sich bewusst für den Dienst in der BFE entschieden. „Das ist ein Superteam, da halten alle zusammen“, sagte Skibinski, der in die Potsdamer Einheit geht. „Und es ist was Spezielles, das macht den Reiz aus“, ergänzte Heinrich. Auf ihn wartet eine Stelle im Frankfurter Beweissicherungsteam.

Von Volkmar Krause

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