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Brandenburg „Was hast du mit meinem Kind gemacht?“
Brandenburg „Was hast du mit meinem Kind gemacht?“
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19:50 26.07.2016
Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld: Unter großer öffentlicher Anteilnahme hat das Landgericht sein Urteil gegen Silvio S. gesprochen. Quelle: dpa
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Potsdam

Irgendwann kann Aldiana J. es nicht mehr ertragen, dem Mörder ihres Kindes in die Augen zu sehen, während das Verbrechen noch einmal in allen Einzelheiten ausgebreitet wird. Mohameds Mutter will den Gerichtssaal vorzeitig verlassen und steht schon in der Tür, als sie auf der Schwelle plötzlich kehrt macht und den Angeklagten ein letztes Mal fixiert. „Was hast du mit meinem Kind gemacht?“, ruft sie durch den Saal und schickt ein paar drohende Worte hinterher, die so drastisch sind, dass sie allein mit der Ausnahmesituation zu rechtfertigen sind, in der sich die 29-Jährige befinden muss. Justizbedienstete bringen sich in Stellung, aber Begleiter können die aufgewühlte Frau schließlich davon abbringen, auf den Mann zuzustürmen, der ihr ihren vierjährigen Sohn genommen hat.

Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen

Es ist einer der emotionalsten Momente des Prozesses gegen Silvio S., der am Dienstag nach zwölf Verhandlungstagen vor dem Landgericht Potsdam zu Ende gegangen ist. Der Tag der Urteilsverkündung hat schon früh begonnen. Um 5.45 Uhr stehen die ersten Besucher Schlange, im Innenhof des Justizzentrums drängen sich Journalisten mit Kameras und Mikrofonen. Die Sicherheitsmaßnahmen sind noch einmal verstärkt worden, vor dem Gebäude parkt ein Streifenwagen, die Justizbeamten tragen schusssichere Westen. Wiederholt gab es Drohungen gegen Silvio S.

Vor Gericht trifft den 33 Jahre alten Wachschützer die größtmögliche Strafe. Lebenslänglich muss er in Haft, aus der er selbst nach Jahrzehnten nicht so schnell wieder herauskommen wird, denn die 1. Strafkammer um den Vorsitzenden Richter Theodor Horstkötter stellte eine besondere Schwere der Schuld fest. Die Entführung, der Missbrauch und der gewaltsame Tod zweier Kinder seien „für alle unbegreifliche Straftaten“, sagt Horstkötter in der dreistündigen Urteilsbegründung.

Gericht schließt sich psychiatrischem Gutachten an

„Man entführt keinen, man tötet keinen“, hat Silvio S.kurz nach seiner Festnahme gesagt. Es sind profane Worte für grausame Taten, aber sie zeugen von Einsichtsvermögen. Ein psychopathologischer Mörder, der kaum wusste, was er tat, das war der Angeklagte nicht. So hat es das Gutachten des angesehenen Gerichtspsychologen Matthias Lammel nahegelegt, dem sich die Kammer in allen Punkten angeschlossen hat.

Silvio S. gilt als voll schuldfähig, aber ob er einen gemeingefährlichen Hang zu weiteren Straftaten habe, das vermochte Lammel nicht zu sagen. Deshalb ist der Richterspruch hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft zurückgeblieben, neben der lebenslänglichen Haftstrafe eine anschließende Sicherungsverwahrung zu verhängen. Auch wird Silvio S. keine sexuelle Störung attestiert, er sei weder pädophil noch sadomasochistisch veranlagt. Für Horstkötter mussten Elias und Mohamed allein aus einem perfiden Kalkül heraus sterben. „Sie haben kleine Jungen als Opfer gewählt, weil von ihnen keine Gegenwehr zu erwarten war.“

Sonderling aus Kaltenborn

Das Urteil setzt den Schlusspunkt unter eine Tragödie, die im brandenburgischen Kaltenborn (Teltow-Fläming) ihren Anfang nahm und mit dem Tod der beiden Jungen dort auch ihr Ende gefunden hat. Geboren 1983, wächst Silvio S. in einer Schäferfamilie auf, durchlebt eine Kindheit und Jugend ohne echte Freunde, seine Schulnoten sind durchschnittlich. Er ist der schüchterne Außenseiter, dem sie vorhalten, hässlich zu sein und zu stinken, später im Arbeitsleben befindet man ihn schlichtweg für dumm.

Anstatt auszuziehen entschließt er sich, mit den Eltern gemeinsam ein Haus in Kaltenborn zu kaufen. Zu seiner Mutter hat er eine enge, vielleicht erdrückende Bindung, während der Vater den Tyrannen gibt, laut und unbeherrscht, was den Sohn verletzt und verunsichert haben muss. Wenn es Silvio S. zuviel wird, flüchtet er sich zu den Nachbarn, um sich das Herz auszuschütten. Soweit das eben gehe bei einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung, meint Horstkötter. „Sie haben gemerkt, dass Sie Menschlichkeit spüren wollten.“

Mit den Jahren ist aus dem belächelten Sonderling ein kaltblütiger Mörder geworden, ohne dass es jemand bemerkte, weder im Dorf noch in der Familie. Als Aldiana J. schreiend aus dem Gerichtssaal begleitet wird, senkt Silvio S. den Kopf. In seinen Händen knetet er ein Taschentuch, ihm stehen Tränen in den Augen. Er wird nun viele Jahre Zeit haben, über seine Taten nachzudenken.

Welche Voraussetzungen hat eine Sicherungsverwahrung?

Die Sicherungsverwahrung ist kein Strafmaß, sondern wird neben der Strafe vom Gericht angeordnet. Sie soll dem Schutz der Allgemeinheit vor besonders gefährlichen Straftätern dienen, indem diese auch über das Ende ihrer Haft hinaus im Gefängnis bleiben müssen. Die Sicherungsverwahrung kann bis zum Lebensende andauern.

Die Voraussetzungen regelt Paragraf 66 des Strafgesetzbuches. Neben notorischen Wieerholungstätern kann eine Sicherheitsverwahrung demnach auch bei Ersttätern angeordnet werden. Dies ist allerdings ausschließlich dann möglich, wenn die „Gesamtwürdigung des Täters und seiner Taten ergibt, dass er infolge eines Hanges zu erheblichen Straftaten ... zum Zeitpunkt der Verurteilung für die Allgemeinheit gefährlich ist“.

Zur Beurteilung der Gefährlichkeit von Straftätern sind Gerichte auf psychiatrische Gutachten angewiesen. Das für Silvio S. kommt zu dem Schluss, dass besagter Hang zu weiteren Straftaten aufgrund einer „unzureichenden empirischen Basis“ nicht beurteilt werden könne. Das Gutachten hat der renommierte Gerichtspsychiater Matthias Lammel erstellt. Der Sachverständige erklärte, dass Silvio S. nach einer Verurteilung unter den Bedingungen des Strafvollzugs lernen könne, wie man sich in einer Gemeinschaft verhalte.

Das Gericht ist an die Stellungnahme des Sachverständigen grundsätzlich nicht gebunden, sondern kann unabhängig entscheiden. Beobachter des Prozesses gegen Silvio S. hielten es im Vorfeld der Urteilsverkündung jedoch für unwahrscheinlich, dass sich die Strafkammer über das Gutachten hinweg setzen würde.

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