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Brandenburg Sozialwissenschaftlerin wirbt für eine städtische Fahrradkultur
Brandenburg Sozialwissenschaftlerin wirbt für eine städtische Fahrradkultur
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18:33 27.02.2019
Lastenrad in Berlin. Die Sozialwissenschaftlerin Sophia Becker ist selbst eine begeisterte Radfahrerin und wirbt für eine neue Mobilität. Quelle: Maren Berger/IASS
Potsdam

Ihr Forschungsthema erlebt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Potsdamer Instituts für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), Sophia Becker, eigentlich Tag für Tag am eigenen Leib. Wenn Sie mit dem Fahrrad von ihrer Arbeitsstätte in der Berliner Straße Richtung Bahnhof fährt passiert Folgendes: „An der Kreuzung Richtung Humboldt-Brücke steht man als Fahrradfahrer oft minutenlang“, sagt sie. Erst lässt nämlich die Ampel all die Autofahrer auf den mehrspurigen Fahrbahnen von der Brücke und der Berliner Straße durch, dann sind die Radler dran.

„Es ist einfach frustrierend und unfair“, sagt die junge Sozialwissenschaftlerin. Dabei sei Potsdam von der Landschaft und der Architektur her eigentlich ein attraktiver Ort zum Radfahren. Sie weiß aber auch von ihrer Forschung her: Bevor Radfahren für noch mehr Potsdamer eine lohnende Alternative wird, muss noch einiges geschehen.

Radfahren als Teil der Energiewende

Seit Januar 2017 arbeitet Sophia Becker am IASS im sogenannten ENavi-Team, der Gruppe „Energiewende-Navigationssystem“. Diese wiederum gehört den vom Bundesforschungsministerium geförderten „Kopernikus-Projekten“ an, die die Energiewende wissenschaftlich unterstützen sollen. Ein wichtiger Faktor der Energiewende ist die Mobilität. Dabei liegt eine Lösung ziemlich nahe: Leute müssten einfach weniger Auto und mehr Fahrrad oder Bus fahren. Warum die Lösung doch nicht so einfach ist und wie sie gefördert werden könnte, das treibt Becker schon seit ihrer Doktorarbeit in Stuttgart um. Es ist auch Kern ihrer aktuellen Untersuchungen am IASS in Potsdam.

„Ich denke, das Fahrrad ist immer noch ein unterschätztes Verkehrsmittel“, sagt Becker. „Auch in der Verkehrsplanung.“ Diese sei darauf ausgerichtet, dass der Autoverkehr gut fließen kann. „Auch wenn das gar nicht gut funktioniert“, wie man übrigens auch in Potsdam gut sehen könne. Gründe für diese Haltung sei nicht nur die starke Position der Autoindustrie, sondern auch die Unterstellung der Behörden, dass die Menschen von ihrer Freizeit abgesehen partout kaum Rad fahren wollten.

In Grenzen stimmt das sogar. So fand Becker in früheren Umfragen heraus, dass das Auto immer noch ein Statussymbol ist und auch zu Kommunikationszwecken eingesetzt wird. Becker berichtet von einer Immobilienmaklerin, die bei Besichtigungen ihren Porsche Cheynenne mal gut sichtbar, mal gut versteckt parkt. Wohlhabenden Kunden soll das teure Auto zeigen: Ich habe es geschafft, ich bin kompetent. Bei eher minderbemittelten Kunden muss das Auto verborgen werden, damit nicht ungewollt das Signal einer skrupellosen Abzockerin ankommt.

Lastenräder sind sehr gefragt

Von solchen Fällen abgesehen, sei die Bevölkerung aber schon sehr viel weiter als sich Kommunal- und Landespolitiker träumen lassen. Es muss nur ein ihren Bedürfnissen entsprechendes Angebot geben – und schon ändert sich das Verhalten. In Stuttgart haben Menschen schon lange die Möglichkeit, auch sogenannte Lastenräder zu mieten. Mit der großen Ladefläche vorne kann man mit ihnen nicht nur bequem die Kinder zur Kita bringen, sondern auch größere Einkäufe tätigen. In Potsdam kann man ein Lastenrad am Hauptbahnhof in der Radstation „Pedales“ kostenlos ausleihen.

Becker hatte damals Nutzer von Lastenrädern gefragt, was sie getan hätten, wenn es diese Lastenräder nicht gebe. 46 Prozent antworteten, dass sie dann das Auto genommen hätten. Das heißt aber im Umkehrschluss: Kommt man leicht an ein solches Lastenrad heran, sind auch mehr Menschen bereit, vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen.

Ein erster Lösungsvorschlag Beckers für mehr Radmobilität lautet daher: Der nächste Anbieter von Mietfahrrädern muss auch zusätzliche Lastenräder im Angebot haben.

Eine Kaufprämie für Räder würde helfen

Doch dies wäre nur ein Mosaikstein in einem weit größeren Umbauprogramm zur Mobilität. Becker plädiert auch für die politische Förderung von Lastenrädern. „Wenn eine Kaufprämie für Lasträder im ganzen Land Brandenburg eingerichtet würde, würde deren Nutzung sicher auch im ländlichen Raum steigen.“ Darüber hinaus müsste die gesamte Stadtplanung viel mehr für die Radfahrer gedacht werden. „Es geht darum Maßnahmen zu treffen, dass alle, die Fahrrad fahren wollen, das auch können“, so Becker. Bloße Empfehlungen reichten dabei keineswegs aus.

Becker führt in diesem Zusammenhang die „Wegeketten“ an. Die ergeben sich, wenn Leute unterschiedliche Verpflichtungen unter einen Hut bringen wollen. Wer erst weit außerhalb des Ortes sein Kind zur Kita bringen muss, wird anschließend kaum noch mit dem Rad zur Arbeit fahren. Insofern müssten Angebote wie Kitas, aber auch ärztliche Hilfe leichter erreichbar sein, wenn die Mobilität grundsätzlich geändert werden soll. Wo dies nicht möglich sei, müsse es zumindest einen guten Übergang zu öffentlichen Verkehrsmitteln mit sicheren Abstellplätzen für Räder geben.

Kern für eine andere Mobilität sei eine bessere Infrastruktur. Becker spricht sich zum Beispiel für breitere Radwege und mehr Abstellplätze insbesondere auch für Lastenräder aus. Die Strecken für Radfahrer müssten aber auch sicher sein. Ein Punkt, der viele Senioren, aber auch Eltern mit Kindern vom Radfahren abhält, ist die Gefährlichkeit. „Es gibt immer noch das Rechtsabbiegerproblem“, sagt Becker. Das Abbiegen großer Fahrzeuge hat schon vielen Radlern das Leben gekostet.

Konflikte mit Autofahrern bleiben nicht aus. Tatsächlich müssten ihnen zum Beispiel einige Fahrspuren und Parkplätze genommen werden. Dass das nicht unbedingt unmodern sei, beweisen die Niederlande. Dort macht man etwa in Groningen innerstädtisch das Autofahren durch lauter Sackgassen unattraktiv. Die Folge: Alle fahren Rad, finden aber auch genügend Wege und Radparkplätze vor.

Die Zeit für eine Wende in diese Richtung sei günstig, meint Becker. „Es gibt aktuell auch eine Vertrauenskrise bei den Autos.“ Umgekehrt würden in der Bevölkerung Carsharing und die Aussicht auf digital gesteuerte Mobilität immer attraktiver. „Die Zivilgesellschaft sollte der Politik den Rücken stärken“, so Becker. Große Änderungen seien möglich. Das belege auch das neue Berliner Mobilitätsgesetz. Ob das seine Versprechungen halten kann, wird womöglich auch bald ein Forschungsthema des IASS.

Von Rüdiger Braun

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