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Brandenburg Psychogramm einer kaputten Familie
Brandenburg Psychogramm einer kaputten Familie
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18:30 11.05.2016
Vertritt die Anklage: Staatsanwältin Anette Bargenda. Quelle: dpa-Zentralbild
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Neuruppin

Es war der Auftritt der beiden Töchter vor Gericht, der ein Schlaglicht auf eine Familie wirft, die schon vor langer Zeit zerbrochen ist. Am dritten Prozesstag gegen Erna F. vor dem Neuruppiner Landgericht sagten am Dienstag Carmen W. (54) und Martina F. (45) als Zeugen aus. Dabei belastete die Ältere ihre 74-jährige Mutter, die Jüngere nahm sie in Schutz. Erna F. wird vorgeworfen, ihr drittes Kind, den damals achtjährigen Mario, in der Nacht vom 4. zum 5. November 1974 in ihrer Wohnung in Schwedt mit Gas vergiftet zu haben. Der verhaltensauffällige Junge habe, so Staatsanwältin Anette Bargenda, der Lebensplanung der Angeklagten im Wege gestanden. Erna F. bestreitet die Tat, im Prozess aber schweigt sie.

Blick in den Gerichtssaal. Quelle: dpa-Zentralbild

Carmen W. lebt in Königs Wusterhausen und ist Sachbearbeiterin. Sie hat mit der Schwester keinen Kontakt und mit der Mutter bereits vor vielen Jahren gebrochen, im Prozess spricht sie ihre Mutter mit Familiennamen an. „Warum?“, will der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann wissen. Weil sie ihr Kindheit und Jugend gestohlen habe, sagt Carmen W. mit harter Stimme. Erna F.s Miene ist versteinert, sie beobachtet ihre Tochter aus dem Augenwinkel und hört sich reglos deren Vorwürfe an. Als Mario starb war Carmen 12 Jahre. Sie habe sich täglich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, Mario zur Schule und die damals vierjährige Martina zum Kindergarten bringen müssen, sagt sie. Am Nachmittag habe sie Bruder und Schwester abholen und beaufsichtigen müssen. „Ein Mutter stellt man sich anders vor, liebevoll, aber sie wollte ihre eigenen Lebensvorstellungen umsetzen, dabei störten wir Kinder“, so Carmen W, die mit 14 Jahren – wie sie sagt – mit Koffer und Busfahrschein in der Hand zum leiblichen Vater – sie stammt aus einer früheren Beziehung von Erna F. – abgeschoben worden sei.

Erna F. am Prozesstag. Quelle: dpa-Zentralbild

Statt Zärtlichkeiten habe es oft Schläge wegen Nichtigkeiten gegeben, häufig mit einem Ledergürtel, so Carmen W. Nach der Trennung von ihrem Ehemann habe Erna F. in der Wohnung ständig Männerbesuche gehabt und sei durch Kneipen gezogen. Einmal habe sie die Mutter betrunken vor der Badewanne gefunden.

Im Grunde lässt Carmen W. keinen guten Faden an der Mutter. Sie bleibt gefasst, aber man merkt, dass die tiefen Verletzungen einer freudlosen Kindheit aufgebrochen sind. „Ich hasse meine Mutter nicht“, sagt sie, nur sprechen ihre Aussagen eine andere Sprache.

Carmen W. geht davon aus, dass sich ihre Mutter des ungeliebten Sohnes, der Unfug trieb, stahl und überall Probleme machte, auf grausame Weise entledigt habe. Die Mutter habe den Gashahn am Küchenherd aufgedreht und die Türen von Küche und Kinderzimmer offengelassen. Mario habe in jener Novembernacht allein im Kinderzimmer geschlafen, während die Mädchen im sonst verbotenen Schlafzimmer nächtigen durften, so Carmen W. Schließlich habe ihr die Mutter eingeschärft, welche Schalterstellung des Gasherdes sie angeben soll, falls die Polizei fragt. Gegen Erna W. war zu DDR-Zeit nie ermittelt wurden. Der Gastod galt als Unfall. Dass sie jetzt vor Gericht steht, geht auf eine anonyme Anzeige von 2009 zurück. Carmen W. bestreitet die Absenderin zu sein. Bei aller Dramatik ihrer Schilderungen ist die 54-Jährige keine Zeugin, die einen Beweis für Erna F.s Schuld liefert. Vieles ist Vermutung und vielleicht auch angestauter Zorn. Carmen W. war ein 12-jähriges Kind als Mario starb – und sie schlief.

Ihre Schwester Martina F., damals vier Jahre, hat nur bruchstückenhafte Erinnerungen an die Todesnacht. „Ich weiß noch, dass der Notarzt mit einer Lampe Mario in die Augen leuchtete.“ Die Zahnärztin, die Erna F. als fürsorglich gegenüber den drei Kindern beschreibt, lebt wie ihre Mutter jetzt in Göttingen. Erna F. war 1987 aus der DDR ausgereist – mit Nesthäkchen Martina, dem offenbar all die Liebe galt, die Carmen vermisste. „Ich war das Eifersuchtsobjekt meiner Schwester“, so Martina.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Von Volkmar Krause

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