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Brandenburg „Ich bin kein Flüchtlingsmädchen, ich bin eine Berlinerin“
Brandenburg „Ich bin kein Flüchtlingsmädchen, ich bin eine Berlinerin“
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12:54 09.10.2018
Rand Rajab flüchtete vor drei Jahren aus Syrien nach Berlin und wurde für ihr Engagement in Deutschland von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Bürgerfest  2018 eingeladen. Quelle: Diana Bade
Berlin

Rand kommt etwas später zur großen Feier ins Schloss Bellevue und das hat einen guten Grund. „Ich hatte bis nachmittags noch Schule“, sagt sie. Die hübsche Syrerin mit der Lockenmähne trägt ein kurzes Paillettenkleid, Plateauschuhe und eine schwarze Strumpfhose. Sie gehört zu den 4000 Gästen beim Bürgerfest des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Die Syrerin bekam eine Einladung für das Fest, weil sie sich ehrenamtlich mit viel Herz für andere Menschen einsetzt.

Die 18-Jährige ist Integrationslotsin beim Malteser Hilfsdienst in Berlin. Dort hilft sie jungen Flüchtlingen beim Deutschlernen. Denn Rand weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man noch keine reguläre deutsche Schulklasse besucht und mit anderen Migranten in der Willkommensklasse sitzt. „Das ist doch dumm, da spricht man in den Pausen nur Arabisch.“

Schwieriger Neustart in Berlin

Berlin ist für Rand Rajab inzwischen zur zweiten Heimat geworden. Quelle: privat

Vor drei Jahren musste die Syrerin allein mit ihren beiden Geschwistern nach Deutschland fliehen, weil in ihrer Heimat Krieg herrscht. Sechs Monate vor ihrer Ankunft in der Hauptstadt hatte sich bereits ihre Mutter auf den Weg nach Deutschland gemacht, um nach einer Bleibe für sich und ihre Kinder zu suchen. Als die Kinder Ende 2015 endlich ihre Mutter in Berlin wiedersehen, fällt die Anspannung ab. Die Familie ist zuversichtlich, nun wieder sicher an einem Ort leben zu können.

Doch die ersten Wochen und Monate in der fremden Stadt sind hart für die Rajabs. Ohne Papiere, Geld und Wohnung muss die Familie ihre Flüchtlingsunterkunft nach zwei Wochen wieder verlassen. Auf gepackten Taschen beginnt das Warten vor der überlasteten Flüchtlings-Aufnahmestelle vor dem Landesamt für Gesundheit (Lageso) in Berlin-Moabit. In der Warteschlange lernen die Rajabs nicht nur eine Vermieterin kennen, die ihnen übergangsweise eine Wohnung vermittelt, sondern auch Andreas Tölke von der Flüchtlingsinitiative „Be an angel“. Er findet für die Familie eine neue Wohnung in Prenzlauer-Berg. „Ohne Andreas, hätten wir es nicht geschafft“, sagt die junge Frau und lächelt ihren Begleiter an, der inzwischen ein guter Freund der Familie geworden ist.

„Wir dachten, wir sterben“

Er hält ihre Hand fest, als sie von der Flucht aus Syrien mit ihren Geschwistern berichtet. Sie erzählt von den acht Stunden mit 40 Menschen auf dem Flüchtlingsboot von der Türkei nach Griechenland, von der nassen Kleidung, von der Kälte und von der Angst. „Wir dachten, wir sterben.“ Zwei Monate dauert der beschwerliche Weg, bis sie in Berlin ankommt, drei Jahre ist es her, seit die Kinder Syrien verlassen haben. Doch Albträume von der Flucht überfallen Rand noch immer jede Nacht. Der Krieg hat sie verändert. Sie wirkt älter als andere Mädchen in ihrem Alter. Rand ist jetzt kein Kind mehr.

Neu in Deutschland, will die Syrerin vorankommen. Sie will nicht in der Willkommensklasse bleiben, wo Migranten unter sich sind. Sie telefoniert aus eigener Kraft Berliner Schulen ab und schafft die Aufnahmeprüfung in eine reguläre Klasse des privaten Europa-Gymnasiums in Berlin-Schöneberg. Dort besteht sie die mittlere Reife, obwohl sie in Syrien wegen des Kriegs anderthalb Jahre vor der Flucht keinen Unterricht, weil Krieg herrschte. In Berlin besucht sie seit diesem Schuljahr die George-Orwell-Schule und will dort das Abitur machen. Doch das ist nicht alles. „Es gibt noch mehr als Schule“, sagt Rand und lacht.

„Es macht mich glücklich, anderen zu helfen.“

Rand hat für ihr Engagement ihren eigenen Weg gefunden. Sie singt nicht nur im deutsch-arabischen „Hoffnungschor“, der sowohl aus Deutschen als auch aus Flüchtlingen und weiteren Menschen mit Migrationshintergrund besteht. Inzwischen spricht sie so gut Deutsch, dass sie als Integrationslotsin anderen arabisch sprechenden Jugendlichen am Nachmittag Nachhilfe gibt. „In der 9. Klasse ist es so schwer, etwas zu verstehen. Ich dachte, es wäre doch toll, wenn ich anderen mit der Sprache helfe.“ Die zehn Jugendlichen sind alle um die 16 Jahre alt und kommen aus dem Irak, aus Syrien und aus Kurdistan. Rand fühlt sich durch sie an die damals 15-jährige Rand erinnert, die vor drei Jahren nach Berlin floh. „Das ist ein komisches Gefühl, aber es macht mich glücklich, ihnen zu helfen.“

Die Bilder aus Chemnitz machen ihr keine Angst

Anders als ihre Sprachschüler, fühlt sich Rand bereits angekommen in Deutschland, ihrer „zweiten Heimat“, wie die Syrerin sagt. Die Bilder aus Chemnitz machen ihr keine Angst. „Diese Leute sind eine Minderheit“, sagt sie. Auch die Gymnasiastin hat bereits den Hass gegenüber dem vermeintlich Fremden selber erlebt. Sie erinnert sich an eine Situation auf dem Nachhauseweg im Bus. Weil sie auf Arabisch mit einer Freundin telefonierte, beschimpfte sie ihr Sitznachbar, sie solle doch gefälligst Deutsch reden. Rand stieg aus dem Bus und verstand die Welt nicht mehr. „Nach all dem, was ich in Deutschland gemacht habe, muss ich mir sowas anhören?“

Rand sträubt sich dagegen, auf das reduziert zu werden, was manche in ihr sehen wollen. Als kürzlich eine Zeitung über das Engagement der jungen Frau berichtete, konnte sie nicht glauben, was sie unter ihrem Foto las: „Flüchtlingsmädchen“, stand dort geschrieben. Rand schüttelt verständnislos ihren Kopf, hat sie doch genug gekämpft, um endlich ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. „Ich bin kein Flüchtlingsmädchen, ich bin eine Berlinerin“, sagt sie.

Von Diana Bade

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