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Potsdam erforscht Herkunft jüdischer Bücher

Universität forscht in der Vergangenheit Potsdam erforscht Herkunft jüdischer Bücher

Fahndung in der Vergangenheit: Erstmals in ihrer 23-jährigen Geschichte hilft die Universität Potsdam bei der Aufklärung der Frage, ob sie im Besitz von NS-Raubgut ist. Über eine Datenbank sollen Erbberechtigte künftig verlorene Bücher ausfindig machen können.

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Andreas Kennecke zeigt jüdische Bücherschätze im Magazin der Universitätsbibliothek in Potsdam-Golm.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Erstmals in ihrer 23-jährigen Geschichte prüft die Universität Potsdam die Herkunft von Büchern ihrer jüdischen Bibliothek. Dank einer Förderung durch die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung und der Kulturbeauftragten des Bundes kann die Universitätsbibliothek bei etwa 4500 Büchern Herkunftshinweise dokumentieren und in eine große deutsche Datenbank einspeisen. Über diese Datenbank können Erbberechtigte der Bücher ausfindig gemacht werden oder umgekehrt auf von ihnen vermisste Güter stoßen. Es ist möglich, dass die Universität einige wertvolle Bände zurückgeben muss.

"Wir wissen nicht, wie viel Arbeit auf uns zukommt", sagt der Leiter der Forschungsstelle, Andreas Kennecke. Die Universitätbibliothek denke schon lange über Provenienzforschung nach, erklärt Kennecke. In ihrer Arbeit sehen die Mitarbeiter Merkmale der Herkunft, der sogenannten Provenienz, ständig. Nur hätten für nähere Recherchen bisher Zeit und Mittel gefehlt. Der Fachreferent für Judaica schätzt, dass etwa fünf Prozent des Bestandes an Büchern, die mit jüdischen Themen zu tun haben und vor 1945 gedruckt wurden, Hinweise auf ihre Herkunft enthalten. Das können Stempel, Bibliothekssiegel und in vielen Fällen auch handschriftliche Einträge sein.

225 Bände mit wichtigen Hinweisen werden fotografiert

Bei den 4500 in Frage kommenden Büchern käme man auf 225 Bände mit wichtigen Hinweisen. Sie werden von Bibliothekar Sebastian Drost fotografiert. Wie viele Seiten er in den vergangenen Wochen abfotografiert hat, kann der junge Dokumentar nicht sagen. "Vielleicht schaffe ich am Tag Hunderte Bücher, keine Ahnung", sagt Drost. Wichtig seien ihm sowieso nur die Provenienzmerkmale. Die werden im Computer gespeichert.

Da ist zum Beispiel dieses Buch des Autors Erik Peterson mit dem Titel "Zeuge der Wahrheit". Drost hat einen Aufkleber auf der letzten Innenseite fotografiert. Dieser zeigt einen Sankt-Georgs-Ritter, darunter den Namen des früheren Buchbesitzers: "Antoon Ramsalaar". Andreas Kennecke, reibt sich das Kinn. "Na, ich würde denken, dass das aus Privatbesitz kommt. Das wird bestimmt kein Raubgut sein." Drost ist sich nicht sicher. "Man kann nicht wissen. Immerhin wurde es 1937 in Berlin gedruckt."

Erbberechtigte können nach verlorenen Büchern suchen

Die Historikerin Anke Geißler arbeitet sämtliche Buchtitel und Herkunftshinweise in die Datenbank raubgut.zlb.de der Zentralbibliothek Berlin ein. Eingespeist werden Buchtitel und Herkunftshinweise wie Namen früherer Besitzer oder Widmungen. "Die hebräischen Texte müssen in lateinische Lettern übertragen werden", erklärt Geißler. Das ist zeitaufwendig. "Wenn ich gut bin, brauche ich pro Buch 20 Minuten."

Anke Geißler gibt die gesammelten Daten in eine Datenbank der Zentralbibliothek Berlin ein.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Abgelegt werden sollen die Informationen auch in der Datenbank "Lostart". Dort können Erbberechtigte selbst nach verlorenen Stücken suchen. "Ich hoffe, dass es Erben gibt", so Geißler. Aber dann müsste die Bibliothek wohl das eine oder andere liebgewordene Buch zurückgeben

Tora auf Hebräisch und andere wertvolle Einzelstücke

Unter den in Frage kommenden Büchern befinden sich auch wertvolle Einzelstücke. Das älteste Werk in den Magazinen der Bibliothek ist ein Kommentar zur Tora auf Hebräisch, dem allerdings das Titelblatt fehlt. Es stammt aus dem Jahr 1580. Über den Wert solcher Exemplare lässt sich kaum etwas sagen. Antiquarische Bücher kosten auf dem Markt bis zu 300 Euro, oft auch mehr.

Insgesamt 12.000 Bände zählt der Bestand an Judaica der Uni-Bibliothek. In den Regalen finden sich gängige Titel wie ein Lehrbuch aus dem Jahr 1995, das Geschichtsstudenten an der Jerusalemer Universität nutzen. Es gibt aber auch Kostbarkeiten wie die auf Hebräisch gedruckte Ausgabe des "Führers der Unschlüssigen" von 1742.

Das im sachsen-anhaltinischen Jeßnitz gedruckte Buch wird im vollklimatisierten Magazin aufbewahrt. "Gläubigen Juden ist das Äußere gleichgültig", sagt Kennecke. Das Buch war Gebrauchsgegenstand. Für die Bibliothek ist es aber wertvoll. Innen ist der Band voller Kritzeleien. "Hier hat jemand hebräische Schriftzeichen geübt", sagt Kennecke. Ein Herkunftshinweis ist das nicht. Sehr wohl aber der blaue Stempel "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums". Die Berliner Lehranstalt war 1887 eröffnet und 1942 von den Nazis geschlossen worden. Das Inventar wurde beschlagnahmt. "Es kann sein, dass es Raubgut ist", so Kennecke. Sollte sich das herausstellen würde er mögliche Erben bitten, das Buch behalten zu dürfen.

Universität kaufte Bibliotheken aus dem Ausland an

Aber wie konnte NS-Raubgut überhaupt in die Bestände der Universität gelangen? Das hat mit den zum Teil abenteuerlichen Wegen der Bücher zu tun. Mit Freuden kaufte die größte Hochschule des Landes zum Beispiel die Bibliotheken von Israel Mehlmann (1900–1989) aus Jerusalem oder Israil Bercovici (1921–1988) aus Bukarest an. Auch der Amsterdamer Rabbiner Yehuda Aschkenasy (1924–2011) war 2005 bereit, seine Bücher der Universität zu verkaufen. Unter Aschkenasys Besitz befand sich auch besagter "Führer der Unschlüssigen". "Aschkenasy hat wahrscheinlich ganz viele Bücher aus Antiquariaten in Amsterdam bezogen", sagt Kennecke. Diese waren zum Teil auch von der ehemaligen DDR beliefert worden. Gut möglich, dass da Bücher aus Nazi-Raubbestand dabei waren und nun über diesen Umweg wieder zurück auf den Boden der ehemaligen DDR fanden.

Rückgabe oder Enttäuschung

  • Restitution von Raubkunst ist die Wiederherstellung von Eigentumsverhältnissen an Kunstwerken oder Büchern, die in der NS-Zeit vornehmlich aus jüdischem Besitz geraubt wurden, durch Rückgabe oder Entschädigung.
  • Im Februar 2000 wurde in einer Stellungnahme vor dem House Banking Committee in Washington unter Berücksichtigung konkreter Zahlenangaben vermutet, dass etwa 600.000 Kunstwerke zwischen 1933 und 1945 von Deutschen gestohlen, enteignet, beschlagnahmt oder geraubt wurden: 200.000 innerhalb von Deutschland und Österreich, 100.000 in Westeuropa und 300.000 in Osteuropa

Der Präsident der Universität Potsdam, Oliver Günther, begrüßt das Engagement der Universitätsbibliothek. "Sie könnte vielleicht Vorbild für andere wissenschaftliche Einrichtungen sein." Das Provenienzprojekt versuche vergangenes Unrecht aufzudecken, um den Weg für eine späte Wiedergutmachung zu öffnen. "Dieser gelungene Zweiklang von gemeinsamer Zukunft in Verantwortung der Vergangenheit freut mich persönlich sehr", so Günther.

Anerkennend äußert sich auch das Wissenschaftsministerium des Landes. Das Projekt könne zur Aufarbeitung der Folgen der NS-Zeit wichtige Beiträge liefern, sagt Sprecher Harald Sand. Bisher sei dem Ministerium kein weiterer Versuch der Provenienzforschung an den brandenburgischen Hochschulen bekannt.

Von Rüdiger Braun

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