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Überwachung vs. Privatsphäre

MAZ-Redakteure diskutieren Überwachung vs. Privatsphäre

Können Überwachungskameras Straftaten verhindern? Die Befürworter dieser These erhoffen sich mehr Sicherheit, die Gegner befürchten einen totalen Überwachungsstaat und den Verlust der Privatsphäre. Die MAZ-Redakteure Ulrich Wangemann und Odin Tietsche diskutieren über das kontroverse Thema und kommen zu unterschiedlichen Meinungen.

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Überwachungskameras sind derzeit eines der am heißesten diskutierten Themen.

Quelle: LVZ

Potsdam. Nach den Morden an Elias (6) aus Potsdam und dem 4-jährigen Flüchtlingsjungen Mohamed wird derzeit kaum ein Thema so kontrovers diskutiert wie die „Videoüberwachung“. Sollten an öffentlichen Orten mehr und vor allem bessere Kameras installiert werden? Oder wird dadurch in einem nicht unerheblichen Maße nur die Privatsphäre von Millionen Menschen unnötig verletzt? Die MAZ-Redakteure Ulrich Wangemann und Odin Tietsche beleuchten das Pro und Contra so einer Videoüberwachung.

Ulrich Wangemann (Contra): „Zu diesem Misstrauensvotum in eigener Sache bin ich nicht bereit“

Eine flächendeckende Videoüberwachung ist für mich eine bedrückende Vorstellung. Sie wäre das Eingeständnis, dass wir unseren Nachbarn, unserem Viertel, unserer Stadt nicht mehr trauen. Zu diesem Misstrauensvotum in eigener Sache bin ich nicht bereit.

Ulrich Wangemann

Ulrich Wangemann

Quelle: Bernd Gartenschläger

Intakte menschliche Beziehungen verhindern Verbrechen am wirksamsten. Daran sollten wir arbeiten, uns über Mobbing am Arbeitsplatz, Ausgrenzung, blöde Witze über Dicke, den sozialen Pranger der neuen Medien und die verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber einsamen Menschen, die Hänselei von Schwachen unterhalten. Aber wenn ich spazieren gehe, Freunde treffe, ja am Spielplatz auf meine Tochter warte, will ich nicht von irgendeinem Sachbearbeiter herangezoomt und auf mögliche Verdachtsmomente gescannt werden.

Jeder knutschende Teenager hat das Recht auf Unbeobachtet-Sein, jedes vertrauliche Gespräch im Park ist Privatsache. Straftaten verhindert eine Videoüberwachung außerdem ganz selten. An Bahnhöfen etwa verschiebt sich das Kriminalitätsgeschehen einfach in die Nachbarstraßen. Sollen wir die auch alle überwachen? Und wer soll die ganzen Aufnahmen auswerten?

Natürlich hat im Mordfall Elias/Mohamed ein Video die Fahnder auf die Erfolgsspur gesetzt. Verhindert hat die Kamerapräsenz die Entführung des Flüchtlingsjungen Mohamed aber nicht. Das alte Argument der Kamera-Befürworter, wer nichts zu verstecken habe, könne sein Leben auch offen legen, ist eins, das mir Furcht einjagt. Was ist denn, wenn mal die Falschen ans Ruder kommen, wenn die Bürgerrechte unter Druck kommen wie derzeit im EU-Staat Ungarn oder in der Türkei? Die Sicherheitskräfte können dann jeden durchleuchten, problemlos Bewegungsprofile anfertigen – und unliebsame Oppositionelle mit Fremdgeh-Bildern erpressen. Hochauflösend. Gruselig.

Odin Tietsche (Pro): „Der Mord an Mohamed hätte durch Videoüberwachung verhindert werden können“

Kameras – und zwar überall: an jeder Straßenecke, an jedem Bahnhof, in jedem Bus, vor jedem Supermarkt. Eine totale Überwachung des öffentlichen Strecken- und Wegenetzes. Was für jeden freiheitsliebenden Privatsphäre-Beschützer klingen mag wie eine Horrorvorstellung 2.0, ist in Wirklichkeit eine greifbare Möglichkeit, unsere Umgebung und unseren Alltag ein Stück weit sicherer zu machen. Zumindest, wenn man hochauflösende Kameras einsetzt, und nicht diese Wackelbildgeräte, mit denen uns derzeit an vielen Orten eine nicht vorhandene Sicherheit vorgegaukelt werden soll.

Würde uns die totale Überwachung die totale Sicherheit bringen? Nein, definitiv nicht. Mördern, Psychopaten und Amokläufern dürften die Kameras relativ egal sein. Wenn jemand einen Menschen töten will, kann auch die beste Ultra-HD-Kamera nichts dagegen unternehmen.

Odin Tietsche

Odin Tietsche

Quelle: Peter Geisler

Doch die Kamera kann helfen, den Täter zu identifizieren, der vielleicht sonst unentdeckt entkommen würde und vielleicht noch weiteren Menschen Unheil antun könnte.

Die Kernfrage in den letzten Tagen lautete: Würde Elias aus Potsdam heute noch leben, wenn es mehr Überwachungskameras geben würde? Wahrscheinlich nicht. Doch der Mord an Mohamed hätte durch Videoüberwachung verhindert werden können. Denn wenn die Straßen Potsdams, die Kreuzungen, die Autobahnabfahrten, einfach alle Wege und Plätze auch außerhalb der Landeshauptstadt mit Überwachungskameras bestückt wären, hätte man innerhalb weniger Stunden nach Elias’ Verschwinden im Juli die Spur zu Silvio S. verfolgen können. So aber hatte man nichts in der Hand – und nur deswegen konnte Silvio S. im Oktober, drei Monate nach dem Verschwinden von Elias, auch den kleinen Mohamed entführen, missbrauchen und am Ende erdrosseln.

Ich bleibe dabei: Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich um die Videoüberwachung nicht zu kümmern. Denn es interessiert wirklich niemanden, wann ich mit wem ins Kino gehe, wo ich meine Milch kaufe oder wann ich mit dem Hund Gassi gehe – übrigens alles Informationen, die unzählige Facebook- und Twitter-Nutzer ohnehin ungefragt und ohne Zwang tagtäglich von sich preisgeben. Aber wenn jemand eine Schülerin auf dem Heimweg überfällt und vergewaltigt, ein Kind entführt und tötet oder einen Supermarkt-Kassierer bei einem Überfall erschießt, dann sollte die Polizei schnell handeln und den Täter auch zeitnah identifizieren und verfolgen können.

Kameras können nicht alle Verbrechen verhindern – aber zumindest einige. Die Frage ist natürlich: Lohnt sich dieser ganze Aufwand dann überhaupt, überall Kameras zu installieren, wenn nur einige Verbrechen und nicht alle damit verhindert werden können? Ich sage: Ja! Aber fragen Sie nicht mich, fragen Sie einfach die Mutter von Mohamed, ob sie sich wünschen würde, dass man Silvio S. dank einer besseren Videoüberwachung schon im Juli hätte verhaften können – bevor ihr Sohn drei Monate später sterben musste. Und jetzt fragen Sie sich selbst, was Sie antworten würden, wenn es Ihr Kind gewesen wäre.

Von Ulrich Wangemann und Odin Tietsche

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