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Potsdam: Forscher gegen Fremdenfeindlichkeit

In Sorge wegen Pogida Potsdam: Forscher gegen Fremdenfeindlichkeit

Potsdam ist eine Wissenschaftsstadt mit vielen Forschern aus dem Ausland. Gerade diese haben ein hohes Interesse an einem weltoffenen Klima. Ihre Sorge, dieses Klima könne im Zuge der Flüchtlingskrise verloren gehen, artikulieren Institutsleiter nun in einem Offenen Brief. Initiator ist der Erdwissenschaftler Mark Lawrence.

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IASS Direktor Mark Lawrence
 

Quelle: Michael Ingenweyen

Potsdam.  Potsdam ist eine Wissenschaftsstadt mit vielen Forschern aus dem Ausland. Gerade diese haben ein hohes Interesse an einem weltoffenen Klima. Ihre Sorge, dieses Klima könne im Zuge der Flüchtlingskrise verloren gehen, artikulieren Institutsleiter nun in einem Offenen Brief. Der Erdwissenschaftler und Initiator Mark Lawrence hat mit der MAZ über die Gründe gesprochen.

Forschungseinrichtungen stellen sich jetzt in einem offenen Brief fremdenfeindlichen Äußerungen in Potsdam entgegen. Provokant gefragt: Was kümmert es etablierte Wissenschaftler, wenn ein paar Verwirrte allwöchentlich durch die Stadt laufen und Unsinn rufen, den sowieso niemand glaubt?

Mark Lawrence : Ob in Potsdam, New York, Kathmandu oder Bangkok: Werte wie Offenheit, Transparenz, Partizipation, Inklusion,  Meinungsfreiheit und Generationengerechtigkeit  müssen überall gelten. Die Entwicklung von nachhaltigen Gesellschaften, mit der sich unser Institut beschäftigt, ist ein globales Anliegen, aber verwirklicht werden muss sie immer vor Ort. Bei der aktuellen Auseinandersetzung finde ich es auch nicht hilfreich, dem Gegner einfach mit Begriffen wie „Dummköpfe“ oder „Verwirrte“ zu begegnen.  Beleidigungen mit Gegenbeleidigungen zu beantworten, verstärkt einfach nur Konflikte und Misstrauen.

Angst vor Bedeutungsverlust und Angst vor dem Unbekannten

Warum aber wehren sich Menschen auch in Potsdam aggressiv gegen Prinzipien einer nachhaltigen Gesellschaft?

Lawrence : Ich glaube, sie wehren sich vermutlich nicht gegen Prinzipien einer nachhaltigen Gesellschaft, sondern das hat sehr viel mit Angst zu tun, zum Beispiel mit Angst vor Bedeutungsverlust, davor Sicherheit zu verlieren oder vor dem Unbekannten, manchmal auch vor Veränderung generell. Wir müssen politische Lösungen finden, bei denen auch mögliche Auswirkungen von Veränderungen gerecht verteilt werden, damit sie Einzelne nicht zu stark betreffen. Natürlich sollten wir aber vor allen Dingen zuerst nach neuen Wegen suchen, bei denen am Ende alle möglichst gewinnen durch gute Lebensbedingungen.

Gab es in den Instituten einen Auslöser, sich in einem Brief mit solchen Argumenten an die Öffentlichkeit zu wenden?

Lawrence : Das Thema beschäftigt uns schon seit Langem. Zum Beispiel engagieren sich viele Kollegen hier und an den anderen Instituten aktiv für Flüchtlinge. Mit der Zeit reifte der Gedanke aus den Reihen unserer Wissenschaftler, dass wir auch öffentlich ein Zeichen in Potsdam setzen müssen. Wir wollen zeigen, dass eine aggressive, von Angst getriebene Auseinandersetzung nicht dabei hilft, unsere Ziele zu erreichen, nämlich eine sichere Gesellschaft für uns und auch für andere aufzubauen. Sehr rasch haben sich bisher insgesamt 27 Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen als Unterstützer gefunden und es kommen wahrscheinlich noch mehr dazu.

Anfeindungen gegen ausländische Wissenschaftler

Haben Ihre ausländischen Mitarbeiter selbst schon einmal Anfeindungen erfahren?

Lawrence : Ja, es gibt solche Fälle. Zum Glück sind es aber nur sehr wenige Einzelfälle.

Bewirken  diese Fälle Verunsicherung an den Instituten?

Lawrence : Sicher gibt es in solchen Situationen Angst. Ich kann von mir selbst sagen: Mein Nachhauseweg führt direkt durch die Strecke, auf der Pogida oft demonstriert. Landet man einmal in solch einer Menge, sorgt man sich natürlich erst um seine eigene Sicherheit, dann um die Sicherheit derjenigen um einen herum, schließlich aber macht man sich Gedanken über die Sicherheit des Landes. Allerdings ist unsere Arbeit bislang noch nicht merklich beeinträchtigt. Es gibt bei uns am IASS auch keine spürbaren Zurückhaltungen bei den Bewerbungen und Anfragen aus dem Ausland. Alle Forschungseinrichtungen bemühen sich, ihre Wissenschaftler in dieser Situation zu unterstützen. Die Freude unserer Wissenschaftler aus anderen Ländern, in Potsdam zu arbeiten und zu leben, scheint mir daher immer noch sehr groß.

Sie kommen selbst aus dem Ausland, sind aber schon lange in Deutschland. Haben Sie so etwas wie einen gesellschaftlichen Klimawandel bemerkt?

Lawrence : Ich finde es gut, dass Sie den Begriff Klimawandel auf die Gesellschaft anwenden, so ähnlich wie man das Konzept der Nachhaltigkeit sowohl auf die Umwelt als auch auf die Gesellschaft beziehen kann. Man merkt in Gesprächen natürlich eine Besorgnis der Bevölkerung in beide Richtungen: Die einen haben Angst vor den Flüchtlingen, die anderen Angst vor Ausländerfeindlichkeit. Meine Freude darüber, in Deutschland zu wohnen, ist aber nicht getrübt worden. Ich lebe gerne hier, Deutschland ist meine Wahlheimat und das bleibt auch so.

Die Lebensqualität ist in Gefahr

Wie viele ausländische Mitarbeiter gibt es überhaupt an den Potsdamer Instituten?

Lawrence : Für Potsdam selbst kann ich keine Zahlen nennen. An unserem Institut liegt der Anteil von Wissenschaftlern aus anderen Ländern etwa bei 40 Prozent. . Insgesamt dürfte der Anteil in der Potsdamer Wissenschaftslandschaft zwar nicht ganz so hoch sein wie am IASS, ist aber schon beträchtlich. Gerade diese Internationalität zeichnet Potsdam doch aus. Es geht ja um die besten Köpfe weltweit.

Was könnte die Folge sein, wenn die Aggressivität eben nicht abnimmt und wenn keine vernünftige Diskussion entsteht?

Lawrence : Es wird sicherlich eine Auswirkung auf die Wissenschaft haben. Das wäre für mich aber zweitrangig. Wichtiger sind mir die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Wenn schon in der Wissenschaftslandschaft etwas zu spüren sein sollte, dann müssten die Auswirkungen in der Gesellschaft schon deutlich stärker sein. Eine Verschärfung und Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas könnte zum Beispiel durchaus wirtschaftliche Auswirkungen haben. Unsere Lebensqualität ist durch ein sehr friedliches Zusammenleben geprägt. Wenn sich die Gesellschaft spaltet, kann sie nicht gemeinsam an Lösungen arbeiten. Darüber mache ich mir wirklich Sorgen: Dass so ein schönes Land wie Deutschland durch die Ängste und die dadurch hervorgerufene Ausländerfeindlichkeiten an seine Stärke und Lebensqualität verlieren könnte.

Von Rüdiger Braun

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